Vor allem Kinder betroffen

Apothekerverband warnt vor Arzneimittel-Engpässen – „Versorgung hängt am seidenen Faden“

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Herbst und Winter gelten als Erkältungs-Jahreszeiten. Apothekenverband und pharmazeutischer Großhandel schlagen jetzt schon Alarm – sie befürchten Medikamenten-Engpässe.

München – Die typische Erkältungszeit naht, auch wenn derzeit noch verhältnismäßig hohe Temperaturen den Herbst dominieren. Dennoch kann aus heiterem Himmel plötzlich Schnupfen, Gliederschmerzen und Fieber auftreten– und meist ist die Grippe dann nicht mehr weit. Viele haben im vergangenen Jahr schon selbst die Erfahrung machen müssen, dass ein benötigtes Medikament nicht mehr verfügbar war. Experten klären auf, was Verbraucher tun können, wenn ihre Medikamente ausgehen.

Im Winter 2022 war die Medikamentenknappheit extrem, insbesondere Husten- und Fiebermedikamente für Kinder waren knapp. Wie die Deutsche Apotheker Zeitung berichtet, sind wir auch in diesem Jahr von massiven Lieferengpässen für bestimmte Medikamente betroffen. Auch Kinderärzte warnten Anfang September vor „schlimmeren Engpässen“.

Kinderarzneimittel wieder knapp: Apothekenverband sieht keinen Lichtblick

„Die Arzneimittelversorgung von Kindern und Babys im kommenden Winter hängt am seidenen Faden, einem immer dünner werdenden Faden. Was das bedeutet, können die Menschen jetzt schon bei der Abholung von Medikamenten in unseren Apotheken tagtäglich erleben“, erklärte Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekenverbandes Nordrhein (AVNR) in einer Pressemitteilung. Nach Einschätzung des AVNR sind derzeit täglich rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Viele Medikamenten-Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Paracetamol kommen heute jedoch aus China oder Indien, was uns abhängig macht.

Apothekerverband erwartet auch im kommenden Winter eine „dramatische Lieferengpasssituation“ bei Arzneimitteln.

Eine Entspannung der Lage sehe Preis nicht. Im Gegenteil. „Die Arzneimittelversorgung verschlechtert sich weiter“, kritisiert Preis. So seien die Lieferengpässe gemäß BfArM-Liste „innerhalb eines Jahres um über 25 Prozent auf aktuell über 500 angestiegen. Innerhalb von fünf Jahren sogar um über 150 Prozent“, heißt es in der Mitteilung weiter. Wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf ihrer Website informiert, habe sie in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) eine Dringlichkeitsliste für Kinderarzneimittel erstellt, die in der kommenden Infektionssaison möglicherweise einer angespannten Versorgungssituation unterliegen. Diese Liste enthält essenzielle Arzneimittel für die Pädiatrie.

Apothekenverband fordert schnelle Maßnahmen von Regierung und Gesundheitsbehörden

Auch der Hessische Apothekerverband (HAV) warnt. „Wir stehen vor einer beispiellosen Krise“, so Apotheker Holger Seyfarth. „Apotheken bundesweit melden über 500 alarmierende Lieferengpässe für lebenswichtige Arzneimittel. Apothekerinnen und Apotheker sind Tag und Nacht unermüdlich im Einsatz und bemüht, Lösungen zu finden, um die Versorgung noch einigermaßen aufrechtzuerhalten. Aber die Situation verschlechtert sich rapide. Wir können die Sicherheit unserer Patienten nicht mehr gewährleisten. Und die Wintersaison mit der nächsten Erkältungs- und damit einhergehenden Infektionswelle steht erst noch bevor“, heißt es in der Pressemitteilung.

Daher fordert Seyfarth die Regierung und die Gesundheitsbehörden dringend auf, „schnelle Maßnahmen zu ergreifen, um diese existenzielle Bedrohung für die öffentliche Gesundheit zu bewältigen. Es ginge nicht nur darum, den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten sicherzustellen, sondern auch die zugrunde liegenden Probleme der Lieferkette und der Arzneimittelproduktion anzugehen“. Auch die Gesellschaft wird vom Hessischen Apothekenverband in die Pflicht genommen, sich der „dramatischen Situation bewusst zu werden“.

Medikamente für Kinder: „Es ist objektiv unmöglich Lagerbestände aufzubauen“

Für den Bundesverband des Pharmazeutischen Großhandels (Phagro) ist die aktuelle Versorgungssituation „äußerst prikär“. „Bei 85 Prozent der für die kommende Herbst-/Wintersaison dringend benötigten Arzneimittel reichen die derzeit verfügbaren Bestände nicht einmal für zwei Wochen“, heißt es in einer Mitteilung. In einem Schreiben an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach habe der Bundesverband deutlich gemacht, dass es „objektiv unmöglich sei, diese Arzneimittel bei der pharmazeutischen Industrie zu beschaffen, geschweige denn Lagerbestände aufzubauen“. Dafür nennt Phargo folgende Gründe:

  • Mehr als ein Viertel der Dringlichkeits-Arzneimittel konnte in den vergangenen Monaten vom Großhandel nicht beschafft werden, weil die pharmazeutische Industrie keine Ware zur Verfügung stellen konnte.
  • Ein Achtel der gelisteten Präparate sind von den Herstellern außer Vertrieb gesetzt worden oder werden nicht mehr in den Verkehr gebracht.
  • Bei mehr als der Hälfte der Dringlichkeits-Arzneimittel liefern die pharmazeutischen Unternehmen nur 20 Prozent der vom Großhandel angeforderten Ware aus.
  • Alternative Beschaffungswege, z.B. durch das Verbringen bzw. den Import von in Deutschland nicht zugelassenen Arzneimitteln aus anderen EU-Mitgliedsländern und Drittstaaten, können, wenn möglich, nur im Einzelfall zu einer Verbesserung der Versorgungssituation führen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hatte bereits zuvor vor erneuten Lieferengpässen bei Medikamenten in der kalten Jahreszeit gewarnt, wie die Pharmazeutische Zeitung berichtet. Zwar gehe das neu beschlossene Lieferengpass-Gesetz in die richtige Richtung, der Verband rechne aber nicht damit, dass das bereits in diesem Jahr seine Wirkung zeigt. „Er wird definitiv nicht durch diesen Winter helfen“, so der Verband. (Vivian Werg)

Rubriklistenbild: © Heike Lyding/ Imago

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