Manöver „Steadfast Noon“

Nato-Übung über Ostsee: Auch Deutschland übt den Einsatz von Atomwaffen gegen Putin

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Die Militärübung findet ohne scharfe Bomben statt. Zuletzt nahm die Debatte um Deutschlands nukleare Teilhabe, US-Raketen und ein Atomwaffenverbot wieder Fahrt auf.

Brüssel – Von Montag an übt die NATO beim Manöver „Steadfast Noon“ die Verteidigung ihres Bündnisgebietes mit Nuklearwaffen. „Die nukleare Abschreckung ist das Fundament der Sicherheit der Allianz“, erklärte Nato-Generalsekretär Mark Rutte zum Start des Manövers. Die Übung mit dem Namen „Steadfast Noon“ sende eine klare Botschaft an jeden Gegner: Die Nato werde alle Verbündeten schützen und verteidigen. Gleichzeitig betonte das Nato-Hauptquartier, die Übung sei keine Reaktion auf den Ukraine-Krieg und es kämen keine scharfen Waffen zum Einsatz.

Am Montag ist es wieder soweit: Die Nato beginnt ihre jährliche Atomwaffenübung. (Archivbild)

Nato-Übung zum Nuklearwaffeneinsatz findet ohne Bomben statt

Die Übung findet jährlich statt. In den kommenden zwei Wochen sollen, dem Militärbündnis zufolge, etwa 2.000 Militärs auf acht Luftwaffenstützpunkten, hauptsächlich in Belgien und den Niederlanden, beteiligt sein. An dem Manöver nehmen 13 Nato-Staaten teil, darunter auch Deutschland. Die Übung findet im Luftraum Großbritanniens, Dänemarks und über der Nordsee statt.

Militärexperten zufolge wird üblicherweise geübt, wie in Europa stationierte US-Nuklearwaffen im Ernstfall auf Kampfflugzeuge europäischer Nato-Staaten aufgeladen könnten, die sie dann abwerfen würden. Bei der Übung werde allerdings ohne Bomben geflogen, betonte das Nato-Hauptquartier.

Beistandverpflichtung und nukleare Teilhabe: Kern der Nato-Abschreckungsstrategie

Offiziell macht keiner der Nato-Staaten Angaben darüber, wo die US-Nuklearwaffen lagern. Kolportiert und nie dementiert wurden jedoch etwa der Luftwaffenstützpunkt im rheinland-pfälzischen Büchel, und Basen in Norditalien, Belgien sowie in den Niederlanden.

Die Nuklearwaffen sind Bestandteil der sogenannten nuklearen Teilhabe, einem Konzept aus dem Kalten Krieg, wonach im Falle einer nuklearen Eskalation Kampfflugzeuge aus europäischen Nato-Staaten US-Atombomben abwerfen würden. Gemeinsam mit der in Artikel 5 des Nato-Vertrages verankerten Beistandspflicht gilt die nukleare Teilhabe als Kern der nuklearen Abschreckung des Bündnisses.

Trump schwächt Vertrauen in die Nato – Debatte um EU-Atombombe

Nachdem Ex-US-Präsident Donald Trump zuletzt mehrfach kund tat, dass er sich im Falle seiner Wiederwahl nicht an seine Beistandsverpflichtungen halten würde, begann eine Debatte um eine nukleare Bewaffnung der EU oder gar Deutschlands. Maßgeblich befördert wurde diese im EU-Wahlkampf, als SPD-Spitzenkandidatin Katharina Barley laut über EU-Nuklearwaffen nachdachte.

Kanzler Olaf Scholz (SPD) wischte diese Bedenken beiseite, es gebe „keinen Anlass, jetzt aus Angst vor dem Scheitern, das was so wertvoll ist, infrage zu stellen“, betonte er auf einer europapolitischen Konferenz im März. Deutschland brauche „keine eigenen Atomwaffen“, aber seine Regierung stehe zur nuklearen Teilhabe, sagte Scholz weiter. Explizit hierfür sollen für die deutsche Luftwaffe US-Jets vom Typ F35 angeschafft werden, um die inzwischen 50 Jahre alten Tornados zu ersetzen. Die Union unterstütze das dafür nötige Sondervermögen.

„Air Defender 23“: Diese Flugzeuge kommen bei der riesigen Nato-Übung zum Einsatz

Nach Angaben der Bundeswehr beteiligt sich die Luftwaffe mit 64 Maschinen. Darunter sind auch 16 Tornados, die der Aufklärung und dem Kampf dienen.
Rund 250 Flugzeuge sind bei der Nato-Übung „Air Defender 23“ im Juni im Einsatz. Nach Angaben der Bundeswehr beteiligt sich die Luftwaffe mit 64 Maschinen. Darunter sind auch 16 Tornados, die der Aufklärung und dem Kampf dienen. Die Auslieferung der ersten PA-200 Tornados an die Bundeswehr begann im Jahr 1981 und wurde 1992 abgeschlossen. Ausgeliefert wurden insgesamt 357 Mehrzweckkampfflugzeuge an die Luftwaffe, aber auch an die Marine. Die Geschwindigkeit beträgt im Tiefflug bis zu Mach 1,3. Die Tornados sollen langfristig durch Eurojets und F-35 aus US-amerikanischer Fertigung abgelöst werden.  © dpa
Der Eurofighter bildet laut Bundeswehr „das Rückgrat der deutschen Kampfflugzeugflotte“.
Der Eurofighter bildet laut Bundeswehr „das Rückgrat der deutschen Kampfflugzeugflotte“. Die 138 Kampfjets seien „Kernelement zur Sicherstellung des künftigen Beitrages der Luftwaffe zum geforderten Fähigkeitsprofil der Streitkräfte und den damit verbundenen Bündnisverpflichtungen“. Der Eurofighter kann auch ohne Nachbrenner in den Überschallbereich beschleunigen und über längere Zeit mit Überschall fliegen. Bei der Nato-Übung „Air Defender 23“ kommen 30 Eurofighter der Bundeswehr zum Einsatz. © Monika Skolimowska/dpa
Auch fünf A400M von Airbus werden an der Nato-Übung „Air Defender 23“ beteiligt sein
Auch fünf A400M von Airbus werden an der Nato-Übung „Air Defender 23“ beteiligt sein. Der A400M ist ein militärisches Transportflugzeug, das bis zu 114 Soldatinnen und Soldaten aufnehmen kann. Auch ein Transport von unterschiedlichstem Material wie beispielsweise einem Kampfhubschrauber Tiger, vier Geländewagen vom Typ Wolf oder einem Schützenpanzer Puma ist laut Bundeswehr möglich. Zum Einsatzspektrum zählen auch die Verwendungen als Tank- und Lazarettflugzeug. So kann ein Eurofighter im Flug an den A400M andocken, um bei Geschwindigkeiten von mehr als 500 km/h betankt zu werden. Zudem kann der A400M auch medizinisch zu betreuende Patienten verlegen.  © Moritz Frankenberg/dpa
Nahezu unverwüstlich ist die F-15 Eagle, die am 27. Juli 1972 ihren Jungfernflug absolvierte und seit 1976 bei der US-Luftwaffe im Einsatz ist.
Nahezu unverwüstlich ist die F-15 Eagle, die am 27. Juli 1972 ihren Jungfernflug absolvierte und seit 1976 bei der US-Luftwaffe im Einsatz ist. Damals war sie der erste Luftüberlegenheitsjäger der Welt. Ihre Überlegenheit basierte auf ihrem Leistungsvermögen, sich mit hoher Geschwindigkeit einem Ziel zu nähern und sich notfalls schnell aus kritischen Situationen befreien zu können. Die F-15 besitzt einen unschätzbaren Vorteil, über den selbst die modernsten Kampfjets der neusten Generation nicht verfügen: Sie kann zu einem günstigeren Preis viel mehr Waffen mitführen.  © Joe Giddens/dpa
Das Kampfflugzeug F-16 gehört zu den leistungsfähigsten Militärjets weltweit
Das Kampfflugzeug F-16 gehört zu den leistungsfähigsten Militärjets weltweit und kommt in mehr als zwei Dutzend Ländern zum Einsatz. Die Maschinen der US-Firma Lockheed können sowohl in der Luftverteidigung als auch gegen Ziele am Boden eingesetzt werden, also zum Zurückdrängen feindlicher Verbände. Die F-16 ist in der Lage, auch in extrem niedriger Höhe und bei jedem Wetter zu fliegen. Der erste Prototyp stieg 1974 in die Luft, 1979 ging die F-16 bei der US-Luftwaffe in Dienst. Aktuell werden mehr als 2800 Exemplare eingesetzt. © KENZO TRIBOUILLARD/afp
Die USA und die Niederlande nehmen unter anderem mit Kampfjets vom Typ F-35 an der Nato-Übung „Air Defender 23“ teil.
Die USA und die Niederlande nehmen unter anderem mit Kampfjets vom Typ F-35 an der Nato-Übung „Air Defender 23“ teil. Die Tarnkappen-Mehrzweckkampfflugzeuge des Herstellers Lockheed Martin gibt es in drei Varianten: Als konventioneller Kampfjet (F-35A), senkrecht startend und landend (F-35B) und als Flugzeugträgerversion (F-35C). Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei Mach 1,6. Im Vergleich zu älteren, konventionellen Kampfjets wie dem Tornado oder auch dem Eurofighter verfügt die F-35 über ausgeprägte Tarnkappeneigenschaften. Durch Formgebung und Materialwahl kann das Flugzeug daher durch gegnerische Radargeräte erst sehr spät erfasst werden.  © Harald Tittel/dpa
Fairchild-Republic A-10 Thunderbolt II
Seit mehr als 40 Jahren vertrauen die US-Luftstreitkräfte auf die Fairchild-Republic A-10 Thunderbolt II (deutsch Donnerkeil), die auch als „Warzenschwein“ („Warthog“) bekannt ist. Der zweistrahlige Unterschall-Jet ist zum Einsatz gegen Bodenziele, vor allem zur Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge vorgesehen. Das Erdkampfflugzeug soll noch für einige Jahre im Betrieb bleiben, bis er durch die F-35 Lightning II abgelöst wird. © Urbanandsport/Imago
Auch das jüngste Nato-Mitglied Finnland nimmt an der Übung „Air Defender 23“ teil - und zwar mit vier Kampfjets vom Typ F/A-18 Hornet
Auch das jüngste Nato-Mitglied Finnland nimmt an der Übung „Air Defender 23“ teil - und zwar mit vier Kampfjets vom Typ F/A-18 Hornet. Bei der „Hornisse“ handelt es sich um ein zweistrahliges Kampfflugzeug des Herstellers McDonnell Douglas aus den USA. Das Flugzeug zeichnet sich durch ihre Flexibilität bei der Bekämpfung von Boden-, See- und Luftzielen auf große Entfernung aus. Der Kampfjet wurde primär für den Einsatz auf Flugzeugträgern der United States Navy entworfen, er wird aber inzwischen auch von anderen Nationen eingesetzt. Der Erstflug fand 1978 statt, die Serienproduktion begann 1980. © Imago
Ungarn nimmt mit der schwedischen Saab JAS 39 Gripen an der Nato-Übung „Air Defender 23“ teil.
Ungarn nimmt mit der schwedischen Saab JAS 39 Gripen an der Nato-Übung „Air Defender 23“ teil. Das wendige Mehrzweckkampfflugzeug, das als Ein- und Doppelsitzer verfügbar ist, kann alle gängigen Waffen der Nato-Staaten tragen und Luft- sowie Bodenziele bekämpfen. Großes Plus der Gripen: Sie ist nicht unbedingt auf einen Flugplatz angewiesen, sondern kann auch auf Behelfspisten, Autobahnen und unbefestigten Straßen starten und landen. Die Bezeichnung JAS steht für Jakt, Attack och Spaning (schwedisch für „Jagd, Angriff und Aufklärung“). © Sandor Ujvari/dpa
Das militärische Transportflugzeug C-130 Hercules des US-amerikanischen Herstellers Lockheed Corporation.
Das militärische Transportflugzeug C-130 Hercules des US-amerikanischen Herstellers Lockheed Corporation wird seit 1956 in Serie produziert und ist damit eines der am längsten gebauten Flugzeuge der Welt. Der Erstflug fand am 23. August 1954 statt. Bis heute wurden mehr als 40 Versionen entwickelt. Dank robustem Fahrwerk ist die C-130 dafür ausgelegt, auch auf unvorbereiteten Flächen wie Sandstränden oder Graspisten zu landen. © JUAN MABROMATA/afp
Für die Luftbetankung der US-Luftwaffe ist die Boeing KC-135 Stratotanker noch immer unverzichtbar.
Für die Luftbetankung der US-Luftwaffe ist die Boeing KC-135 Stratotanker noch immer unverzichtbar. Die Maschine dient auch zum Transport von Fracht und Truppen. Zudem kann sie für medizinische Evakuierungen eingesetzt werden. 1954 zunächst als Zwischenlösung gedacht, wurde das Modell vielfach umgerüstet und mit moderneren Turbofantriebwerken ausgestattet. Fast der gesamte interne Treibstoff kann durch den fliegenden Ausleger gepumpt werden.  © Sam Upshaw/Imago
In der nahen Zukunft soll die KC-46 Pegasus von Boeing das Rückgrat der US-Tankerflotte bilden.
In der nahen Zukunft soll die KC-46 Pegasus von Boeing das Rückgrat der US-Tankerflotte bilden. Die Produktion verlief zunächst allerdings alles andere als reibungslos, mehrmals verweigerte die Luftwaffe aufgrund von Qualitätsmängeln die Abnahme. Inzwischen ist die Maschine aber einsatzbereit. „Die kampffähige KC-46A verändert die Rolle des Tankflugzeugs für das 21. Jahrhundert“, verkündete Programmleiter James Burgess Anfang 2023 stolz.  © Rob Edgcumbe/Imago

Duo kandidiert mit Forderung nach Abrüstung für Linkspartei-Vorsitz

2021 trat der sogenannte Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft. Weder Nuklearmächte noch Nato-Staaten haben das Abkommen unterzeichnet. Ziel des Abkommens ist die internationale Ächtung von Nuklearwaffen. Einer der klaren Befürworter eines harten Atomwaffenverbots ist der ehemalige Linken-Bundestagsabgeordnete, Außenpolitiker und Ex-UN-Biowaffeninspekteur Jan van Aken. Am kommenden Wochenende (ab 19. Oktober) will er gemeinsam mit der Ex-Journalistin Ines Schwerdtner Vorsitzender der Linkspartei werden.

Sie wollten Abrüstung wieder auf die Tagesordnung setzen, kündigte das Duo in der linken Tageszeitung Neues Deutschland an. Das betreffe auch das Ende an der Waffenlieferungen an die Ukraine, obwohl beide Russland klar als Aggressor benannten. Im Grundsatzprogramm der Linken wird die Vernichtung aller Nuklearwaffen in Deutschland sowie ein absolutes Verbot von Massenvernichtungswaffen gefordert. Aktuellen Umfragen zufolge muss die Partei befürchten, bei der Wahl 2025 den Wiedereinzug in den Bundestag zu verpassen.

Vor Landtagswahlen in Ostdeutschland: Debatte über US-Raketen in Deutschland

In der Ukraine tobt seit Jahren ein brutaler Stellungskrieg zwischen Russland und der Ukraine. Die USA wollen als Reaktion auf nuklear bestückbare russische Mittelstreckenraketen in der Exklave Kaliningrad ebenfalls Marschflugkörper und Mittelstreckenraketen in Deutschland stationiert. Das wurde am Rande eines Nato-Gipfels verkündet.

An dieser Frage entzündete sich insbesondere vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland eine gesellschaftliche Debatte, die besonders AfD und BSW bespielten. Nach den Landtagswahlen forderten Thüringens CDU-Chef Mario Voigt und die Ministerpräsidenten Sachsens und Brandenburgs Michael Kretschmer (CDU) und Dietmar Woidke (SPD) in einem Gastbeitrag für die FAZ eine breitere Debatte über diese Stationierung. (kb mit dpa)

Rubriklistenbild: © Tom Reynolds/LOCKHEED MARTIN AERONAUTICS/EPA/dpa

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