Studien zeigen

Demenz: Millionen von Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen erhalten keine Diagnose

+
Alzheimer ist eine neurodegenerative Erkrankung. Betroffene leiden zunehmend an Demenz. Doch nicht jeder kann sich einen Gehirnscan zur Diagnose leisten (Symbolbild).
  • schließen

Viele ältere Menschen weisen leichte kognitive Beeinträchtigungen auf, die später zu einer Demenz führen können. Allerdings wird nur ein Bruchteil davon rechtzeitig diagnostiziert.

Die ersten Anzeichen einer Demenz machen sich schon sehr früh bemerkbar. Die Erkrankung verläuft in dem meisten Fällen allerdings viele Jahre unbemerkt. Gerade bei Menschen über 65 werden leichte kognitive Beeinträchtigungen häufig nicht diagnostiziert. Zu diesem Schluss kommen zwei Studien der University of Southern California. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Alzheimers‘s Research & Therapy“ veröffentlicht.

Erhebliche Lücken bei der Erkennung leichter kognitiver Beeinträchtigungen

Die leichte kognitive Störung, auch „mild cognitive impairment“ (MCI) genannt, ist eine im höheren Alter häufige Beeinträchtigung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Denkvermögen. Sie geht meist ohne wesentliche Alltagseinschränkungen einher, stellt laut Experten des Deutschen Ärzteblatts jedoch das Vorstadium einer Demenz dar.

Werden die leichten kognitiven Beeinträchtigungen nicht erkannt und Alzheimer später diagnostiziert, ist das Gehirn in der Regel schon stark geschädigt. Die Betroffenen leben durchschnittlich nur noch weniger als zehn Jahre, wie der NDR berichtet. Wissenschaftler arbeiten daher an der Entwicklung sicherer Frühtests, die lange vor dem Ausbruch der Demenz Hinweise auf die Alzheimerkrankheit geben. Die aktuellen Ergebnisse sind laut den US-amerikanischen Forschern allerdings ein Hinweis darauf, dass es erhebliche Lücken bei der Erkennung leichter kognitiver Beeinträchtigungen gibt.

Nicht verpassen: Alles rund ums Thema Gesundheit finden Sie im Newsletter unseres Partners 24vita.de.

Nur acht Prozent der leichten kognitiven Beeinträchtigungen diagnostoziert

In einer ersten Studie untersuchte das Forscher-Team um Ying Liu, wie oft leichte kognitive Beeinträchtigungen diagnostiziert – und wie häufig diese übersehen werden. Anhand von Daten aus der Health and Retirement Study, einer Längsschnittuntersuchung mit etwa 20.000 Menschen in den USA, versuchten die Wissenschaftler vorherzusagen, wie viele Probanden früher oder später eine MCI-Diagnose erhalten müssten. Anschließend verglichen sie das Ergebnis mit den tatsächlichen Diagnosen.

Dabei zeigte sich: Von den zu erwartenden acht Millionen Fällen erhielten nur etwa acht Prozent tatsächlich eine korrekte Diagnose. Diese Erkenntnis wurde in einer weiteren Studie bestätigt. Auch hier stellte sich heraus, dass nur etwa acht Prozent der vorhergesagten Fälle tatsächlich diagnostiziert wurden; und nur 0,1 Prozent der Ärzte die Krankheit so oft diagnostizierten, wie es nach den Berechnungen des Teams erforderlich gewesen wäre.

Erste Anzeichen von Demenz: Elf Symptome können auf die Erkrankung hindeuten

Mann schläft in Bett
Schon Jahre zuvor kann ein gestörter Schlaf mit intensiven Träumen auf eine spätere Demenz-Erkrankung hindeuten. Laut Ergebnissen einer kanadischen Studie soll die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung ein Warnzeichen für Gehirnerkrankungen sein, die ca. 15 Jahre später auftreten. Menschen, die heftig träumen und dabei um sich schlagen oder treten, sollen ein 80 bis 100 Prozent höheres Risiko haben, eine neurodegenerative Erkrankung wie Demenz oder Parkinson zu entwickeln. © Monkeybusiness/IMAGO
Verschwommene Frau am Tisch
Wahrnehmungsstörungen bis hin zu Halluzinationen sind auch als Frühsymptom bei einer Demenz möglich, insbesondere bei der Lewy-Körper-Demenz. Vielen Betroffenen fällt es schwer, Bilder, Farben, Kontraste zu erkennen und räumliche Dimensionen zu erfassen. Auch das Wiedererkennen von vertrauten Gesichtern kann dadurch beeinträchtigt sein. Betroffene sehen beispielsweise in einer fremden Person plötzlich die eigene Mutter. Laut Ärztezeitung zeigen Studien mit Alzheimerpatienten, dass etwa ein Drittel der Betroffenen Wahnvorstellungen entwickelt, etwa ein Sechstel ausgeprägte Halluzinationen. © weedezign/Imago
Person macht sich Notizen
Vergesslichkeit und Unaufmerksamkeit zählen zu den typischen Symptomen, die Betroffenen und auch Angehörigen durch eine beginnende Demenz auffallen. Betroffene können sich gefühlt plötzlich wichtige Termine nicht mehr merken, müssen ihren Alltag mithilfe von Gedächtnisstützen und Erinnerungsnotizen organisieren. Sie verpassen es, den Herd abzuschalten, lassen den Schlüssel in der Haustür nach dem Aufsperren stecken, verlegen Gegenstände – auch da sie diese plötzlich an ungewöhnlichen, abwegigen Orten verräumen. Zudem zeigen Betroffene Schwierigkeiten, bekannten Gesichtern die Namen zuzuordnen. Normale kognitive Veränderungen unterscheiden sich zur Vergesslichkeit in Zusammenhang mit einer angehenden Demenz dahingehend, dass Namen oder Verabredungen zwar kurzfristig vergessen, aber später häufig wieder erinnert werden, so die „Alzheimer Forschung Initiative e. V.“ © Ute Grabowsky/photothek.net/Imago
Älteres Paar
Demenz macht sich durch eine zunehmende Verwirrung bemerkbar, die sich in einem gestörten Urteilsvermögen zeigt. Die Kleidung wird nicht mehr dem Wetter entsprechend gewählt, Betroffene möchten plötzlich beispielsweise Winterstiefel oder eine Mütze an warmen Tagen tragen, wie es das Portal „Neurologen und Psychiater im Netz“ beschreibt. © Panthermedia/Imago
Mann stützt seinen Kopf
Depression und Demenz beeinflussen einander. Wer unter Depression leidet, hat ein um bis zu sechsfach erhöhtes Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Umgekehrt sind auch Menschen mit Demenz um bis zu 50 Prozent eher von depressiven Phasen betroffen, begleitet von Schlafstörungen und abnehmendem Appetit. © imagebroker/theissen/Imago
Mann reagiert aggressiv
Persönlichkeitsveränderungen mit gereizter Stimmung und aggressivem Verhalten können ebenfalls eine beginnende Demenz ankündigen: Bisher sanftmütige Menschen zeigen plötzlich starke Stimmungsschwankungen ohne erkennbaren Grund, reagieren übertrieben, aufbrausend, feindselig, selbst vertrauten Menschen gegenüber. Meist sind es die Angehörigen, denen die Wesensveränderungen auffallen und die den Verdacht einer Demenz äußern. © marcus/Imago
Frau riecht an einem blühenden Ast eines Baumes im Frühling
Ähnlich wie bei Parkinson kann es durch eine sich entwickelnde Demenz zum Verlust des Geruchssinns und daran gekoppelt ein vermindertes Geschmacksempfinden kommen. Können ältere Menschen plötzlich nicht mehr riechen, kann dies auf eine künftige Demenz hindeuten, wie eine Studie der Mayo-Klinik in Rochester unter der Leitung von Dr. Rosebud Roberts nachweisen konnte. © imageBROKER/Manuel Kamuf/Imago
Ältere Frau am Telefon
Menschen, die eine Demenz entwickeln, fällt es zusehends schwer, einer Unterhaltung zu folgen und aktiv an einem Gespräch teilzunehmen, wie es die „Alzheimer Forschung Initiative e. V.“ schildert. Betroffene verlieren im Gespräch häufig gedanklich den Faden, wiederholen Sätze, zeigen Wortfindungsschwierigkeiten und verwenden unpassende Füllwörter. © edbockstock/Imago
Mann sitzt am Bettrand
An Demenz erkrankte Menschen leiden häufig an Schlafstörungen und Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die „innere Uhr“ wird durch die absterbenden Nervenzellen im Gehirn beeinträchtigt. Betroffene können häufig abends nicht einschlafen, sind nachts sehr unruhig, irren zum Teil umher. © Monkeybusiness/Imago
Mann in Fußgängerzone
Menschen, die an Demenz erkranken, finden sich an neuen und selbst gewohnten Orten schwerer zurecht, entwickeln räumliche und zeitliche Orientierungsprobleme. Orte oder Zeitabstände können nicht mehr eingeordnet werden. Betroffene vergessen zum Beispiel das Jahr und die Jahreszeit, können die Uhrzeit nicht mehr lesen, wissen nicht mehr, wie ihr Heimweg ist. © Westend61/Imago
Ältere Dame mit Rechenmaschine
Menschen, die eine Demenz entwickeln, zeigen zunehmend kognitive Schwierigkeiten. Die „Alzheimer Forschung Initiative e. V.“ fasst zusammen, dass Demente komplexere Aufgaben, wie das Berechnen des Wechselgeldes, das Ausfüllen von Formularen sowie Lesen von Rezepten, schwerfällt. Betroffene bemerken selbst häufig, dass sie sich schlechter konzentrieren können und für vieles mehr Zeit als zuvor benötigen. © Joseffson/Imago

Leichte kognitive Beeinträchtigungen: Frühe Diagnose wichtig

Die Folgen sind laut Experten verheerend. „Wir lassen viele Menschen im Stich“, erklärt Sarah Banks, Neuropsychologin an der University of California und Leiterin des neuropsychologischen Programms der dortigen Klinik für Gedächtnisstörungen, gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Wired.de. „Es überrascht mich nicht, dass es unterdiagnostiziert wird, aber ich war überrascht, wie sehr.“

Gerade für die Behandlung von Alzheimer ist eine Früherkennung wichtig. In Deutschland steht seit 2023 ein neues Alzheimer-Medikament mit dem Wirkstoff Lecanemab zur Verfügung. Der Wirkstoff soll die Demenz-Krankheit mehrere Monate hinauszögern können. Eine Behandlung mit Lecanemab kommt allerdings ausschließlich für Patienten im Frühstadium der Erkrankung in Betracht. 

Wichtig ist eine Früherkennung auch für Betroffene und Angehörige, um sich rechtzeitig mit der Krankheit und ihren Folgen auseinandersetzen und entsprechende Hilfsangebote annehmen zu können.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

Kommentare