Neue Grundsicherung

„Bürgergeld wird der Vergangenheit angehören“ – das bedeutet die Reform für Leistungsempfänger

  • schließen

Jetzt steht es fest: die neue Grundsicherung kommt. Bei einer Pressekonferenz umriss Bundeskanzler Merz die neue Sozialleistung – und die Sanktionen.

Berlin – Die groben Eckpunkte der neuen Grundsicherung waren schon seit längerem bekannt. Bislang stand aber noch nicht fest, ob die geplanten Änderungen wirklich so kommen würden. Nun ist die Entscheidung gefallen. In einer Pressekonferenz am Donnerstagmorgen (9. Oktober) verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dass das Bürgergeld zur neuen Grundsicherung umgeformt werde. Großer Fokus wurde dabei auf die verschärften Sanktionen gelegt.

Das Bürgergeld soll zur neuen Grundsicherung werden. (Symbolbild)

Künftig soll es wesentlich schneller zu Leistungskürzungen kommen, wenn Bürgergeld-Empfänger Termine nicht wahrnehmen oder ihre Pflichten anderweitig verletzen. Sogar eine komplette Streichung der Bezüge ist bei der Grundsicherung möglich. Hier geht der endgültige Beschluss sogar noch einen Schritt weiter als wohl viele gedacht haben.

Bürgergeld-Reform: 30-Prozent-Kürzungen sind in der Grundsicherung wesentlich schneller möglich

Immerhin: Konsequenzen gibt es nicht direkt nach dem ersten versäumten Termin. Wer künftig einen Termin im Jobcenter versäumt, bekommt umgehend eine Einladung zu einem Ersatztermin. Wird dieser ebenfalls nicht wahrgenommen, werden die Leistungen um 30 Prozent gekürzt, heißt es im Beschlusstext der Koalition aus CDU, CSU und SPD. Bei einem dritten versäumten Termin kommt es zu einer vollständigen Streichung der Leistungen. Gemeint ist damit der Regelsatz. Die Wohnkosten werden weiter gezahlt.

Wer jedoch auch im darauffolgenden Monat nicht beim Amt vorstellig wird, verliert sämtliche Leistungen – inklusive der Wohnkosten. Das könnte schnell schlimme Folgen nach sich ziehen. Denn die vom Jobcenter überwiesenen Wohnkosten decken die Mieten der Empfänger. Wird es gestrichen, könnten die Sozialhilfeempfänger ihre Wohnung verlieren oder zumindest in Mietrückstand geraten. Und Schulden sind angesichts des engen finanziellen Rahmens der Sozialleistungen nur schwer wieder abzustottern.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Leistungskürzungen gibt es auch bei Pflichtverletzungen nun schneller. Schon ab dem ersten Verstoß wird um 30 Prozent gekürzt. Bei Verweigerung einer Arbeitsaufnahme werden die Geldleistungen vollständig gestrichen. Die Mietkosten fließen in diesem Fall direkt vom Jobcenter an den Vermieter.

Engere Betreuung und schnellere Vermittlung: Das kommt mit der neuen Grundsicherung auf Betroffene zu

Neu sind außerdem die verbindlichen Gespräche nach der Antragstellung. In diesen soll mit den Leistungsempfängern ein Kooperationsplan erstellt werden, der die gegenseitigen Rechte und Pflichten enthält. Auch hier werden Antragssteller jedoch streng zur Kooperation angehalten. „Kommt dieser Kooperationsplan nicht zustande, wird ein Verwaltungsakt erlassen“, heißt es im Beschlusstext.

Grundsätzlich ist dieses Erstgespräch jedoch etwas Gutes. In diesem soll die individuelle Situation des Betroffenen geklärt und direkt ein Weg zurück in die Arbeit besprochen werden. Dabei können auch etwaige Hürden direkt zur Sprache kommen. Die Rückkehr ins Berufsleben ist klar das Kernziel der neuen Grundsicherung. Wer in der Lage ist, zu arbeiten, soll schnellstmöglich vermittelt werden.

Eine Ausnahme besteht für junge Leistungsempfänger unter 30. Sollte bei ihnen „eine Qualifizierung mit Blick auf die dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt erfolgversprechender“ erscheinen, „sollte eine Qualifizierung Vorrang haben“ – sprich eine Ausbildung oder Umschulung stattfinden. Ob dadurch Umschulungen für ältere Leistungsbezieher komplett ausgeschlossen werden, ist noch unklar.

Neue Grundsicherung halbiert Karenzzeit für Wohnungen – ursprünglich war ein kompletter Wegfall geplant

Weitere Neuerungen sind eine insgesamt engere Betreuung der Sozialhilfe-Empfänger, sowie eine gezielte Ansprache von Eltern. Für sie besteht eine Beratungspflicht ab dem ersten Lebensjahr des Kindes sowie eine Pflicht zur Teilnahme an Integrationsmaßnahmen, sofern eine Kinderbetreuung verfügbar ist.

Neben den verschärften Sanktionen plant die Regierung zudem weitere Einschnitte. So soll die Karenzzeit für zu teure Wohnungen von zwölf auf sechs Monate halbiert werden. Das ist etwas besser als die geplante vollständige Streichung, für die es heftige Kritik seitens der Sozialverbände gegeben hatte. Auch beim Schonvermögen sind Verschärfungen geplant – Empfänger müssen künftig früher ihre Ersparnisse aufbrauchen, bevor sie Leistungen erhalten. Die Höhe der Grundsicherung bleibt zunächst unverändert bei 563 Euro für Alleinstehende und soll auch 2026 nicht erhöht werden, wie Focus berichtet. (Quellen: Pressekonferenz mit Friedrich Merz, Bärbel Bas und Lars Klingbeil, Beschlusstext der Bundesregierung, Focus) (sp)

Transparenzhinweis: In der ursprünglichen Version des Textes war fälschlicherweise von Wohngeld die Rede. Richtigerweise muss es beim Bürgergeld natürlich Wohnkosten heißen. Der Text wurde entsprechend korrigiert.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Rene Traut

Kommentare