Große Herausforderung

Autonomes Fahren mit bis zu 120 km/h: Entwickler stehen vor Mammutaufgabe

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Das autonome Fahren auf Level 3 auf Autobahnen mit einer Geschwindigkeit bis zu 120 km/h stellt riesige Anforderungen an die Technik – und vor allem an die Entwickler.

Eigentlich ist der Weg Robo-Auto klar vorgegeben – der Grad des autonomen Fahrens ist in sechs Stufen eingeteilt. Auf Level 2 vollzieht das Fahrzeug unter klar definierten Bedingungen teilautonome Manöver, hält die Spur, bremst und beschleunigt, aber der Fahrer behält das Kommando und muss jederzeit eingreifen. Schließlich haftet er auch für etwaige Schäden. Eine ganz andere Hausnummer ist dagegen die nächste Stufe des autonomen Fahrens. Beim Level 3 agiert das Fahrzeug selbstständig und der Fahrzeughersteller steht in der Haftung, falls es zu einem Unfall kommt. Der Mensch darf sich während der Fahrt um E-Mails kümmern, Videos schauen und muss den Verkehr nicht ständig im Blick haben.

Autonomes Fahren bei 120 km/h: Entwickler stehen vor Mammutaufgabe

Schon aus diesem kurzen Überblick wird klar, welche Mammutaufgabe das autonome Fahren darstellt. Audi hatte 2018 den A8 vorgestellt, der für das Robo-Fahren Level 3 vorbereitet war. Aber es dauerte bis zu diesem Jahr, ehe Mercedes mit dem Drive Pilot ein System in das Flaggschiff S-Klasse integrieren konnte, das das beherrscht. Allerdings nur bis zu einem Tempo von 60 km/h und unter bestimmten Umständen. Letztendlich ist diese Technik ein vollautomatischer Stau-Pilot, der bei Stop-and-Go-Verkehr und somit bei vergleichsweise überschaubaren Geschwindigkeiten das Steuer in die Hand nimmt. 

Für Mirko Reuter, dem Chefentwickler autonomes Fahren beim chinesischen Autobauer Nio – der kürzlich eine 500-kW-Ultra-Schnellladesäule vorgestellt hat –, ist diese Art des automatisierten Fahrens nur ein Zwischenschritt. Die Asiaten wollen gleich mit 120 km/h beziehungsweise 130 km/h in das Robo-Auto-Geschäft einsteigen. Mercedes tüftelt ebenfalls an der Geschwindigkeitserhöhung für seinen Drive Pilot. „Das automatisierte Fahren mit Level 3, bis maximal 120 Kilometer pro Stunde, stellt deutlich größere Herausforderungen für die ADAS-Systeme dar als das bei Tempo 60 der Fall ist“, sagt Dr. Jan Becker, CEO von Apex.Ai, der sich seit 24 Jahren mit Fahrassistenzsystemen und dem autonomen Fahren beschäftigt.

Autonomes Fahren bei 120 km/h: Kombination aus Kameras, Radar- und Lidarsensoren

Wie groß der Unterschied ist, zeigt ein einfaches Beispiel, das jeder aus der Fahrschule kennt. Bei der doppelten Geschwindigkeit vervierfacht sich der Bremsweg. Genau das müssen die Sensoren leisten und eine entsprechende Distanz zuverlässig abbilden. „Aktuell braucht man für das ADAS-Level 3 eine Kombination aus Kameras, Radar- und Lidarsensoren. Lidar ist unter anderem deshalb nötig, weil die Auflösung, die Radar bietet, nicht ausreicht, aber vor allem, weil die Video-Radar-Kombination allein zu viele Failure Cases hat. Der Hauptgrund für die Kombination ist die notwendige Redundanz im Sensorset“, erklärt Jan Becker. An besseren Sensoren wird bereits getüftelt. Die sind auch für das autonome Fahren nötig. Mit Kameras allein, endet der Versuch, ein Robo-Auto auf die Straße zu bringen, unweigerlich in einer Sackgasse. Das musste auch Tesla einsehen, die trotz aller ausgeklügelten Software jetzt wieder Radarsensoren in den Autos installieren.

Das autonome Fahren ist eine große Herausforderung für die Entwicklungsabteilungen. (Symbolbild)

Autonomes Fahren bei 120 km/h: Sondersituationen machen es der Technik schwer

Wie umfangreich diese Aufgabe ist, wird klar, wenn man die Arbeitsweise von Radarsensoren (die bald auch den Gesundheitszustand der Fahrzeuginsassen checken sollen) genauer betrachtet. Der Radarsensor sendet Mikrowellen aus, die hauptsächlich von metallischen Oberflächen reflektiert werden. Zum Beispiel von Autos, Gullydeckeln, Schilderbrücken über der Autobahn, Tunneleinfahrten und den Leitpfosten am Rand der Fahrbahn. Um autonom unterwegs zu sein, muss das System sortieren, was was ist. Bei stockendem Verkehrsfluss beziehungsweise bis 60 km/h ist das noch machbar, da man sich in der Regel an den anderen Autos orientieren kann und die Sensoren die Bremswegentfernung im Griff haben. Braust ein Pkw selbsttätig mit 120 km/h über die Autobahn und ein Auto steht zufällig genau in einer Tunneleinfahrt oder unter einer Schilderbrücke wird die Sache schon deutlich diffiziler. Dann muss der Robo-Chauffeur eindeutig identifizieren, ob da ein Auto steht und gegebenenfalls bremsen. Und das bei dieser Geschwindigkeit früh genug.

Die zehn hässlichsten Autos aller Zeiten: Design-Sünden der Hersteller

Die erste Generation der Mercedes A-Klasse.
Platz 10: Mercedes-Benz A-Klasse. Die ersten Generationen der A-Klasse waren alles andere als eine Schönheit. Seit 2012 kann sich der Kompaktwagen jedoch sehen lassen. Dennoch fliegt die A-Klasse bald aus dem Programm. © Mercedes-Benz AG
Audi A2
Platz 9: Audi A2. Natürlich darf auch der A2 in diesem Ranking nicht fehlen. Hier ging der Nutzen klar vor Design. Mit einem cw-Wert von 0,252 kann der Kompaktwagen locker mit modernen Stromern mithalten. Und auch sonst war der Audi A2 seiner Zeit weit voraus. Vermutlich etwas zu weit, denn 2005 wurde die Produktion nach sechs Jahren eingestellt. Inzwischen genießt der Ingolstädter einen Kult-Status. © Heritage Images/Imago
Ein Chrysler PT Cruiser von 2009 auf der San Diego International Auto Show
Platz 8: Chrysler PT Cruiser. Den Kompatkwagen gab es alternativ auch als Cabrio. Optisch erinnert der PT Cruiser durch seine lange Motorhaube etwas an die Autos der 20er oder 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. 2010 war nach zehn Jahren Bauzeit und einem Facelift dann Schluss. © UPI Photo/Imago
Ford Edsel Villager
Platz 7: Ford Edsel Villager. Ende der 1950er-Jahre führte die Ford Motor Company die Tochtermarke Edsel ein. Ab 1958 ging diese unter anderem mit dem Villager auf Kundenfang. Wirklich beliebt waren die Marke und ihre Modelle damals jedoch nicht. Das lag aber viel mehr an dem ungewöhnlich hohen ovalen Kühlergrill, der so manchen Kritiker an einen Toilettensitz erinnerte. Nach drei Jahren war dann Schluss mit Edsel und dem Villager. Für Ford ein teurer Flop, der fast für den Ruin des US-Autogiganten gesorgt hätte. © Chromorange/Imago
Ein Alfa Romeo SZ.
Platz 6: Alfa Romeo SZ. Nicht schön, dafür aber teuer. Der Alfa Romeo SZ kostete Anfang der 1990er-Jahre sagenhafte 100.000 DM (ca. 51.129 Euro). Der Sportwagen war zudem auf 1.000 Exemplare limitiert. Ob die Italiener wussten, dass der Sportwagen nicht besonders gelungen ist? © Alfa Romeo
Pontiac Aztek
Platz 5: Pontiac Aztek. Von 2001 bis 2005 baute Pontiac diese „Schönheit“. Der Crossover-SUV verkaufte sich immerhin rund 1115.000 Mal. Zu besonderem Ruhm kam der Aztek zudem durch die TV-Serie „Breaking Bad“, in der er von der Hauptfigur Walter White gefahren wird. Allerdings wird der SUV in jeder Episode beschädigt. © Daniel Lippitt/AFP
SsangYong Rodius
Platz 4: SsangYong Rodius. Für einen Platz auf dem Podium hat es für den Koreaner nicht ganz gereicht. Gleiches gilt aber auch für ein eigenständiges Design. Der Kühler erinnert etwas an den PT Cruiser, das Heck hingegen hat man sich bei Mercedes geborgt. Eine Idee, die man womöglich erst hatte, als das Auto schon fertig war, denn es wirkt wie nachträglich aufgesetzt. Trotzdem wurde der Van in zwei Generationen von 2004 bis 2019 gebaut. © SsangYong
Nissan S-Cargo
Platz 3: Nissan S-Cargo. Was aussieht wie ein Modellauto für Kinder, wurde von Nissan tatsächlich von 1989 bis 1992 gebaut. Warum genau wissen wohl nur die Designer und Manager des asiatischen Autobauers. © Nissan
Ein Commuter Tango T600.
Platz 2: Nein, das ist keine optische Täuschung. Der Tang T600 von Commuter Cars ist in der Tat nur 99 Zentimeter breit. Was bei der Parkplatzsuche helfen mag, wirkt optisch, als hätte man einen Smart zu heiß gewaschen oder einen Minivan aus der Schrottpresse gerettet. Doch das Design ist nicht das einzige Problem des Tango T600. Für das kleine Elektroauto werden schwindelerregende 121.000 US-Dollar fällig. Dafür bekommt man aber auch 600 kW Leistung.  © Commuter Cars
Fiat Multipla
Platz 1: Fiat Multiple. Der Sieg geht ganz klar an den Italiener. Zwar versuchte Fiat das Modell mit einem Facelift zu retten, doch wirklich schöner wurde der Van dadurch nicht. 2010 wurde der Multipla nach elf Jahren wieder eingestellt. Bleibt die Frage: Wie konnte dieses Design jemals auf die Straße kommen? © Fiat

Autonomes Fahren bei 120 km/h: Sensoren ergänzen sich gegenseitig

Für die Software-Programmierer ist die Herausforderung ebenfalls immens. Was passiert, wenn ein Sensor Alarm schlägt und ein Hindernis meldet und ein anderer nicht? „Man benötigt Rechenmodelle, die abbilden, was ein Sensor leisten kann und was nicht. Daraus lässt sich dann ableiten, ob die Meldung des Sensors plausibel ist oder nicht“, weiß Jan Becker. Zum Beispiel ist ein Lidar-Sensor in der Regel recht tief eingebaut und kann nicht „sehen“, ob die Fahrzeuge vor dem Vordermann bremsen oder nicht, da der Pkw ihm die „Sicht verstellt“. Dagegen kann eine Kamera durch die Scheiben die aufleuchtenden roten Lichter des Verkehrs erkennen und auch die Radarsensoren können zu einem gewissen Grad unter einem vorausfahrenden Fahrzeug „entlangschauen“. Also muss der Algorithmus diese Umstände bewerten und in die Entscheidung miteinbeziehen. Das bedeutet: Nur wenn jedes Rad in das nächste greift, ist ein geschmeidiges autonomes Fahren Level 3 machbar. Klar ist aber auch, dass die Herausforderungen bei 120 km/h deutlich größer sind als bei 60 km/h.

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Autonomes Fahren bei 120 km/h: In den USA ist man schon bei Level 4 angekommen

In den USA ist man inzwischen schon bei Level 4 angekommen, aber auch da hakt es noch an den höheren Geschwindigkeiten. Cruise hat die Freigabe für autonome Level-4-Taxis für einen großen des Stadtgebiets von San Francisco erhalten, ohne menschlichen Fahrer als Rückfall-Instanz. Aber eben zunächst nur innerstädtisch – und auch hier kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Weitere Gebiete wie Phoenix oder Houston sollen folgen. Auch Konkurrent Waymo tüftelt bereits seit 2009 am autonomen Fahren, ist daher deutlich weiter als etwa Tesla und darf seine autonomen Flotten ebenfalls in San Francisco, Phönix und neuerdings auch in Los Angeles betreiben. (Wolfgang Gomoll/press-inform)

Rubriklistenbild: © Westend61/Imago

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