Armutsgefährdung in Deutschland

Institut der deutschen Wirtschaft ordnet ein: Mit diesem Einkommen zählt man als arm

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Wer 2025 als arm betrachtet wird, hat oft ein höheres Einkommen als angenommen. Die Armutsschwelle ist stark abhängig von der Größe des Haushalts.

Köln – Eine aktuelle Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) liefert konkrete Zahlen zur Armutsgefährdung in Deutschland – und offenbart, wie relativ der Begriff „arm“ tatsächlich ist. Denn ob jemand als armutsgefährdet gilt, hängt nicht nur vom Einkommen, sondern auch von der Haushaltsgröße und dem Erwerbsstatus ab.

Relative Armut in Deutschland

Armut bezeichnet eine wirtschaftliche Lage, in der Menschen ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten können oder ihre Situation als mangelhaft empfinden. Man unterscheidet zwischen absoluter Armut (existenzbedrohend niedriges Einkommen) und relativer Armut (im Vergleich zum Lebensstandard der Gesellschaft). In der EU gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt.

Doch auch wenn die ökonomische Lage als zentrales Kriterium herangezogen wird, kann Armut nicht nur durch Einkommenszahlen beschrieben werden. Laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist Armut ebenso ein Ausdruck sozialer Ausgrenzung – etwa, wenn Menschen nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben können oder unerwartete Ausgaben nicht bestreiten können.

So zeigt sich: Armut ist mehr als ein monetärer Zustand – sie ist ein gesellschaftliches Phänomen mit vielen Facetten. Und auch wenn Deutschland über ein starkes soziales Sicherungssystem verfügt, bleibt die Herausforderung bestehen, Armut nicht nur statistisch zu erfassen, sondern sie wirksam zu bekämpfen – durch Bildungsangebote, Erwerbsanreize und soziale Teilhabe.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Für das Jahr 2022 – auf dessen Daten sich die aktuelle Studie bezieht – lag dieser Schwellenwert für alleinlebende Personen bei einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 1.390 Euro. Für Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren lag die Armutsgrenze bei 1.800 Euro, bei Paarhaushalten mit zwei Kindern bei 2.910 Euro.

Armut in Deutschland: Studie definiert nach Nettoeinkommen pro Haushalt

Die Untersuchung basiert auf Daten des EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions) aus dem Jahr 2023, die auf Einkommensverhältnisse des Vorjahres 2022 zurückblicken. Erfasst werden dabei Nettoeinkommen nach Steuern, Abgaben und Transferleistungen. Auch Mietvorteile aus selbstgenutztem Wohneigentum fließen in die Berechnungen ein. Für die Gewichtung der Haushalte kommt die modifizierte OECD-Skala zum Einsatz.

Diese sogenannte Bedarfsgewichtung berücksichtigt, dass das Leben zu mehreren günstiger ist als allein – und dass Kinder geringere finanzielle Ressourcen benötigen als Erwachsene. So reicht einer vierköpfigen Familie beispielsweise ein monatliches Nettoeinkommen von 3.880 Euro, um zur Mittelschicht zu zählen. Für einen Single beginnt die Zugehörigkeit zur ökonomischen Mitte bereits bei 1.850 Euro netto. Doch wo hört Mitte auf – und wo beginnt Armut? Ein Überblick:

HaushaltsgrößeArmutsgrenzeUntere MittelschichtMittelschichtObere Mittelschicht
Single1390 Euro1850 Euro3470 Euro5780 Euro
Alleinerziehender mit einem Kind unter 14 Jahren1800 Euro2400 Euro4510 Euro7510 Euro
Kinderloses Paar2080 Euro2770 Euro5200 Euro6240 Euro
Familie mit Kind unter 14 Jahren2500 Euro2910 Euro8670 Euro10.400 Euro
Familie mit Kindern unter 14 Jahren2910 Euro3880 Euro7280 Euro12.140 Euro

Die IW-Analyse zeigt, dass 2022 etwa 14,4 Prozent der Bevölkerung ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze hatten. Besonders häufig betroffen waren junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren mit einer Armutsgefährdungsquote von 24,6 Prozent, gefolgt von Alleinerziehenden (23,7 Prozent) und Alleinlebenden (26,4 Prozent). Frauen wiesen mit 15,1 Prozent eine höhere Quote auf als Männer (13,7 Prozent).

Insgesamt macht die Studie deutlich, dass Armut in Deutschland viele Gesichter hat – und dass eine rein einkommensbasierte Betrachtung nicht genügt, um Wohlstand und Teilhabe zu erfassen.

Subjektive Realität ist eine andere als die empirische: Viele Deutsche fühlen sich nicht arm

Neben der Haushaltszusammensetzung spielt der Erwerbsstatus eine zentrale Rolle. Während unter den Erwerbstätigen nur 6,6 Prozent als arm gelten, sind es bei Arbeitslosen alarmierende 46,5 Prozent. Auch im Ruhestand ist das Risiko erhöht: 18,3 Prozent der Rentner und Pensionäre waren 2023 von Armut bedroht. Interessant ist, dass subjektive Wahrnehmungen von Armut und Reichtum oft deutlich von den objektiven Kriterien abweichen. Studienautorin Judith Niehues erklärt: „Reich sind in der eigenen Wahrnehmung zumeist die anderen“. Dass bereits ein Paar ohne Kinder mit einem monatlichen Einkommen von über 8.670 Euro zu den einkommensreichsten vier Prozent der Bevölkerung zählt, überrasche viele.

Diese Diskrepanz zwischen objektiver Datenlage und subjektivem Empfinden zeigt sich auch bei der Selbsteinschätzung zur gesellschaftlichen Zugehörigkeit. In der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) aus dem Jahr 2023 ordneten sich über die Hälfte der Befragten der Mittelschicht zu – ungeachtet ihres tatsächlichen Einkommens. Dabei ist die Mittelschicht selbst keine homogene Gruppe: Das IW unterscheidet eine untere Mitte (60 bis 80 Prozent des Medians), eine enge Mitte (80 bis 150 Prozent) und eine obere Mitte (150 bis 250 Prozent). Nur etwa vier Prozent der Bevölkerung überschreiten die Schwelle zur Oberschicht – bei Singles liegt diese bei einem Nettoeinkommen von über 5.780 Euro monatlich. (ls)

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