Migration

Nach Schlappe für Dobrindt: Kritik an Umgang der Union mit Zurückweisungs-Urteil nimmt zu

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Es hagelt Kritik, nachdem CDU und CSU trotz der Absage eines Berliner Gerichts weiter Geflüchtete ohne Asylverfahren an Grenzen zurückweisen wollen.

Update, 12. Juni, 08.44 Uhr: Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) muss nach Einschätzung von Justizministerin Stefanie Hubig schnell auf die Eilentscheidung des Berliner Verwaltungsgerichts zu Zurückweisungen reagieren. „Für mich ist klar: Der Bundesinnenminister muss nun sehr rasch die von ihm zugesagte Begründung nachliefern“, sagte die SPD-Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Donnerstag. Es werde sehr schwer sein, eine Begründung zu liefern, die den Voraussetzungen von Artikel 72 genüge.

Das Gericht habe seine Entscheidungen sehr ausführlich und genau begründet. „Dessen ungeachtet haben diese Entscheidungen eine Bindungswirkung eben nur in Bezug auf die konkret behandelten drei Einzelfälle“, sagte Hubig. Es sei auch nicht völlig ausgeschlossen, dass andere Gerichte in anderen Verfahren zu anderen Ergebnissen gelangten. „Fest steht, wir werden weitere gerichtliche Entscheidungen sehr genau beobachten. Und natürlich werden wir dann auch darüber sprechen, ob man mit Blick darauf an den Zurückweisungen von Asylsuchenden festhalten kann.“

Dobrindt bei neuer Asylpolitik und Rückweisungen an der Grenze unter Druck

Erstmeldung: Berlin – Der Rat für Migration kritisiert den Umgang der Bundesregierung mit den Beschlüssen des Berliner Verwaltungsgerichts, das die Zurückweisung Asylsuchender an deutschen Grenzen am 2. Juni als rechtswidrig eingestuft hatte. Anstatt die Zurückweisungen infolge der Entscheidung auszusetzen, halte die Regierung unter Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) „an ihrer rechtswidrigen Praxis fest, verteidigt ihren Rechtsbruch medial und führt die Öffentlichkeit in die Irre“, heißt es vom Rat für Migration in einer Stellungnahme am Dienstag. Justiz und Zivilgesellschaft würden „behindert und delegitimiert“. Der Rat ist ein Zusammenschluss von bundesweit rund 220 Wissenschaftler:innen, die zu Migration und Integration forschen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Das Berliner Verwaltungsgericht hatte in drei Fällen geurteilt, dass die Polizei Schutzsuchende ohne Klärung, welcher EU-Staat für ihren Asylantrag zuständig sei, nicht abweisen dürfe. Eine Somalierin und zwei Somalier, die über Polen nach Deutschland einreisen wollten, wurden daran trotz Asylgesuchs gehindert. Fachleute hatten mit einer solchen Entscheidung gerechnet, gibt sie doch EU-Recht wieder. Die drei Betroffenen befinden sich mittlerweile in Berlin.

Morddrohungen nach Gerichts-Entscheidung gegen Zurückweisung

Konkret kritisiert der Rat, dass Dobrindt von „Einzelfallentscheidungen“ spreche, obwohl sich das Gericht mit dem Thema „in grundsätzlicher Weise“ auseinandergesetzt habe. Zudem sei es irreführend, dass der Minister behaupte, Zurückweisungen durch den Europäischen Gerichtshof klären lassen zu wollen – denn die Regierung habe gar nicht in der Hand, ob es dazu komme.

Bundespolizisten an der polnischen Grenze.

Die drei an der Entscheidung beteiligten Berliner Richter:innen haben in der Folge unter anderem Morddrohungen erhalten, wie mehrere Medien berichten. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) bezeichnete die Lage als „alarmierend“. Und mehrere ihrer Parteikolleg:innen haben mittlerweile Zweifel daran angemeldet, ob man weiter Asylsuchende zurückweisen könne. Rechte und extrem rechte Medien heizen derweil die Stimmung weiter auf: Das rechtspopulistische Portal „Nius“ schrieb von einem „Geheimplan der Asyllobby“.

Attacken auf Pro Asyl durch CSU und Polizei-Gewerkschaft

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, die die Klage der Somalier:innen unterstützt hat, wird indes auch aus Richtung der Regierung scharf angegangen. So spekulierte der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Hoffmann, ob die drei Somalier:innen vielleicht schon vor ihrer Einreise unterstützt worden seien. Der Fall trage für ihn „klare Züge einer Inszenierung durch Asyl-Aktivisten“, sagte Hoffmann der „Augsburger Allgemeinen“. Die Deutsche Polizeigewerkschaft hat derweil Berichten zufolge „Strafanzeige gegen unbekannt“ gestellt – und parallel Vorwürfe gegen Pro Asyl erhoben. In der Anzeige geht es Berichten zufolge unter anderem um den Vorwurf der „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“.

Pro Asyl meldete sich am Wochenende mit einer Stellungnahme zu Wort: Im Rahmen des Einsatzes für die Rechte von Schutzsuchenden unterstütze man Betroffene seit Jahrzehnten – unter anderem mit einem Rechtshilfefonds. Pro-Asyl-Geschäftsführer Karl Kopp sagte zu den aktuellen Vorwürfen am Montag der „taz“: „Das ist eine Kampagne mit verleumderischen Falschbehauptungen.“ Man werde sich davon „nicht einschüchtern“ lassen und weiter „die Menschenwürde von Asylsuchenden verteidigen“. 

Dobrindt lässt Bundespolizei über 160 Geflüchtete zurückweisen

Asylsuchende machen bei den von Dobrindt am 8. Mai angeordneten verschärften Zurückweisungen die Minderheit aus. Wie die Bundespolizei mitteilte, seien zwischen 8. Mai und 4. Juni 3278 Personen „an der Grenze oder im Zusammenhang mit dem illegalen Grenzübertritt zurückgewiesen oder zurückgeschoben“ worden – darunter 160 Asylsuchende. 46 Asylsuchende aus „vulnerablen Gruppen“ durften einreisen.

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul/dpa

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