VonSebastian Oppenheimerschließen
Die Wahrheit über Ladezeiten beim Elektroauto: Warum die vom Hersteller angegebene maximale Ladeleistung oft in die Irre führt.
Die E-Mobilität ist nach einer Flaute im vergangenen Jahre wieder stark im Aufwind: Im April schossen die Neuzulassungen von Elektroautos in Höhe. Zwar gibt es immer noch Hürden, die die den ein- oder anderen potenziellen E-Auto-Kunden abschrecken – manchmal sind es aber auch falsche Annahmen, die verunsichern können. Eine Frage, die sich viele stellen, lautet: Wie lange dauert eigentlich das Aufladen? Die Ladezeit eines Elektroautos wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst und variiert je nach Fahrzeugmodell, Akkugröße und verfügbarer Ladeinfrastruktur erheblich. Um diese Frage umfassend zu beantworten, müssen wir einen genaueren Blick auf die verschiedenen Einflussfaktoren werfen.
Von der Haushaltssteckdose bis zum Ultra-Schnelllader
Die Ladeleistung ist einer der wichtigsten Faktoren, der bestimmt, wie schnell ein Elektroauto aufgeladen werden kann. Sie wird in Kilowatt (kW) gemessen und gibt an, wie viel Energie pro Zeiteinheit in die Batterie fließen kann. Eine gewöhnliche Haushaltssteckdose liefert in der Regel lediglich 2,3 kW – damit lassen sich E-Autos zwar theoretisch laden, doch bei aktuellen Akkugrößen würde eine Vollladung extrem lange dauern (siehe Tabelle unten). Für das Laden zu Hause ist daher eine Wallbox empfehlenswert, die Laden mit 11 kW oder sogar 22 kW ermöglicht – außerdem erhöht sie die Sicherheit beim Laden. An öffentlichen Schnellladestationen sind mittlerweile Ladeleistungen von 50 kW bis zu 350 kW (High-Performance-Charging, HPC –auch als Ultra-Schnellladen bezeichnet) möglich. Je höher die Ladeleistung, desto schneller füllt sich der Akku – allerdings nur, wenn das Fahrzeug diese Leistung auch aufnehmen kann.
Elektroauto für Einsteiger – die wichtigsten Fragen und Antworten
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Der Zusammenhang zwischen Akkugröße und Ladedauer
Die Akkugröße spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Sie wird in Kilowattstunden (kWh) angegeben und bestimmt, wie viel Energie gespeichert werden kann. Logischerweise benötigt ein größerer Akku mit 100 kWh länger zum vollständigen Aufladen als ein kleinerer mit 50 kWh. Gleichzeitig bietet ein größerer Akku natürlich auch mehr Reichweite. Die Ladezeit lässt sich theoretisch berechnen, indem man die Akkukapazität durch die Ladeleistung teilt – ein 50-kWh-Akku an einer 50-kW-Ladestation würde demnach etwa eine Stunde zum vollständigen Aufladen benötigen.
Maximaler Ladeleistung vs. Ladekurve
Allerdings folgt der reale Ladevorgang einer Ladekurve, die von der Bordelektronik gesteuert wird. Besonders wichtig zu verstehen ist, dass Elektroautos nicht über den gesamten Ladevorgang mit maximaler Leistung laden – doch genau die wird von vielen Herstellern prominent angegeben. Wenn der Akku fast leer (meist unter zehn Prozent) oder bereits zu mehr als 80 Prozent gefüllt ist, reduziert das Batteriemanagementsystem die Ladeleistung deutlich, um die Batterie zu schonen und ihre Lebensdauer zu verlängern. Daher beziehen sich die von Herstellern angegebenen Schnellladezeiten in der Regel auf den Bereich zwischen 20 und 80 Prozent Akkustand. Beim „langsamen“ Laden an einer Wallbox bleibt die Ladekurve relativ konstant.
Die Rolle der Temperatur beim Laden
Neben den technischen Spezifikationen des Fahrzeugs beeinflussen auch externe Faktoren die Ladegeschwindigkeit erheblich. Die Temperatur der Batterie spielt eine entscheidende Rolle – die optimale Betriebstemperatur liegt zwischen 20 und 30 Grad Celsius. Bei Kälte verlangsamen sich die chemischen Prozesse in den Akkuzellen, was zu deutlich längeren Ladezeiten führen kann. Moderne Elektroautos verfügen daher über ein Batterietemperaturmanagement, das den Akku vor dem Schnellladen auf die optimale Temperatur vorkonditioniert.
Vorsicht bei mehreren Ladepunkten an einer Ladestation
Auch die Auslastung der Ladestation kann die tatsächliche Ladeleistung beeinflussen. Wenn mehrere Fahrzeuge gleichzeitig an einer Ladestation angeschlossen sind, wird die verfügbare Leistung unter Umständen aufgeteilt, was zu längeren Ladezeiten führt. Dieses sogenannte Lastmanagement sorgt dafür, dass das Stromnetz nicht überlastet wird, kann aber die individuelle Ladegeschwindigkeit reduzieren.
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Warum die maximale Ladeleistung nur bedingt aussagekräftig ist
Ein häufiges Missverständnis betrifft die von Herstellern beworbene maximale Ladeleistung. Diese wird in der Praxis oft nur für kurze Zeit erreicht. Die Ladekurve eines Elektroautos zeigt, wie die Ladeleistung über den Ladevorgang variiert. Einige Fahrzeuge wie halten ihre Ladeleistung über einen großen Bereich des Ladevorgangs relativ konstant, während andere eine sehr hohe Spitzenleistung erreichen, die aber schnell wieder abfällt. Für Langstreckenfahrten ist daher nicht nur die maximale Ladeleistung entscheidend, sondern die durchschnittliche Ladeleistung im relevanten Bereich zwischen 20 und 80 Prozent. Moderne Elektroautos mit 800-Volt-Technologie können dabei beeindruckende Werte erzielen und in nur fünf Minuten Energie für etwa 100 Kilometer Reichweite nachladen.
Hier sind einige Ladedauer-Beispiele, bei denen es sich aber nur um grobe Richtwerte handelt. Wir gehen von einer Ladung von 10 auf 80 Prozent aus – und davon, dass die Ladeleistung permanent konstant bleibt. In der Realität schwankt diese jedoch, wie bereits erwähnt – besonders beim Schnellladen. Vor allem beim langsamerem Laden kommt es auch zu Ladeverlusten, die wir der Einfachheit halber hier ebenso ausblenden. Und es gibt viele andere Faktoren, die die Dauer beeinflussen. Im Alltag können die Ladezeit also durchaus abweichen:
| Akkugröße | Ladeleistung | Ladedauer von 10 auf 80 Prozent |
|---|---|---|
| 50 kWh | 2,3 kW | ~ 15 h |
| 75 kWh | 2,3 kW | ~ 23 h |
| 100 kWh | 2,3 kW | ~ 30 h |
| 50 kWh | 11 kW | ~ 3 h |
| 75 kWh | 11 kW | ~ 5 h |
| 100 kWh | 11 kW | ~ 6 h |
| 50 kWh | 22 kW | ~ 1 h 30 min |
| 75 kWh | 22 kW | ~ 2 h 30 min |
| 100 kWh | 22 kW | ~ 3 h |
| 50 kWh | 50 kW | ~ 45 min |
| 75 kWh | 50 kW | ~ 1 h |
| 100 kWh | 50 kW | ~ 1 h 30 min |
| 50 kWh | 100 kW | ~ 20 min |
| 75 kWh | 100 kW | ~ 30 min |
| 100 kWh | 100 kW | ~ 40 min |
| 50 kWh | 150 kW | ~ 15 min |
| 75 kWh | 150 kW | ~ 20 min |
| 100 kWh | 150 kW | ~ 30 min |
| 50 kWh | 200 kW | ~ 10 min |
| 75 kWh | 200 kW | ~ 15 min |
| 100 kWh | 200 kW | ~ 20 min |
| 50 kWh | 250 kW | ~ 8 min |
| 75 kWh | 250 kW | ~ 12 min |
| 100 kWh | 250 kW | ~ 16 min |
Der Unterschied vom Verbrenner-Betanken zum Stromer-Laden
Letztendlich ist es wichtig zu verstehen, dass sich das Ladeverhalten bei Elektroautos grundlegend vom Tankvorgang bei Verbrennern unterscheidet. Statt selten und vollständig zu tanken, laden Elektroautofahrer häufiger und oft nur teilweise auf – denn im Alltag sind 80 Prozent oft mehr als ausreichend. Dann klappt das Laden schneller und man schont zudem die Batterie, für die permanentes Vollladen ähnlich schädlich ist wie das komplette Entladen.

