VonJudith Braunschließen
Am Black Friday locken Händler mit zahlreichen Sonderangeboten und Preisnachlässen. Ein Neuropsychologe gibt Tipps, wie man diesen widerstehen kann.
Am 29. November ist es wieder so weit: Viele Onlineshops und Geschäfte in Deutschland feiern den Black Friday 2024. In dieser Zeit winken den Kunden spezielle Sonderangebote und Rabattaktionen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, in einen regelrechten Schnäppchen-Rausch zu geraten. Denn Schnäppchen können laut Christian Elger, Professor und Doktor für Neuropsychologie an der Universität Bonn, zur Droge werden. Was beim Shoppen im Gehirn genau passiert und wie man sogenannte unnötige Käufe vermeiden kann, lesen Sie hier.
„Black Friday“-Schnäppchen können wie Drogen wirken
Im menschlichen Gehirn befindet sich eine Struktur, die als sogenanntes Belohnungssystem bezeichnet wird. „Das heißt: Jedes Mal, wenn diese Strukturen aktiviert werden, sind verschiedene Gruppen von Nervenzellen angeregt. Dann fühlt sich das Gehirn außerordentlich wohl. Und zwar so wohl, dass es alles andere ein bisschen vergisst“, sagt Elger in einem Interview mit der Deutschen Welle. Durch Wörter wie „Sonderangebot“ oder „Rabatt“ an Gegenständen wird diese Gehirnregion im Gegensatz zu normalen Preis-Etiketten besonders aktiviert. Wird ein Käufer mit Schnäppchen konfrontiert, sind außerdem gleichzeitig diejenigen Regionen im Gehirn, in denen Entscheidungen durchdacht oder nochmals abgewogen werden, nicht mehr aktiv. Dann schnappt die Kauffalle sozusagen zu: „Sie kaufen und nehmen mit – ohne Berücksichtigung, ob wirklicher Bedarf da ist und ohne wirkliche Abwägung“, erklärt der Neuropsychologe.
Da das Belohnungssystem auch das System ist, in dem manche Drogen angreifen und die Region aktivieren, kann sich schnell eine Art Sucht beim Kaufen entwickeln. Schnäppchen können also eine ähnliche Wirkung auf das Gehirn haben wie Drogen. Man kauft dann, weil es günstig ist und das Günstige laut dem Experten einen Schalter im Gehirn umlegt. „Dieser Schalter signalisiert: Du brauchst nicht mehr zu vergleichen, man weiß ja nie, wofür man das brauchen könnte.“ Bei Menschen, die krankhaft kaufen, stapeln sich zu Hause oftmals unausgepackte Dinge.
Was ist eine Kaufsucht?
Etwa rund fünf Prozent der Deutschen sind Informationen der AOK zufolge stark kaufsuchtgefährdet. Laut dem Neuropsychologen Christian Elger ist Kaufsucht jedoch nicht so leicht zu definieren. Für die Diagnose ist es beispielsweise wichtig zu beachten, „was für einen Bedarf die Person hat und welche Geldquellen sie zur Verfügung hat“. So gibt es wohlhabende Personen, die aufgrund ihres Lebensstils manchmal Dinge wie Möbel oder Kunst ohne Ende sammeln. Um Kaufsucht handelt es sich dabei allerdings meist nicht. Bei „Normalpersonen“ hat man laut dem Experten andere Maßstäbe. „Wenn sich in meiner Wohnung die Dinge stapeln, ein Jahr lang und ich habe sie noch nicht mal ausgepackt und benutzt, dann ist die Grenze langsam überschritten und wenn der Anteil an unbenutzten Gegenständen größer ist als der meiner anderen, dann ist man behandlungsbedürftig erkrankt.“
Wer Schmerztabletten eingenommen hat, läuft eher Gefahr, Schnäppchen zu kaufen
Indem das Belohnungssystem aktiviert wird, kommt es zur Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin, welches auch als Glückshormon bekannt ist. Andererseits gibt es aber auch Strukturen im Gehirn, die ein unangenehmes Gefühl – ähnlich wie Schmerz – auslösen, wenn man Geld ausgibt. „Wenn wir zum Beispiel Schmerztabletten nehmen, dann werden wir auch unkritischer, weil dieser Reiz, dass zu viel Geld ausgeben, unangenehm ist, weggeht“, erklärt Elger. Auch Kaffee-Konsum vor dem Shopping kann das Risiko für Impulskäufe erhöhen. Zudem setzen Geschäfte bestimmte Signale ein, die Kunden zu Käufern machen. Laut dem Neuropsychologen sind das vor allem die roten Schilder, wie ein Experiment des Forschers zeigte. „Auch Musik wird geschickt eingesetzt. Das bringt uns natürlich in eine gute Stimmung und in guter Stimmung kauft man leichter, weil man dann den Verlust nicht so spürt“, so Elger.
So vermeiden Sie an Black Friday unnötige Käufe – drei Tipps vom Neuropsychologen
Um sich gerade an Black Friday mit all seinen verlockenden Rabattangeboten gegen einen Kaufrausch zu wappnen, empfiehlt der Experte folgende Verhaltensweisen:
- Zeitlichen Abstand zur Kaufentscheidung herstellen: Der Neuropsychologe rät dazu, bevor man die Entscheidung zum Kaufen trifft, erstmal Zeit vergehen zu lassen. In der Regel wollen Menschen die Hälfte der ersehnten Produkte nach 30 Minuten gar nicht mehr haben. Gehen Sie also zum Beispiel einmal aus dem Laden raus, laufen Sie weiter und überlegen Sie, ob sie das Produkt wirklich brauchen.
- Vor dem Kaufen keine Schmerzmittel nehmen: Schmerzmittel wirken entspannend auf die Region im Gehirn, die beim Kauf die Notwendigkeit abwägen würde. Vermeiden Sie es daher, vor dem Shoppen Schmerzmittel einzunehmen.
- Bar anstatt mit Kreditkarte kaufen: Der Experte warnt davor, Dinge wie Shopping bargeldlos zu machen. Denn das Kaufen mit Kreditkarte erleichtert es dem Gehirn, den eigentlichen Geldverlust zu verdrängen. Wenn die Rechnung einen Monat später kommt, hat man es häufig bereits vergessen. „Wenn ich mir etwas kaufe und dafür Scheine geben muss, dann ist der Verlust in dem Moment viel deutlicher. Und dann ist dieser Verlust dem Gehirn ab einer gewissen Höhe auch unangenehm. Wenn ein Mantel 200 Euro kostet und ich den bar bezahle, dann schmerzt das. Selbst wenn er um 100 Euro reduziert war.“
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