Zurück zum „gesunden Menschenverstand“: Trumps populistische Revolution
VonJakob Maurer
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Donald Trump verspricht ein Land, in dem wieder gilt, was landläufig die Norm ist. Er nutzt eine rhetorische Strategie, die auch in der deutschen Politik um sich greift. Eine Analyse.
Hinter all dem Wahn, der sich in Washington entfaltet, stehen rhetorische Kniffe. Strategien, die auch anderswo Konjunktur haben – doch bleiben wir zunächst bei Donald Trump. Der nun wieder mächtigste Mensch der Welt glorifiziert seine Rückkehr ins Weiße Haus als „common sense revolution“; übersetzen lässt sich das als Revolution des „gesunden Menschenverstands“.
„Wir wollen Grenzen, wir wollen Sicherheit“, rief Trump in der Wahlnacht seinen Unterstützerinnen und Unterstützern zu. „Wir wollen, dass alles gut und sicher ist, wir wollen eine gute Bildung, wir wollen ein starkes und mächtiges Militär, das wir im Idealfall nicht einsetzen müssen.“ Und: „Wir sind die Partei des gesunden Menschenverstands.“
Trump will „Transgender-Irrsinn“ beenden
Trump verspricht eine heile Welt. Ein Land, in dem wieder gilt, was landläufig die Norm ist und für richtig erachtet wird. Ohne Rücksicht auf Minderheiten. Vor allem kulturpolitische Themen werden bekämpft, all das, was Trump „woken Bullshit“ nennt. Im Dezember kündigte er an, unter seiner Regierung werde es offiziell nur noch zwei Geschlechter geben: männlich und weiblich. „Transgender-Irrsinn“ müsse aus Schulen verbannt werden. Vergangene Woche verabschiedete das mehrheitlich republikanische Repräsentantenhaus ein Gesetz, das es trans Personen an Schulen und Universitäten verbieten würde, an Sportwettkämpfen mit anderen Frauen und Mädchen teilzunehmen.
Auch wenn das Gesetz im gespaltenen Senat die erforderliche 60-Stimmen-Mehrheit verfehlen dürfte – mit Themen wie diesen brachte Trump die Wählerschaft in Wallung und zur Urne. Nachwahlbefragungen ergaben, dass für sechs Prozent der gemäßigten Wähler:innen die Transgender-Sport-Debatte das wichtigste Thema war – ein Zünglein an der Waage nicht nur bei Vollblut-Trump-Fans.
Wie passen Trump und „gesunder Menschenverstand“ zusammen?
Zugleich steht Trump für das Überdrehte, schart Superreiche um sich, ist verurteilter Straftäter, beleidigt und wiegelt auf, macht chaotische Pressekonferenzen und wirre Postings zum Markenzeichen. Wie passt all das mit „gesundem Menschenverstand“ zusammen?
Die US-Geschichtsprofessorin Sophia Rosenfeld erkennt auf FR-Anfrage ein Zeichen unserer Zeit: „Paradoxerweise gedeiht die ‚common sense’- Rhetorik in Momenten extremer politischer Polarisierung besonders gut, weil sie darauf angelegt ist, den Eindruck zu erwecken, dass es einen Weg gibt, politische Auseinandersetzungen zu umgehen.“ Die Rhetorik sei nützlich für jene, „die versuchen, sich als Populisten darzustellen, die für den vergessenen einfachen Mann oder die Frau oder ‚das Volk‘ sprechen, im Gegensatz zu Eliten oder Politikern mit falschen oder übermäßig komplexen Ideen.“
Trump folgt einer populistischen Traditionslinie, die bis zu den Anfängen der Vereinigten Staaten zurückreicht. Dieser Tage feierte die Wendung „common sense“ ein 249-jähriges Jubiläum: Mit diesem Schlagwort als Titel veröffentlichte im Januar 1776 der spätere US-Gründervater Thomas Paine ein Pamphlet gegen die britischen Machthaber und für die Unabhängigkeit. Es verbreitete sich in Revolutionszeiten massenhaft und gilt laut dem Washingtoner „Smithsonian Magazine“ als „der erste virale Moment der US-Geschichte“.
Der Kieler Politologe Tobias Lütjen zieht in einem Aufsatz von 2024 eine Linie vom „Common Sense“ zu den „Alternativen Fakten“ aus Trumps erster Amtszeit. Seit Richard Nixon habe sich die republikanische Partei auf einen „aggressiven Antiintellektualismus“ eingeschossen, „eine romantische und antirationalistische Geisteshaltung, bei der es im Kern um die Verteidigung von Intuition, Erfahrung, Bauchgefühl und Pragmatismus gegen abstraktes Theoretisieren geht“.
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Historikerin zum Populismus: „Die USA sind ein Paradebeispiel, aber nicht das einzige.“
Für die Historikerin Rosenfeld steht im Zentrum dieser populistischen Haltung eine Verschwörungserzählung, 2018 referierte sie: Die Menschen hätten das Gefühl, dass ihnen etwas geraubt wurde – nichts Materielles, sondern „eine Welt, die ihrem Sinn für die Dinge entspricht, ihrem Sinn für das, was wahr und was falsch ist, für das, was gut und was schlecht ist.“ Dorthin wolle man zurück. Der FR sagt sie: „Dies ist kein neues Phänomen, aber es ist derzeit weit verbreitet, da rechtspopulistische Parteien an vielen Orten der Welt auf dem Vormarsch sind (...) Die USA sind ein Paradebeispiel, aber nicht das einzige.“ In unruhigen Zeiten wird auch in Deutschland immer öfter auf den „gesunden Menschenverstand“ verwiesen, allen voran im Zuge des populistischen Rechtsrucks.
Bereits der frühere AfD-Chef Bernd Lucke sprach einst von einer „Partei des gesunden Menschenverstands.“ Jetzt besucht sein Nachfolger Tino Chrupalla Trumps Amtseinführung. 2023 sagte der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) beim Ludwig-Erhard-Gipfel: „Überall herrscht nicht genug gesunder Menschenverstand in der Politik.“ CDU-Chef Friedrich Merz pflichtete ihm bei, „mehr Menschenverstand ist wichtig.“ Markus Söder wettert gegen woke Personen, Hubert Aiwanger will mit seinen Freien Wählern „Volkesdenke“ in die Bundespolitik bringen. Und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sagte kürzlich dem „Stern“, für ihn gelte beim Klimaschutz: „Weniger Ideologie, mehr Pragmatismus“. Von einer Revolution wie bei Trump ist allerdings nicht die Rede.
Apropos: Von einem, der sich mit Revolutionen auskennt, kursiert ein Zitat, das auch Donald Trump einmal zu Ohren bekommen sollte: „Die erste Pflicht eines Revolutionärs ist es, gebildet zu sein. Man kann eine Revolution nicht mit gesundem Menschenverstand oder Bauchgefühl führen.“ Gesagt haben soll das Che Guevara.