Acht-Stunden-Tag vor dem Aus? Merz plant Reform – Bestimmte Berufsgruppen sollen Ausnahme bekommen
VonJulia Hanigk
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Merz plant, die tägliche Höchstarbeitszeit zu streichen, und stößt auf Widerstand. Die CDA verlangt besonderen Schutz für belastete Berufsgruppen.
Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte wiederholt betont, dass die Menschen in Deutschland mehr arbeiten müssten. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance können wir den Wohlstand nicht erhalten“, sagte er Mitte Mai. Die Merz-Regierung wolle den Angestellten und Betrieben „mehr Flexibilität durch eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit“ geben. Kurzum: Kanzler Friedrich Merz will den Acht-Stunden-Tag in Deutschland abschaffen. Stattdessen soll künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gelten – doch einige Berufsgruppen sollen besonderen Schutz genießen. Der Plan sorgt für Kritik in seiner eigenen Partei.
CDA kritisiert CDU-Pläne: Einige Berufsgruppen sollen davor besonders geschützt werden
Der CDU-Sozialflügel, die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA), sieht die Merz-Forderungen mindestens kritisch. In einem Positionspapier mit dem Titel „Grundsätze für eine attraktive Arbeitszeitpolitik“ warnen die Arbeitnehmervertreter vor einer zu starken Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes. Dennis Radtke sagte dazu der Süddeutschen Zeitung: „Wir mahnen die notwendige Balance an“ und warnte vor einer „schleichenden Entgrenzung der Arbeitszeit“.
Besonders brisant: Der CDA-Arbeitnehmerflügel fordert speziellen Schutz für einige Berufsgruppen, die besonders belastet sind. In Branchen wie Pflege, Rettungsdiensten, Handwerk, Bauwirtschaft oder Gastronomie darf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit nicht zur Aushebelung von Ruhezeiten führen, heißt es in dem Positionspapier. Während Büroangestellte oder IT-Fachleute von flexibleren Arbeitszeiten profitieren könnten, sieht die CDA bei körperlich anstrengenden Berufen wie etwa in diesen Branchen große Risiken. Daher müssten dort die bisherigen Schutzbestimmungen weiter gelten.
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Kritik an Überschreitung der achtstündigen Arbeitszeit: „Unfallrisiko steigt exponentiell an“
Die Sorge ist nicht unbegründet: Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung steige „das Unfallrisiko ab der achten Arbeitsstunde exponentiell an, sodass Arbeitszeiten über zehn Stunden täglich als hoch riskant eingestuft werden.“ Mehr noch: Das Unfallrisiko nach zwölf Stunden Arbeit steige auf das Doppelte gegenüber der achten Stunde. Das gelte auch für Unfälle auf dem Heimweg, etwa im Straßenverkehr. Zudem erhöhten regelmäßige Arbeitszeiten von zehn Stunden und mehr das Risiko für psychische Erkrankungen, Herzprobleme und Stoffwechselstörungen.
CDA und SPD fordern Grenzen
Die CDA fordert daher klare Grenzen: Eine Erhöhung der täglichen Arbeitszeit dürfe nur mit Zustimmung des Betriebsrats und bei tariflicher Regelung des Arbeitgebers zulässig sein. Bei Arbeitgebern ohne Betriebsrat oder Tarifvertrag müsse es bei der bisherigen Regelung bleiben. Außerdem sei eine „transparente und verlässliche Zeiterfassung“ unverzichtbar.
Unterstützung erhält die CDA vom Koalitionspartner SPD. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man eine Flexibilisierung ohne Beteiligung von Betriebsrat und Tarifparteien macht“, sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt der Süddeutschen Zeitung. Auch der hessische DGB-Chef äußerte sich, man werde den Acht-Stunden-Tag „nicht hergeben“.
Mehr arbeiten findet Mehrheit der Bürger gut – aber bitte nicht sie selbst
Interessant in diesem Hinblick ist auch eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag vom Verband der Familienunternehmer, über die die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet. Demnach stimmten sogar 56 Prozent der Befragten zu, dass in der Bundesrepublik mehr gearbeitet werden muss, um den Wohlstand zu erhalten. Deutlich weniger sind allerdings demnach bereit, selbst mehr zu arbeiten. Die Studie zeigt daher eine „erhebliche Diskrepanz zwischen der Überzeugung der Mehrheit, dass in Deutschland härter und auch länger gearbeitet werden müsste“, und der Bereitschaft, entsprechende Veränderungen der Rahmenbedingungen zu akzeptieren, zitierte die Zeitung aus der Untersuchung. Für die Studie befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Familienunternehmer den Angaben nach zwischen 3. und 14. Mai 1032 Menschen ab 16 Jahren. (jh)