Schere öffnet sich

Elektroauto: Deutschland droht ein Ladesäulen-Mangel

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Immer mehr Elektroautos rollen auf unsere Straßen. Doch die Anzahl der Ladesäulen hinkt hinterher. Insbesondere in den Städten fehlen Lademöglichkeiten.

Die Fahrer eines Elektroautos oder eines Plug-in-Hybriden wissen in den Morgenstunden in der City oder wochenends an den Schnellladesäulen der Autobahnen ein Lied davon zu singen: Vorbei sind die Zeiten, in denen man mit dem Auto einfach vorfuhr, sich den Parkplatz aussuchte und den Stecker in den eigenen Ladeadapter stopfte. Gerade in den Innenstädten sieht es mit freien Parkplätzen für elektrifizierte Modelle mittlerweile schlecht aus.

Die wenigen Parkplätze mit einer Ladesäule sind schnell belegt, denn mittlerweile sind immer mehr Menschen mit einem Elektroauto unterwegs. Noch schwieriger ist die Lage in vielen Parkhäusern. Gerade in der Vorweihnachtszeit geht auf den normalen Parkflächen ohnehin wenig und so kommt man kaum umhin, eines der teuren Parkhäuser aufzusuchen. Hier entstehen nämlich immer mehr Ladepunkte.

In immer mehr Parkhäusern gibt es Ladesäulen für Elektroautos – doch bei weitem nicht genug.

Elektroauto: Deutschland droht ein Ladesäulen-Mangel

Doch hier droht neues Ungemach. Die älteren Parkhäuser haben zumeist gar keine Ladestationen und diejenigen, die solche anbieten, haben gerade einmal eine handvoll an Steckerplätzen und die Tarife sind oftmals teuer. Können in der Parkgarage für stattliche Stundenpreise Hunderte von Fahrzeugen einen Platz zum Ausruhen finden, bevor diese die verkaufsgestressten Einkäufer wieder zurück nach Hause bringen, liegt die Zahl der Stellplätze mit Ladestecker oftmals bei zwei, vier oder sechs für das ganze Parkhaus.

Elektroauto laden: Diese zehn kommen nach 20 Minuten am weitesten

Kia EV6
Kia EV6: 309 Kilometer. Dank moderner 800-Volt-Ladetechnik fährt das Mittelklasse-SUV aus Südkorea klar an die Spitze. Die Version mit Heckantrieb und 77,4-kWh-Akku war das einziges Modell des Testfeldes, das die 300-Kilometer-Marke knackte. Basispreis: 46.990 Euro. © weigl.biz
Mercedes-Benz EQS 450+
Mercedes-Benz EQS 450+: 275 Kilometer. Die Luxuslimousine für mindestens 107.326 Euro holt aus der verwendeten 400-Volt-Technik dank präzisem Lade- und Temperatur-Management das Optimum heraus. Getestet wurde die Long-Range-Version mit 108-kWh-Akku und Heckantrieb. © Deniz Calagan/Mercedes-Benz AG
BMW iX
BMW iX: 273 Kilometer. Das große Elektro-SUV trat als xDrive50 mit serienmäßigem Allradantrieb zum Test in der Oberklasse-Kategorie an – und mit mächtigem 105,2-kWh-Akku. Der Basispreis des mächtigem Stromers liegt bei 84.600 Euro. © Uwe Fischer/BMW
Hyundai Ioniq 5
Hyundai Ioniq 5: 272 Kilometer. Das südkoreanische SUV ist technisch mit dem Testsieger Kia EV6 verwandt, und nutzt dieselbe schnelle 800-Volt-Technik. Die sparsamere Heckantriebsversion kostet ab 43.900 Euro, getestet wurde die Ausführung mit 72,6-kW-Akku für 4.000 Euro Aufpreis. © Dino Eisele/Hyundai
Porsche Taycan GTS
Porsche Taycan: 271 Kilometer. In der Oberklasse lagen die Testwerte relativ dicht beieinander. In der Version GTS fährt der Elektro-Porsche (Basispreis 86.733 Euro) mit 93,4-kWh-Akku nur knapp hinter den Klassenbesten her, er kann ebenfalls mit 800 Volt laden. © Porsche AG
Audi e-tron GT quattro
Audi e-tron GT quattro: 237 Kilometer. Der viertürige, Elektrosportler mit Allradantrieb basiert auf dem Porsche Taycan und verfügt daher ebenfalls über schnelle 800-Volt-Technik und einen 93,4-kWh-Akku, ist aber etwas größer und geräumiger. Preis: ab 104.000 Euro. © Audi
BMW i4 eDrive40
BMW i4: 235 Kilometer. Die Elektroversion der konventionell angetriebenen 4er-Reihe ist das sportlichste Modell der Mittelklasse-Wertung. Als eDrive40 kostet er ab 59.200 Euro und verfügt über einen Akku mit 83.9 kWh Kapazität. © BMW
Tesla Model 3
Tesla Model 3: 221 Kilometer. Der Elektroauto-Pionier legt seit jeher mehr Wert auf Reichweite als auf schnelles Laden, was bei der Akku-Auslegung ein Zielkonflikt ist. Der Test der Long-Range-Version mit 82,1-kWh-Akku erfolgte an markeneigenen Superchargern. Basispreis des Model 3: 52.965 Euro. © Tesla
Polestar 2
Polestar 2: 218 Kilometer. Die noch junge Marke gehört zum chinesischen Geely-Konzern, die Autos werden von dessen Tochter Volvo entwickelt und in China produziert. Den Polestar gibt es ab 46.495 Euro, gemessen wurde die heckgetriebene Long-Range-Version mit 78-kWh-Akku. © Polestar
BMW iX3
BMW iX3: 201 Kilometer. Ein weiterer BMW nach dem bewährten Muster, ein Verbrennermodell zum Stromer umzurüsten. Das Mittelklasse-SUV kostet ab 67.300 Euro und verfügt über einen Akku mit 80 kWh Kapazität. © BMW

Wer bei den Parkhausbetreibern nachfragt, bekommt unisono die gleiche Antwort: Die Kosten, in einer bestehenden Garage Ladesäulen zu installieren, sind bei einem älteren Bestandsgebäude groß. Zudem reicht bei vielen Garagen auf den einzelnen Etagen die Infrastruktur nicht aus, um an viele Stellplätze Strom für bestenfalls Hochspannung zu bekommen.

Elektroauto: In Innenstädten fehlen Ladesäulen

Die Autohersteller zucken mit den Achseln, denn sie haben ihre Arbeit nicht zuletzt durch den großen politischen Druck gemacht und in den vergangenen Jahren mit Milliardenaufwand elektrifizierte Modelle entwickelt und mittlerweile auf die Straße gebracht. Unter dem Anbieter Ionity haben sich zwar mehrere Autohersteller in einer Initiative zusammengefasst, doch hier geht es in erster Linie um ein internationales Schnellladenetz entlang der großen Verbindungsstrecken, um einem Elektrowettbewerber wie Tesla ausreichend Paroli bieten zu können.

Doch die großen Probleme gibt es aktuell nicht an Autohöfen oder Autobahntankstellen, sondern speziell in den Innenstädten, denn diese kommen mit der Ladeinfrastruktur nicht hinterher, da die Schere zwischen Elektroautos und Ladesäulen immer weiter auseinandergeht.

Elektroauto: Ladesäulen-Monopol in deutschen Städten

Das gilt nicht nur für die Ladesäulen an sich, sondern insbesondere auch das Schnellladenetz. Kaum eine deutsche Metropole hat mehr Ladesäulen als München, doch schaut man sich auf der Karte an, wie viele davon Hypercharger mit mehr als 150 Kilowatt Leistung sind, sieht es düster aus. Ein ähnliches Bild bietet sich in Berlin, Hamburg oder Köln. Ein großes Problem ist dabei der Ladesäulenmonopolismus.

Nach Informationen des Hamburger Stromanbieters Lichtblick sind die meisten Ladepunkte fest in der Hand der städtischen Energiebetreiber. Demnach betreibt Enercity in Hannover 89 Prozent aller Ladepunkte. Auch in Mannheim (90 Prozent MVV) oder Wiesbaden (91 Prozent ESWE) ist die Situation eindeutig. In München (85 Prozent Stadtwerke München), Köln (88 Prozent Rheinenergie), München oder Hamburg (83 Prozent Stromnetz Hamburg) bietet sich ein ähnliches Bild. Da sticht Berlin, wo 70 Prozent der Ladesäulen zu den Berliner Stadtwerken gehören, fast schon positiv heraus. Diese Situation ist alles andere als ideal für einen Wettbewerb, bei dem der Kunde, der aus verschiedenen Anbietern auswählen und sich für den besten Preis entscheiden kann.

Elektroauto: Deutschland mangelt es an Schnellladesäulen

Mit Stand Oktober 2022 gab es in Deutschland knapp 71.000 offiziell angemeldete Ladesäulen, wovon 60.000 Stationen mit einer schmalen Leistung von bis zu 22 Kilowatt ausgestattet waren. Eines der größten Schnellladenetze in Deutschland betreibt EnBW, die aktuell mehr als 750 Hypercharger in ihrer Liste haben. Bis 2025 soll die Zahl auf 2500 steigen, doch gibt es die Ladeparks in erster Linie an Autobahnen und Verkehrsknotenpunkten.

EnBW will sein Hypernetz weiter ausbauen und setzt dabei vor allem auf Standorten an Autobahnen und Verkehrsknotenpunkten.

In den Innenstädten haben eben zumeist die regionalen Betreiber die Oberhand und wollen selbst Geld verdienen – mit langsamen Ladestationen. Daher kommen Betreiber wie EnBW nur über Kooperationen in die Innenstädte, weshalb die Schnellladesäulen immer häufiger auf Parkplätzen von Supermärkten, Drogerien, Burgerketten oder Baumärkten stehen. Doch auch hier wird es nicht nur am Wochenende langsam enger und enger, denn die Zahl der Elektroautos steigt stetig.

Elektroauto: Zulassungszahlen steigen weiter an

Im vergangenen Monat stieg die Zahl der Neuzulassungen mit alternativem Antrieb nochmals um 11,2 auf knapp 46 Prozent. Mehr als ein Viertel (26,8 Prozent/+ 10,7 Prozent) entfiel dabei auf Neuwagen mit einem Elektroantrieb. Knapp 15 Prozent aller neuen Autos sind aktuell reine Elektroautos – Tendenz mit einem Zuwachs von 21,3 Prozent stark steigend.

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Die Zahl läge sogar noch höher, wenn die Autohersteller liefern könnten. Pandemie und Halbleiterkriese sorgen dafür, dass in den Auftragsbüchern Hunderttausende von Fahrzeugen mit Stecker parken, die aktuell nur mit monatelanger Verzögerung produziert und ausgeliefert werden können. Besonders hoch ist die Anzahl elektrifizierter Modelle bei Audi (69,1 Prozent), BMW (65 Prozent) und Mercedes (50 Prozent).

Elektroauto: Auch im Ausland sind Ladesäulen oft Mangelware

Die angespannte Situation sieht in Europa kaum anders aus, wobei sich die einzelnen Nationen deutlich unterscheiden. In sechs der EU-Staaten steht an einer Strecke von hundert Kilometern nicht ein einziger Ladepunkt. In 17 Ländern gibt es weniger als fünf Ladepunkte pro 100 Kilometer Straße und gerade einmal fünf Staaten verfügen auf dieser Strecke über mehr als zehn Ladepunkte. Gibt es in den Niederlanden zum Beispiel mit einer Ladestation auf 1,5 Kilometer Straßennetz eine Ladesäule, hat Polen - achtmal größer als die Niederlande – gerade einmal einen Ladepunkt auf 150 Kilometern.

Und das Schnellladenetz ist gerade in Europa oftmals kein solches, denn der größte Teil der vermeintlichen Schnellladesäulen bietet gerade einmal ein Ladetempo von 22 Kilowatt. Nur ein Siebtel aller Ladepunkte ist eine Schnellladesäule. „Wenn wir die Bürger in ganz Europa davon überzeugen wollen, im kommenden Jahrzehnt auf Elektromobilität umzusteigen, sollte das Aufladen dieser Autos so einfach sein wie heute das Tanken“, unterstreicht ACEA-Generaldirektorin Sigrid de Vries, „die Menschen sollten weder kilometerweit fahren müssen, um ein Ladegerät zu finden, noch sollten sie lange warten müssen, um ihr Fahrzeug aufzuladen.“ ( Wolfgang Gomoll/Stefan Grundhoff/press-inform)

Rubriklistenbild: © Petra Schneider-Schmelzer/Imasgo

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