Neue IW-Analyse

Ab diesem Einkommen gelten Sie in Deutschland schon als reich

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Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, wie wohlhabend sie sind. Das verdeutlichen neue Zahlen. Ein Experte erklärt, woher das kommt.

Immer wieder sprechen Politiker und Politikerinnen davon, die Mittelschicht entlasten zu wollen. Etwa, wenn es um das Thema Spitzensteuersatz geht, dessen Einkommensgrenze die CDU „deutlich“ anheben will. Doch wer gehört eigentlich zu dieser ominösen Mittelschicht? Selbst der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz, der ein Millionenvermögen besitzt, wie er selbst sagte, zählte sich 2018 „zur gehobenen Mittelschicht“. Einer der Momente, die zeigen, wie Merz tickt.

Zählen auch Sie sich zur Mittelschicht? Eine neue Studie zeigt, ob Sie mit ihrem Einkommen zur Mittelschicht gehören oder sogar wohlhabend sind.

Wie viel Menschen in der Mittelschicht wirklich verdienen

Für Singles reicht ein Haushaltsnettoeinkommen von monatlich 1850 Euro, um zur Mittelschicht Deutschlands zu gehören. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze bei 3880 Euro monatlich, um zur Mittelschicht zu gehören. Das zeigt eine neue Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).

Der Mittelschicht gehört eine Person nach IW-Definition an, wenn ihr bedarfsgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen zwischen 80 Prozent und 150 Prozent des mittleren bundesweiten Einkommens liegt. Dieses lag 2023 etwa bei 2180 Euro im Monat. Bedeutet: Eine alleinlebende Person gehört zur Mittelschicht, wenn sie über ein monatliches Nettoeinkommen zwischen 1850 und 3470 Euro verfügt. In Deutschland ist das rund jede und jeder Zweite.

Ab welchen Einkommen gilt man als „reich“?

Als „reich“ gilt laut IW Köln, wer mehr als 250 Prozent des monatlichen Median-Einkommens hat. Für Alleinstehende sind das mindestens 5780 Euro netto im Monat. Wer also mehr als 6200 Euro brutto in Steuerklasse 1 verdient, gehört nicht mehr zur Mittelschicht. Viele mit diesem Einkommen zählen sich aber trotzdem dazu, glauben, erst ab etwa 9000 Euro netto im Monat reich zu sein. Das zeigen Daten des Armuts- und Reichtumsbericht und des Ungleichheitsbarometers, für den deutsche Erwachsene in regelmäßigen Abständen befragt werden, wie sie sich selbst auf einer zehnstufigen Einkommens- oder Vermögensleiter einschätzen.

„Die ausgeprägte Tendenz zur Mitte hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sich die Befragten vor allen Dingen mit ihren eigenen sozialen Netzwerken vergleichen. Das führt dazu, dass Arme ihre relative Armut unterschätzen und Reiche ihren relativen Reichtum“, sagt Marius Busemeyer BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Er ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt vergleichende politische Ökonomie an der Universität Konstanz und wirkt beim Ungleichheitsbarometer mit.

Geringverdiener sehen sich in der Mittelschicht, Großverdienerinnen ebenfalls. Warum ist das so? (Symbolbild)

Experte: „Reichtum ist politisch stärker umkämpft“

Auch regionale Ungleichheiten oder Wirtschaftsstrukturen haben einen Einfluss auf die Ungleichheitswahrnehmungen, sagt Busemeyer. Spannend ist: Während viele Menschen sich bei der Einkommensreichtumsschwelle um fast die Hälfte verschätzen, ordnen sie die Armutsgrenze sehr viel besser ein. Im Armuts- und Reichtumsbericht schätzen alle Bevölkerungsgruppen hinweg Armut bei einem Nettogehalt von um die 1000 Euro. Das entspricht auch fast der tatsächlichen Armutsgrenze.

„Die Armutsschwelle wird akkurater eingeschätzt als die Reichtumsschwelle, das deckt sich auch mit unseren Befunden“, sagt Busemeyer BuzzFeed News Deutschland. Warum? „Ich würde das so erklären, dass Menschen in Bezug auf Armut eher auf eigenen Erfahrungswerten aufbauen können, vielleicht durch eigene relative Armut in verschiedenen Lebensphasen oder Bekannte im weiteren Netzwerk“, sagt der Experte. Außerdem sei der „Begriff Reichtum schwerer zu greifen, weil er auch politisch stärker umkämpft ist“.

Rubriklistenbild: © Westend61/IMAGO/Collage

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