„Mehr und länger arbeiten“

CDU-Ministerin Reiche will Rente mit 70 für Babyboomer – zwei weitere Gruppen im Fokus

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Wirtschaftsministerin Reiche fordert eine längere Lebensarbeitszeit – entgegen dem eigentlichen Regierungskurs. Ein Vorschlag bleibt dennoch aktuell.

Frankfurt – Die Diskussion um eine Renten-Reform ist nach einem Vorstoß von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche neu entbrannt. Die CDU-Politikerin hatte am Wochenende (26./27. Juli) gefordert, dass Deutsche länger arbeiten müssten. „Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen“, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Es gelte: „Wir müssen mehr und länger arbeiten.“

Reiche argumentiert, dass es auf Dauer nicht funktioniere, dass Bundesbürgerinnen und Bundesbürger „nur“ zwei Drittel ihres Lebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen. „Bereits 2005 hat der damalige Präsident des DIW, Klaus Zimmermann, gefordert, die Rente müsse bis spätestens 2025 auf 70 Jahre steigen. Leider verweigern sich zu viele zu lange der demografischen Realität.“ Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Zudem steht wieder ein Vorstoß im Raum, der vielen bekannt vorkommen dürfte.

Merz-Ministerin will Rente mit 70: Kritik folgt umgehend – „Würde nichts anderes bedeuten als Rentenkürzung“

Dabei sollte der CDU von Anfang an klar gewesen sein, dass der Regierungspartner SPD ein höheres Renteneintrittsalter entschieden ablehnt – wie nun auch nochmal der SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf in der ntv-Sendung Frühstart betonte: „Wenn wir jetzt das Renteneintrittsalter auf gesetzlicher Ebene weiter erhöhen würden, dann würde es nichts anderes bedeuten als eine Rentenkürzung“, so Klüssendorf. „Und das ist etwas, was mit uns nicht zu machen ist.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) soll laut Bild-Informationen verärgert sein. Demnach gebe es innerhalb der Regierung eine Art Nicht-Angriffs-Pakt. Am 7. Juli, also vor drei Wochen, soll Merz im CDU-Vorstand die Parole ausgegeben haben: Die Koalition laufe gut, aber die Union müsse die schwierige Lage des Koalitionspartners SPD berücksichtigen. „Bitte keine Ratschläge von außen“, soll die Ansage gelautet haben. Ministerin Reiche hat die Vorgabe des Kanzlers offenbar missachtet.

Renten-Pläne stoßen auf Widerstand – Linken-Politikerin fordert Umverteilung

Damit reiht sich die Wirtschaftsministerin unter die Politikerinnen und Politiker, die eigene Renten-Pläne öffentlich machen – ohne vorherige Abstimmung mit den Koalitionspartnern. Bereits zuvor sorgte Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) für Schlagzeilen. Ihrer Meinung nach sollten künftig auch Selbstständige, Beamtinnen und Beamte sowie Abgeordnete in die Rentenkasse einzahlen. Ihr Vorschlag wurde von der Union in der Luft zerrissen. Die Sozialverbände begrüßten dagegen die Initiative.

Bereits 2024 forderte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi, dass auch Beamtinnen und Beamte, Selbstständige und Abgeordnete in die Rentenversicherung einzahlen müssen. „Das würde die Versicherungssysteme deutlich stabilisieren“, so Fahimi. Und reagierte nun auch in der FAZ auf den Reformvorschlag der Wirtschaftsministerin: „Die fortdauernden Angriffe auf die Rente sind ein Angriff auf die Lebensleistungen der Beschäftigten und gehen an den Lebensrealitäten der Menschen vollkommen vorbei. Statt den zukünftigen Rentnern mit Leistungskürzungen zu drohen, müssen endlich mehr Einzahler in die Deutsche Rentenversicherung gesichert werden.“

Ähnlich argumentierte auch die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner: „Das Rentensystem müsste reformiert werden, aber nicht durch solche kosmetischen Aktivrentenvorschläge und schon gar nicht durch irgendwelche Ideen, dass die Deutschen länger arbeiten müssten, sondern indem man besser umverteilt innerhalb des bestehenden Rentensystems.“

Wirtschaftsministerin Reiche hat sich für eine längere Lebensarbeitszeit ausgesprochen. (Montage)

Reiche gehen im Koalitionsvertrag vereinbarte Renten-Reformen nicht weit genug

Damit zielt Schwerdtner auf die im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vereinbarte Aktivrente ab. Darin heißt es: „Statt einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters wollen wir mehr Flexibilität beim Übergang vom Beruf in die Rente.“ Mit der Aktivrente sollen Rentnerinnen und Rentner ein Gehalt bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei bekommen, wenn sie das gesetzliche Rentenalter erreichen und freiwillig weiterarbeiten. Allerdings steht die Merz-Regierung vor Verfassungsproblemen.

Wirtschaftsministerin Reiche zufolge gehen Reformen wie die Aktivrente aber nicht weit genug. „Die sozialen Sicherungssysteme sind überlastet“, erklärte sie der FAZ. Viele Beschäftigte in Deutschland seien in körperlich anstrengenden Jobs tätig, aber es gebe auch viele, die länger arbeiten wollen und können. „Das Lebensglück besteht für viele Menschen eben nicht allein darin, möglichst früh in Rente zu gehen, sondern ihre Erfahrung weiter einbringen zu können“, so die CDU-Politikerin.

Merz-Ministerin verteidigt Vorstoß – und heizt Renten-Debatte erneut an

Die Kritik vonseiten der Regierungspartner ließ Reiche anscheinend kalt. Bei einem Besuch des Chemiewerks in Leuna verteidigte sie ihren Renten-Vorstoß. „Es ist unbestritten, dass wir länger arbeiten müssen“, erklärte die Ministerin. Dies, so Reiche, bestreite „im Kern keiner – übrigens auch nicht die Kritiker nicht“. Die Wirtschaftsministerin wiederholte ihre Forderung, dass soziale Sicherungssysteme und demografische Situation „in besseren Einklang“ gebracht werden müssten.

Wie Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille mitteilte, will die Koalition noch vor der Sommerpause erste Beschlüsse ihres Rentenpakets auf den Weg bringen. Er nannte die sogenannte Haltelinie des Rentenniveaus von 48 Prozent und die Mütterrente. Das Rentenniveau soll bei 48 Prozent stabilisiert werden. Laut Merz stehe zudem ein „Herbst der Sozialreformen“ bevor. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung ihre internen Streitigkeiten bis dahin beiseite legt. (cln)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

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