Infos von dort, wo es knallt – wie hier von einem Artilleriebeobachter: „DeepState Map“ wird gefüttert von Soldaten an der Front. Die Betreiber bilden den Krieg ab, wie er verläuft; auf den Meter und die Minute genau (Archivfoto).
Zwei junge Ukrainer versorgen die Welt mit Open-Source-Informationen über den Ukraine-Krieg – Fakten direkt von der Front, auf Meter und Minute präzise.
Kiew – „Wer die Lage in Charkiw verstehen will, nutzt diese Karte“, schreibt Ivo Mijnssen. Der Autor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) unterstrich Anfang 2024 die Bedeutung des Projekts „DeepState“ – „Die geheime Karte, die Russlands tödlichen Krieg mit der Ukraine verfolgt“, wie die Kyiv Post lobt. Sie ist aber das Gegenteil von geheim, sondern die Litfaßsäule von Wladimir Putins völkerrechtswidrigem Aufmarsch zum Ukraine-Krieg – eine „geniale Erfindung“, die heute in seiner vom Krieg zerrütteten Heimat Ukraine als unverzichtbar gilt, schreibt Kyiv Post-Autor Michael Ashcroft.
Roman Pohorili sei 22 Jahre alt gewesen, als er begonnen habe, zu beobachten, wie russische Truppen an der Grenze zur Ukraine aufmarschierten, berichtet Wired. Das soll im Herbst 2021 gewesen sein, so das Magazin, und weder Pohorili noch sein Sandkastenkumpel Ruslan Mykula sollten ahnen, dass aus ihrem Freizeitspaß, via Telegram ein wenig über Außenpolitik zu texten, binnen kurzer Zeit die Fackel der Wahrheit auflodern sollte gegen Wladimir Putins Versuch, die Welt hinters Licht zu führen. „DeepState“ schickte sich an, Putins Krieg mit ukrainischen Augen zu verfolgen.
Beobachter von Putins Krieg: Von eine Zwei-Mann-Hobby zu einem 100 Köpfe zählenden Medien-Hub
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die gesamte Ukraine beobachtet die Bundesregierung ein erhöhtes Aufkommen von Desinformation durch russische offizielle Stellen, staatliche und staatsnahe Medien sowie Kreml-nahe Accounts in sozialen Medien. Seit der durch die Sanktionen bewirkten Einschränkung der Reichweite russischer staatsnaher Medien würden pro-russische Desinformation und Propaganda verstärkt über Accounts in sozialen Medien verbreitet, schreibt die Bundesregierung. „DeepState“ stemmt sich dagegen.
„Pohorili weiss, dass der Kampf um die Ukraine ein Informationskrieg ist, in dem es wenig Raum für objektive Informationen zwischen Propaganda und Gegenpropaganda gibt.“
Wie Michael Ashcroft weiter berichtet, sei „DeepState“ inzwischen von einem Zwei-Mann-Hobby zu einem 100 Köpfe zählenden Medien-Hub geworden. Der Hilfeschrei der Ukraine. Aufgrund der Internet-Kompetenz der „DeepState“-Macher ist der Frontverlauf mit bloßem Auge zu erkennen: Eisenbahnlinien sind eingezeichnet, Hauptquartiere, Standorte einzelner Armeeeinheiten und aktuelle Frontverschiebunben: „Der Feind ist vorgerückt in Zeleny Hai, in der Nähe von Poddubnyi, Andriivka-Levtsene, und Popiw Jar“ – so die Lagemeldung auf „DeepState“ vom 27. Juli um 10.01 Uhr.
In unterschiedlichen Chats gingen „täglich Tausende von Fotos, Videos und Nachrichten ein“, schreibt Michael Ashcroft in der Kyiv Post. Thema seien „Raketenangriffe, russische Militärausrüstung und andere Geheimdienstinformationen“. Übersetzt heißt das: „DeepState“ bekommt Informationen aus erster Hand und wird gefüttert vom gesamten Volk. Und ermöglicht durch aktuelle Technik – wo das Team gezielte Desinformation vermute, werde durch Geolokalisierung überprüft und die Karte aktualisiert. „Jeder Meter des Krieges online“, hat die Kyiv Post gelobt.
Bei Verlusten und Offensiven: „DeepState“-Autoren beinahe live dabei, wenn es knallt, an der Kontaktlinie
Die „DeepState“-Autoren sind beinahe live dabei, wenn es knallt, sie stehen an der Kontaktlinie, legt Kiyv Post-Autor Sergii Kostezh nahe; mit chirurgischer Präzision hätten die Analysten des Projekts die Kampfhandlungen umfassend, weil minutengenau und metergenau aktualisiert dargestellt. „Wir erläutern die Entwicklung der Lage auf unserem Kanal“, sagt Gründer Roman Pohorili. Wie er sagt, säße er quasi mit im Schützenpanzer – seine Mitstreiter seien mit dem Militär vor Ort in Kontakt.
Pohorili führt in der Kyiv Post als Beispiel das Dorf Basiwka an: „Als die Feinde zuerst zwischen Zhuravka und Nowenke durch den Waldgürtel eindrang, wurden sie von unseren Leuten mit Geländefahrzeugen gefasst und nach Basiwka zurückgedrängt. Als sie die Grenzen der Siedlung am Rande erreichten, behaupteten sie, das Dorf eingenommen zu haben. Da wir jedoch mit den Marinesoldaten in Basiwka in Kontakt blieben, veröffentlichten wir, dass dies nicht der Fall war“, so der „DeepState“-Gründer. Die Informationen sind um so wichtiger, je kleinteiliger der Ukraine-Krieg wird. Je unübersichtlicher die Lage, desto größer das Einfallstor für Desinformation. Russlands Umstellung der Taktik hat viel dazu beigetragen, dass Informationen über die Stellungen links und rechts der einzelnen Trupps lebenswichtig werden.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
„Die veränderten Angriffstaktiken Russlands zwingen die Ukraine zu Anpassungen durch den Bau kürzerer Verteidigungslinien und niedriger Stützpunkte, die für die am Himmel kreisenden Drohnen weniger sichtbar sind“, schreibt für Politico Veronika Melkozerova. Ihr zufolge habe die Ukraine Schwierigkeiten, diese neuen Offensiv-Kniffe zu adaptieren. Die Ukraine reagiert, indem sie ihre Organisation anpasst – und eben für die kleinen angreifenden Einheiten die entsprechenden Verteidigungsstellungen baut, wie Politico berichtet: Hatten anfangs Gruppierungen auf Bataillonsebene zusammen verteidigt, also etwa 500 Kräfte, musste die Verteidigungslinie auseinander gezogen werden: über Kompaniestärke von rund 100 Kräften bis zu Zügen zwischen 20 und 50 Kräften. Jetzt ist die Ukraine bei noch kleineren Verbänden angekommen.
Wenn Russland überall angreift: Möglicherweise retten die Informationen auf „DeepState“ daher Leben
Laut Politico klagen die Soldaten auch darüber, dass die Schützenloch-Taktik nach im Kriegshandwerk erfahrenen Unteroffizieren und Offizieren verlange: „Es hängt alles vom Kommandeur ab. Wenn er das Graben und Verminen befiehlt, wird das Gebiet massiv befestigt. Wenn die Russen sehen, dass dessen Einheit gut eingegraben ist, greifen sie dessen Nachbareinheiten an“, zitiert das Magazin einen anonymen Soldaten. Möglicherweise retten die Informationen auf „DeepState“ daher Leben, indem sie den Ukrainern verdeutlichen, was um sie herum passiert – berichtet von Leuten, die um ihre Kameraden herum kämpfen.
„DeepState Map“ genießt einen guten Ruf – wohl auch, weil die ukrainischen Militärs wissen, dass die Veröffentlichungen so getaktet sind, dass sie ausschließlich den Ukrainern selbst nutzen und nicht den Russen. Trotz aller Bereitschaft des Westens, die Ukraine als „Frontstaat“ gegen Russlands Angriff auf die westliche Demokratie zu begreifen, bleibt die Ukraine suspekt: Noch Mitte 2024 hatte die Tagesschau darüber berichtet, dass wohl die Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“ die Pressefreiheit in der Ukraine zwar als ausgebaut erachte, aber dennoch als unbefriedigend. In der Ukraine würde „ein ziemlich enges Meinungsspektrum“ herrschen, so der Tenor des Berichts.
Putins Irrsinn: Die Menschen in der Ukraine wollen laufend über Geschehnisse und Gefahren Bescheid wissen
„Die Menschen in der Ukraine wollen laufend über Geschehnisse und Gefahren Bescheid wissen – so schnell wie möglich und so nah an der Quelle wie möglich. Daher greifen sie stark auf die sozialen Netzwerke zurück, allen voran auf den Messenger-Dienst Telegram“, schreibt Tagesschau-Autor Marc Dugge. Deshalb stünde der Social-Messenger Telegram hoch im Kurs; trotz seiner Durchlässigkeit für Putins Propaganda. Ihm erscheint „DeepState Map“ als Stern von Betlehem im Informations-Tsunami – gegenüber vielen Veröffentlichungen auf Telegram sei klar, wer hinter den Informationen auf „DeepState“ stünde.
Der Kanal sei dennoch durchaus als propagandistisch beziehungsweise patriotisch zu verstehen, verdeutlicht Michael Ashcroft. Die Seite wird in Ukrainisch und Englisch veröffentlicht, russische Stellungen würden bestmöglich lokalisiert, ukrainische eher nur ungefähr. Über die Website könnten sich russische Soldaten auch ergeben. Und mit horizontalen Balken ermöglicht „DeepState“ einen Blick auf den Fortgang des Krieges: Der rote Balken zeigt die Summe des aktuell durch Russland annektierten Gebietes: 18,91 Prozent des ukrainischen Territoriums; der grüne Balken zeigt, wie viel davon gerade wieder von Russen befreit worden sei – fast 42.000 Quadratkilometer. Insgesamt sind es 6,92 Prozent.
Zwei Drittel der Nutzer der Seite sollen Einheimische sein, der Rest wohl Medienmenschen aus dem Westen. Aber für die Einheimischen ist das Angebot die Eieruhr ihrer Sehnsüchte – und die dreht sich immer mal wieder. Aber der Sand sickert langsam. So schnell die Kugeln fliegen, so zäh fließen mitunter die Informationen.