Debatte um Altersgrenze

Arbeiten bis 70: Dachdecker spricht sich für höheres Rentenalter aus – unter einer Voraussetzung

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Die Debatte um das Rentenalter spaltet Deutschland. Dachdeckermeister halten eine Erhöhung für erforderlich – fordern aber faire und flexible Modelle.

Frankfurt – Deutschland streitet über die Rente: Selten war der Diskurs um das Ruhestandsalter so emotional aufgeladen. Zwar wird das gesetzliche Renteneintrittsalter bis 2029 auf 67 Jahre angehoben, doch Forderungen nach einer Rente mit 70 rücken erneut in den Fokus. Während die SPD eine weitere Anhebung kategorisch ablehnt, halten andere sie angesichts des demografischen Wandels für unausweichlich.

Arbeiten bis 70? Ob das Renteneintrittsalter noch weiter steigen muss, wird derzeit hitzig diskutiert (Symbolbild)

Ministerin fordert längere Lebensarbeitszeit – und stößt auf Widerstand

Ist ein höheres Ruhestandsalter für alle wirklich zumutbar? Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) heizte die Debatte an, als sie forderte, die Deutschen müssten künftig länger arbeiten. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte sie: „Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen.“

Ihre Aussage sorgte für heftige Reaktionen bei Gewerkschaften, der SPD und selbst innerhalb der eigenen Partei. SPD-Chef Lars Klingbeil kritisierte den Vorstoß bei RTL scharf. Er bezeichnete die Forderung nach einer Anhebung des Renteneintrittsalters als „Schlag ins Gesicht für viele“, insbesondere für Menschen in körperlich belastenden Berufen. Klingbeil verwies zudem auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte Ablehnung einer Rentenalterserhöhung, stattdessen plädiert er dafür, das freiwillige Weiterarbeiten im Alter attraktiver zu machen, ohne das Renteneintrittsalter anzuheben.

Handwerk unter Druck – dennoch Zustimmung zur Rente mit 70

Rente mit 70? Für viele Beschäftigte, besonders im Handwerk, ist das kaum vorstellbar. Vor allem Dachdeckerinnen und Dachdecker, Zimmerin und Zimmerer, Gerüstbauerinnen und Gerüstbauer und andere körperlich belastete Berufsgruppen stehen einer weiteren Anhebung des Rentenalters kritisch gegenüber.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
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Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

Doch es gibt auch differenzierte Stimmen. Wie Focus berichtet, befürworten einzelne Handwerkvertreterinnen und Handwerksvertreter eine Erhöhung – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Einer von ihnen ist Jens-Norbert Schmidt, Dachdeckermeister und Innungs-Obermeister aus Sachsen-Anhalt. Er betreibt einen Betrieb mit 40 Mitarbeitenden und hält eine Erhöhung des Rentenalters grundsätzlich für notwendig.

Dachdeckermeister sieht Rente mit 70 als unausweichlich

„Das Rentensystem haut nicht mehr hin“, so Schmidt gegenüber dem Portal. „Dass wir das Rentenalter auf 70 erhöhen müssen, und zwar für alle, ist ein Muss. Daran führt aus meiner Sicht überhaupt kein Weg vorbei. Das ist allein eine mathematische Frage, keine politische“. Und weiter: „Weniger Beitragszahler, mehr Rentner, längere Lebenszeit, weniger Geld.“

Gleichzeitig betont Schmidt, dass es mit einer pauschalen Anhebung des Rentenalters allein jedoch nicht getan sei. Ein höheres Rentenalter müsse mit „flexiblen Arbeitsmodellen“ verknüpft sein, vor allem für körperlich stark belastende Berufe. Als denkbares Modell nennt er eine reduzierte Wochenarbeitszeit ab 50, dafür aber eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis 75 – sofern gesundheitlich möglich.  

Zudem sollten erfahrene Handwerker im Alter auf weniger körperlich fordernde Tätigkeiten umsteigen können. Der Staat könne das unterstützen, etwa durch Umschulungsmaßnahmen. Parallel zur Rentendebatte wird auch über den sogenannten „Boomer-Soli“ diskutiert – ein zusätzlicher Beitrag der Babyboomer-Generation zur Entlastung des Rentensystems.

Tübinger Dachdeckermeister nennt Rente mit 70 „absolut utopisch“

Anders sieht das Otto Peetz, Inhaber eines Dachdeckerbetriebs in Tübingen. Auch er hält die Rente mit 70 für unvermeidlich, nennt sie für seine Branche jedoch „absolut utopisch“. Zu Focus sagt er: „Die wenigsten schaffen es in unserem Job, bis 65 durchzuarbeiten. Nach 40 Jahren ist man im Baugewerbe einfach körperlich kaputt“.

Peetz warnt, dass vorzeitiger Renteneintritt mit Abschlägen oft in Altersarmut mündet. Deshalb fordert er: „Wer 45 Jahre im Bauhauptgewerbe gearbeitet hat, sollte abschlagsfrei in Rente gehen können – unabhängig vom Alter. Das wäre fair.“ Zugleich zeigt er sich offen für neue Arbeitsmodelle, bei denen erfahrene Mitarbeitende in weniger belastende Tätigkeiten wechseln – bei reduzierter Arbeitszeit und entsprechend niedrigerem Lohn. Der Staat könnte den Differenzbetrag ausgleichen.

Auch Handwerkspräsident Jörg Dittrich fordert angesichts der demografischen Entwicklung ein grundlegendes Umdenken. „Wir brauchen endlich ein tragfähiges Gesamtkonzept und eine ehrliche Betrachtung“, sagte er der WirtschaftsWoche. „Eine immer kleinere Gruppe der Jüngeren kann nicht alleine dafür geradestehen, dass es zu wenig Kinder gab und nun zu viele Rentner.“

Viele Rentner arbeiten weiter

Viele Menschen arbeiten auch nach Rentenbeginn weiter. Laut Tagesschau gingen Ende 2022 über 1,3 Millionen in Deutschland, trotz Rentenbezug, einer Tätigkeit nach – die Mehrheit davon in Minijobs. Ab 2026 soll sich der Mindestlohn erhöhen – die Erhöhung des Mindestlohns wirkt sich auch auf die Bürgergeld-Aufstockerinnen und -Aufstrocker aus. (vw)

Rubriklistenbild: © Uwe Umstätter/ Westend61/ Imago

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