VonRudolf Bögelschließen
Lucid tritt mit der 85.000 Euro teuren High-End-Limousine Air Pure gegen die deutsche Premium-Konkurrenz an. Kann Sie BMW und Mercedes schlagen?
Wer oder was steckt hinter Lucid? Der CEO des Unternehmens jedenfalls ist kein Unbekannter. Peter Rawlinson baute als Chef-Entwickler den Elektro-Pionier Tesla auf und gilt als Vater des Model S. 2013 stieß er zu dem neuen kalifornischen Unternehmen, das sich auf den Bau von Elektrobatterien und Antriebssträngen für andere Hersteller konzentrierte. Mehr als ein Jahrzehnt später holt Lucid die Geschichte als Zulieferer wieder ein. Denn E-Maschinen und -Akkus von Lucid werden künftig die britische Nobelmarke Aston Martin befeuern und lösen damit – kleine Ironie am Rande – Mercedes-AMG als Motorenlieferanten ab. Nach dem Einstieg von Rawlinson wurde der erste Prototyp entwickelt, aber erst mit dem Bau einer Fabrik in der Nähe von Phoenix, Arizona, unterstrichen die Amerikaner ihre Ambitionen. Als das Geld knapp wurde, stieg der saudi-arabischen Staatsfonds Public Investment Funds (PIT) ein. Insgesamt acht Milliarden Dollar hat der PIT bislang in Lucid gesteckt, und sogar eine zweite Fabrik am Roten Meer gebaut. Hier sollen bis zu 150.000 Fahrzeuge jährlich hergestellt werden, in Arizona liegt die Kapazität bei 90.000.
Spitzenmodell Sapphire mit 1.254 PS
Noch ist das alles ein amerikanischer Traum – denn die Realität sieht anders aus. Gerade mal 15.000 Autos hat Lucid bislang auf die Straßen gebracht. Das einzige Modell heißt Air. Eine Luxus-Limousine, die es in verschiedenen Ausführungen gibt, mit Reichweiten bis zu 883 Kilometer und irrer Power. Bis zu 1.254 PS, zum Beispiel im neuen Top-Modell Sapphire. Das alles hatte seinen Preis – bislang gab es kein Air-Modell unter 100.000 Euro. Aber genau hier setzt Lucid jetzt an. Ganz bewusst auch in Deutschland. Das Motto: Wer im härtesten Premium-Markt der Welt besteht, der ist auch woanders erfolgreich. Mit einem Kampfpreis von 85.000 Euro und einer sehr guten Grundausstattung tritt Lucid nun gegen Mercedes, BMW, Audi & Co an.
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Lucid Air bietet so viel Platz wie eine Mercedes S-Klasse
Aber hat Lucid überhaupt eine Chance? Schon beim ersten Blick auf die fast fünf Meter lange und nur 1,42 Meter hohe Limousine sieht man, warum der Name zum Auto passt. Das englische lucid bedeutet nämlich „klar“. Und genau solche klaren Linien hat Peter Jenkins, der früher bei Mazda war, dem imposanten Air verpasst. Leicht, luftig, lässig – so steht das Elektroauto auf der Straße. Auffällig sind die extrem flachen Scheinwerfer und Heckleuchten, die an ein Raumschiff erinnern. Und genau das ist der Lucid Air Pure. Mit einem Radstand von 2,97 Metern bietet er jede Menge Platz im Inneren. Etwa so viel wie die S-Klasse von Mercedes-Benz, mehr als das Tesla Model S Plaid oder der Porsche Taycan. Hinten sitzt man so bequem wie in einem Chauffeurs-Fahrzeug – und wer viel Gepäck hat, der wird mit dem Air glücklich. Vorne in den Frunk passen 283 Liter und damit mehr als in den Kofferraum eines Kia Picanto. Hinten kommen noch mal 627 Liter dazu. Allerdings gestaltet sich dort das Einladen aufgrund der geringen Fahrzeughöhe und der kleinen Klappenöffnung unpraktisch und unkomfortabel.
Touchscreen verschwindet in der Konsole
Das Interieur wirkt ebenfalls klar und aufgeräumt. Blickfang ist das 84 Zentimeter breite und gebogene Cockpit-Display, das sich über das mit Stoff (erinnert an Volvo) bezogene Armaturenbrett streckt. Ein zweiter Bildschirm liegt über der Mittelkonsole, dort lässt sich beispielsweise die Klimaanlage steuern. Nur für Temperatur und Gebläse gibt es noch echte Knöpfe, die Lautstärke regelt der Fahrer am Lenkrad. Sonst ist das Cockpit nahezu ohne. Auch die Seitenspiegel müssen über sogenannte Pilot Panel bedient werden. Der Gag: Man kann den Touchscreen in der Konsole versenken. Ausgestattet ist das Air-Pure-Modell mit veganem Leder, das sich gut und echt anfühlt. So wie auch alle anderen verwendeten Materialien. Premium-Feeling mit Premium-Verarbeitung. Trifft auf das ganze Auto zu. Was bekommt man sonst noch für 85.000 Euro? 12-fach verstellbare und beheizbare Vordersitze zum Beispiel, drahtloses Handy-Laden, elektrische Heckklappe und Surreal-Sound mit neun Lautsprechern. Letzterer war allerdings nicht surreal, sondern eher unterirdisch. Da lohnt sich das Upgrade auf das bessere System mit 21 Lautsprechern (3.500 Euro).
Lucids E-Maschinen wurden im Rennsport getestet
Schöner Wohnen kann der Lucid Air – aber kann er auch schöner fahren? Im Gegensatz zu allen anderen Modellen (Touring, Grand Touring, Dream Edition, Sapphire) hat die Pure-Version nur einen Elektromotor (325 kW, 442 PS), der das Auto an der Hinterachse antreibt. Der Akku verfügt über eine Kapazität von 88 kWh und soll mit 19-Zoll-Felgen für 747 Kilometer Reichweite gut sein (mit 20-Zöllern sind es nur 708). Um solche Werte zu erreichen, darf der Verbrauch natürlich nicht allzu hoch sein.
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Lucid spricht von 13 kW, was bei einem knapp 2,1 Tonnen schweren Fahrzeug schon fast sensationell wäre und weniger als beim Kleinwagen Dacia Spring. Bei unserem Praxistest, der mit ordentlichem Tempo hauptsächlich über die Autobahn führte, standen 18,7 kWh auf dem Tacho, das ist in etwas so viel wie der Polestar 3 braucht. Andere Kollegen kamen mit 13,4 und 14,2 kWh ins Ziel. Das Auto scheint tatsächlich effizient zu sein. Das mag am cw-Wert liegen, der mit 0,197 der Beste in seiner Klasse ist. Oder an den selbst entwickelten E-Maschinen, die Lucid im Renneinsatz der Formel E Stück für Stück verbessert hat. Die Ladezeiten: Bei DC kann das E-Auto mit bis zu 210 kW Strom aufnehmen, das macht 400 Kilometer Reichweite in 20 Minuten.
Unser Fazit zum Lucid dürfte BMW und Mercedes nicht gefallen
Das Fahren selbst ist sehr angenehm. Mit einer Gewichtsverteilung von 50:50 folgen die Amerikaner der goldenen Sportwagen-Regel. Auch wenn es sich so anfühlt: Das Fahrwerk hat keine Luftfedern – bietet trotzdem ansprechenden Komfort oder zeigt erstaunlich sportlichen Charakter bei Kurvenfahrten. Mit 4,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100 und 550 Nm Drehmoment bleibt auch hier kein Auge trocken. Noch kurz in die Mecker-Ecke: Das Gestühl ist zu unbequem, weil die Sitzfläche zu kurz ist. Und beim Blinken schaltet man ganz schnell mal aus Versehen den Scheibenwischer an. Dazu kommen noch der magere Sound und das unbequeme Einladen des hinteren Kofferraums. Insgesamt ist der Lucid Air Pure eine gut verarbeitete Luxus-Limousine mit einem effizienten, sportlichen Antrieb zu einem überschaubaren Preis. Wenn man sich da die deutsche Konkurrenz so anschaut: Der vergleichbare Mercedes EQS kostet ab 125.000 Euro, der BMW i7 startet bei 115.000 Euro. Da bekommt man beim Kauf eines Lucid Air quasi noch einen funkelnagelneuen VW Golf obendrauf. (Rudolf Bögel)
Rubriklistenbild: © Stefan Boesl / Lucid



