Neue Richter im Bundesverfassungsgericht

Zweiter Versuch der Richterwahl: Ein Kandidat steht auf der Kippe

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Nach dem gescheiterten Anlauf im Juli will der Bundestag die drei offenen Richterposten im Bundesverfassungsgericht besetzen. Nun tagt der Richterwahlausschuss.

Berlin – Eigentlich sollte man meinen, die Ernennung und Wahl von Richterinnen und Richtern des Bundesverfassungsgerichts käme einer Formsache gleich: Der zuständige Richterwahlausschuss schlägt Juristinnen und Juristen vor, die daraufhin vom Bundestag gewählt werden und anschließend im Karlsruher Bundesverfassungsgericht walten. Doch nicht so im Falle der aktuell immer noch drei vakanten Positionen im Bundesverfassungsgericht: Im Juli war die Besetzung der offenen Richterstellen im ersten Versuch gründlich gescheitert.

Diese bekannten Politiker sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag

Christian Lindner
Die FDP ist an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und scheidet damit aus dem Bundestag aus. Noch 2017 hatte Parteichef Christian Lindner sie mit neuem Image und einem zweistelligen Ergebnis nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder ins Parlament geführt – doch die Rechnung ging dieses Mal nach Ampel-Bruch und Unzufriedenheit der Wählerinnen und Wähler mit der Partei nicht auf.  © imago
Johannes Vogel, Fraktionsgeschäftsführer der FDP
Dem Wahlergebnis fiel damit auch Johannes Vogel zum Opfer. Er war zuletzt Fraktionsgeschäftsführer der FDP im Bundestag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender. Durch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde zieht auch er nicht wieder in den Bundestag ein.  © Rabea Gruber/dpa
FDP-Politikerin und frühere JuLi-Chefin Ria Schröder
Ria Schröder gilt als eine der personellen Hoffnungen der Freien Demokraten. Die Juristin war Vorsitzende der Jugendbewegung Junge Liberale und ist Mitglied des FDP-Bundesvorstands.  © Hannes P. Albert/dpa
Früherer FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai
Bijan Djir-Sarai saß ebenfalls für die FDP im Bundestag und war bis November 2024 ihr Generalsekretär. Nach dem Ampel-Bruch trat er von der Position zurück.  © Sebastian Gollnow/dpa
Linda Teuteberg, FDP-Spitzenkandidatin in Brandenburg
Linda Teuteberg hatte viel vor mit der FDP, als sie 2019 Generalsekretärin wurde. Von diesem Amt entfernte Christian Lindner sie jedoch zugunsten Volker Wissings schon vor dem Ende ihrer Amtszeit wegen Streitigkeiten. Auch sie ist durch das schlechte Abschneiden der FDP bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Wolfgang Kubicki (FDP)
Auch den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki werden wir in dieser Legislaturperiode wegen des Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde nicht im Deutschen Bundestag sehen.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Dürr, Fraktionschef der FDP im Bundestag
Christian Dürr ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und war zuletzt Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Bundestag. Auch er scheidet mit seiner Partei wegen ihres schlechten Wahlergebnisses aus dem Bundestag aus.  © imago
Marco Buschmann, FDP
Marco Buschmann war in der Ampel-Koalition als Bundesjustizminister tätig. Mit dem Bruch der Ampel gab er das Amt jedoch an Volker Wissing ab, der nach dem Zerwürfnis der Koalition aus der Partei austrat.  © Michael Kappeler/dpa
Volker Wissing, ehemals FDP und mittlerweile parteilos
Volker Wissing, in der Ampel-Koalition Verkehrsminister und später zusätzlich Justizminister, ließ zwar nach dem Scheitern der Ampel seine Partei hinter sich. In den neuen Bundestag zieht der jetzt parteilose Rechtsanwalt aber trotzdem nicht ein. Er möchte sich aus der Politik zurückziehen und in seiner Kanzlei arbeiten. © Hannes P Albert/dpa
Jens Teutrine, früherer Chef der Jungen Liberalen
Jens Teutrine war wie Ria Schröder auch Chef der Jungen Liberalen, bevor er in den Bundestag einzog. Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endet auch sein Mandat. © Serhat Kocak/dpa
Bettina Stark-Watzinger, ehemalige FDP-Bundesbildungsministerin
Ein weiteres prominentes Gesicht der Ampel-Koalition verlässt den Bundestag: Bettina Stark-Watzinger, die während der letzten Legislaturperiode Bundesbildungsministerin war.  © Christine Schultze/dpa
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin und frühere Linken-Chefin
Politisch eklatant unterschiedlich, eint sie doch dasselbe Schicksal: Wie die FDP scheiterte auch das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde – und zwar äußerst knapp. Einst Linken-Chefin, gründete Sahra Wagenknecht Anfang 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Trotz des aus dem Stand starken Abschneidens bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zieht das Bündnis nach der Bundestagswahl knapp nicht ins Parlament ein.  © Frank Ossenbrink/imago
Amira Mohamed Ali, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Amira Mohamed Ali war einst Abgeordnete der Linken, gründete jedoch zusammen mit Sahra Wagenknecht das BSW. Sie ist Parteivorsitzende – und nicht mehr im Bundestag. © Christoph Hardt/imago
Sevim Dagdelen, frühere Linken-Politikerin, zum BSW gewechselt
Auch Sevim Dagdelen entschied sich zum Parteiaustritt aus der Linken und zum Eintritt ins BSW, das bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und somit nicht im Bundestag vertreten ist.  © imago
Grünen-Politiker Cem Özdemir
Die Grünen verlieren nach der Bundestagswahl 2025 sogar ein Ministergesicht: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir wird nicht mehr im Parlament vertreten sein. Jedoch entschied er das bereits selbst lange vor der Wahl. Er will der Bundespolitik den Rücken kehren und strebt in seiner Heimat Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten an. © Hannes P Albert/dpa
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar
Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar dürfte über die Grenzen Berlins hinaus nicht besonders bekannt gewesen sein – bis Ende 2024 Vorwürfe der Belästigung gegen ihn laut wurden. Eigentlich wollte er in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow wieder zur Bundestagswahl antreten, jedoch entschied sich der Kreisverband bei einer erneuten Abstimmung stattdessen für Julia Schneider, die nun in den Bundestag einzieht. Die Vorwürfe hatten sich im Übrigen als falsch erwiesen.  © imago
Grünen-Politikerin Tessa Ganserer
Tessa Ganserer ist eine der bekanntesten Trans*-Politikerinnen Deutschlands. Im Bundestag setzte sich die Grüne vor allem für die Rechte queerer Menschen ein. Dass sie in der 21. Wahlperiode nicht mehr im Parlament sitzt, war ihre eigene Entscheidung. Sie trat nicht mehr als Kandidatin an. Wegen des „menschenverachtenden Hasses“, der ihrer Person entgegengebracht worden sei, wolle sie ihrem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. © Dwi Anoraganingrum/imago
Grünen-Politikerin Renate Künast
Auch die prominente Grünen-Politikerin Renate Künast wird nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein – ebenfalls aus freien Stücken. Sie wollte nicht mehr antreten, „um Platz für Jüngere zu machen“, hatte Künast im Sommer 2024 erklärt. Vorher war sie bereits Landwirtschaftsministerin, Grünen-Fraktionschefin und Parteivorsitzende gewesen.  © Christoph Soeder/dpa
SPD-Politikerin Michelle Müntefering
Auch bei der SPD verlassen bekannte Gesichter den Bundestag. Michelle Müntefering (SPD), Ehefrau von Franz Müntefering, sitzt ebenfalls nicht mehr im Parlament. Das war jedoch schon vor der Bundestagswahl klar: Die SPD hatte nicht mehr sie, sondern Hendrik Bollmann für ihren Wahlkreis Herne - Bochum II nominiert. © M. Popow/imago
SPD-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, Michael Müller
Michael Müller (SPD) war einst Regierender Bürgermeister von Berlin und zog 2021 in den Bundestag ein. Damals hatte er in seinem Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf die meisten Stimmen bekommen, diesmal landete er hinter Lukas Krieger (CDU) und Lisa Paus (Grüne) nur auf dem dritten Platz und verpasste damit sein Ticket ins Parlament.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
SPD-Promi Kevin Kühnert hatte eine steile politische Karriere hingelegt. Er war Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und seit 2021 Generalsekretär. Von dem Amt trat er 2024 zurück und kündigte an, sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik zurückzuziehen und nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen.  © Michael Kappeler/dpa
SPD-Politiker Michael Roth
Der hessische SPD-Politiker Michael Roth entschied sich ebenfalls weit vor der Wahl, nicht mehr für den Bundestag anzutreten. In seinem Fall spielte auch sein Einsatz für die Ukraine eine Rolle, der nicht allen in der Partei gefallen habe, und er habe sich mit der Zeit von den Sozialdemokraten und dem Politikbetrieb entfremdet. © imago
CDU-Politiker Helge Braun
Trotz ihres Wahlsiegs verliert auch die Union ein bekanntes Gesicht: Helge Braun war unter Angela Merkel Kanzleramtschef. Ende 2024 kündigte der Arzt aus Gießen an, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen.  © Kay Nietfeld/dpa
CSU-Politiker Peter Ramsauer
Auch aus der Schwesterpartei CSU verschwindet eine bekannte Persönlichkeit: Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer scheidet aus dem Bundestag aus – auf eigenen Wunsch war er nicht mehr angetreten. © Michael Kappeler/dpa
Susanne Hennig-Wellsow, Die Linke
Auch die Linke verbüßt trotz überraschend starkem Wahlergebnis Abgänge: unter anderem Susanne Hennig-Wellsow. Die frühere Bundesparteivorsitzende ist nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Sie wollte sich beruflich etwas Neuem widmen. © Frederic Kern/imago

In dieser Woche steht im Bundestag der zweite Versuch auf dem Programm, die Richterstellen zu besetzen. In den Reihen der Regierung ist die Nervosität spürbar, denn ein erneutes Scheitern kann sich kaum geleistet werden.

Am Donnerstag könnten im Bundestag drei neue Verfassungsrichter gewählt werden

Am Donnerstag (25. September) steht im Bundestag die Wahl der drei neuen Bundesverfassungsrichterinnen und Bundesverfassungsrichter auf dem Plan. Zunächst aber kommt am Montagabend (22. September) um 20 Uhr der Richterwahlausschuss des Bundestages zusammen, um über die letzte der drei Nominierungen abzustimmen. Beschlossen gilt ein Wahlvorschlag im Richterwahlausschuss, wenn ihm acht von insgesamt zwölf Abgeordneten des Ausschusses zustimmen. 

Abstimmen werden die Abgeordneten dabei über die letzte der drei vorgeschlagenen Personalien: die Juristin Sigrid Emmenegger. Sie rückt für die Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf nach, nachdem die Union im Juli massiven Widerstand gegen Brosius-Gersdorfs Nominierung geleistet hatte und erzwungen hatte, dass die Richterwahlen von der Tagesordnung des Bundestags gestrichen wurden. Bereits im Juli war der Jurist Günter Spinner von den Angehörigen des Bundesverfassungsgerichts selbst nominiert worden, die SPD dagegen nominierte die Juristin Ann-Katrin Kaufhold.

Richterwahlausschuss kommt für Befragung der nachgerückten Kandidatin Emenegger zusammen

Am Montagabend also wird der Richterwahlausschuss die nun nachgerückte Kandidatin Emmengger befragen und gegebenenfalls als dritte Kandidatin für die drei noch offenen Richterpositionen im Bundesverfassungsgericht nominieren. Sollte dies problemlos über die Bühne gehen, steht auch der Wahl im Bundestag am Donnerstag nichts mehr im Weg. Dass Emmenegger die nötige Mehrheit im Richterwahlausschuss erreichen wird, gilt als wahrscheinlich, wie das ZDF am Montag unter Berufung auf Fraktionskreise berichtete. Der Vorsitzende der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU) betonte, Emmenegger sei ein „hervorragender Vorschlag“, der als Personalien in der Fraktionsführung von CDU und CSU bereits „viel Unterstützung“ erhalten habe.

Fotomontage aus Richterinnen und Richtern des Bundesverfassungsgerichts und Eingangsschild desselben

Bei der geheimen Wahl im Bundestag am Donnerstag könnte es aber nochmal spannend werden. Um die Kandidatinnen und Kandidaten durchzubringen, ist Regierungskoalition nämlich auf Stimmen aus der Opposition angewiesen. Und weil Schwarz-Rot diese wohl unabhängig von der AfD einholen will, bleiben nur noch Linke und Grüne. Die jedoch hatten sich in der Vorwoche verärgert über mangelnde Einbindung ins Verfahren gezeigt, wie das ZDF weiter berichtete.

Dieser Nominierte gilt als Wackelkandidat für die Verfassungsrichter-Wahl 

Während neben Emeneggers Wahl auch die Zustimmung der Union zur zweiten Kandidatin Kaufhold als sicher gilt, wie der Tagesspiegel am Montag berichtete, geht von der Wahl des CDU-Kandidaten Spinner mehr Brisanz aus. Um unabhängig von AfD-Stimmen auf die erforderliche Zweidrittelmehrheit zu kommen, benötigt Spinner nämlich Stimmen von den Linken. Sollte dies nicht vorher gesichert sein, werde überhaupt keine Wahl stattfinden, berichtete der Tagesspiegel aus Regierungskreisen.

Die Union jedoch verweigerte der Linksfraktion im Bundestag ihren Wunsch nach Gesprächen bislang. „Wir hätten erwartet, dass sie aus ihrem Debakel gelernt hat und zumindest klarstellt, dass sie ihren Kandidaten keinesfalls mit Stimmen der AfD wählen will. Das ist nicht passiert“, sagt Clara Bünger, innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag laut dem Tagesspiegel. „Wir werden der Union nicht hinterherlaufen. Das ist schon mal klar.“

Denkbar ist jedoch, dass die schwarz-rote Regierungskoalition sich beim zweiten Versuch der Richterinnen- und Richterwahl für die offenen Stellen im Karlsruher Bundesverfassungsgericht nicht erneut die Blöße geben will. Ein Scheitern der Wahl wäre eine herbe Schlappe für Schwarz-Rot. Gewählt werden die Bundesverfassungsrichterinnen und -richter auf eine Amtszeit von je 12 Jahren, wobei eine Wiederwahl nicht möglich ist. Sollte es im Bundestag nicht gelingen, die nötige Zweidrittelmehrheit für die Kandidaten zustande zu bringen, kann das Wahlrecht auf den Bundesrat übergehen. Quellen: ZDF, Tagesspiegel (fh)

Rubriklistenbild: © beide picture alliance/dpa | Uli Deck

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