Rentensystem

Junge Menschen setzen auf vorzeitige Mini-Rente – Fachleute ordnen neuen GenZ-Trend ein

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Die Arbeitswelt hat sich geändert. Das zeigt sich auch im Verhalten vieler junger Menschen. Zwei Faktoren könnten dabei besonders eine Rolle spielen.

Frankfurt – Viele junge Menschen haben in Sachen Arbeit andere Prioritäten entwickelt als ältere Generationen. Sinnbildlich dafür steht auch ein Trend in den sozialen Medien: Das sogenannte „Micro-Retirement“ – also die sogenannte Mikro- oder Mini-Rente, auf die immer mehr Gen-Zs und Millennials setzen. Was sind die Gründe und werden die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt spürbar sein? Fachleute des Institutes für Generationenforschung und der Deutschen Rentenversicherung ordnen gegenüber IPPEN.MEDIA ein.

Mini-Rente mit 30: Viele junge Menschen setzen auf längere Auszeiten

Die TikTokerin „lizleatrice“ bringt es auf den Punkt: „Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die Angst davor hat, jeden Tag ins Büro zu gehen (...) und dann mit 65 in Rente zu gehen und Jahrzehnte an Leben in die verbleibende Zeit packen zu müssen.“ Sie teilt ihre Pläne für eine „Mini-dosierte Rente mit 30“.

Viele junge Menschen setzen auf eine längere Auszeit noch lange vor der Rente.

Die „Mini-Rente“ beschreibt eine Phase, in der junge Menschen eine Pause von ihrer beruflichen Laufbahn einlegen. Während ältere Generationen nach der Schule oft direkt in eine Ausbildung oder ein Studium und anschließend in eine langjährige Anstellung übergingen, entscheiden sich immer mehr Angehörige der Generation Z für längere Auszeiten, lange bevor sie das Rentenalter erreichen.

Diesen Preis zahlen Gen-Zs und Milennials für Mini-Rente

Im Vordergrund bei der Mini-Rente stehen persönliche Interessen wie ausgedehnte Reisen oder die mentale Gesundheit. Eine präzise Definition für die „Mikro-Rente“ existiert zwar nicht, dennoch verbreiten sich auf Plattformen wie TikTok und Instagram zunehmend Videos, in denen Gen-Z-Influencer ihre Pläne für Mini-Renten mit ihrer Community teilen. Ein gemeinsames Thema ist die Sorge um die Zukunft, da das Rentensystem offenbar in Schwierigkeiten gerät: Viele Senioren arbeiten trotz Rente.

Für viele bedeutet die „Mikro-Rente“ auch finanzielle Einschränkungen. Je nach Dauer der Auszeit kann das Budget knapp werden. Einige Influencer berichten in ihren Videos, dass sie in dieser Zeit nur das Nötigste konsumieren möchten. Ein hoher Preis, den jedoch einige bereit sind zu zahlen. Übrigens: Laut einer Studie des Arbeitsamtes sind Gen-Zs jedoch alles andere als arbeitsfaul.

„Empfinden mehr Stress als der Durchschnitt“: Experte über Arbeitsverständnis von jungen Menschen

Dr. Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung ordnet den Trend ein. Er erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA: „Wir konnten in einigen Studien belegen, dass junge Menschen heute ein viel höheres Stressempfinden haben als junge Menschen vor 10 beziehungsweise 20 Jahren. Zudem empfinden sie auch mehr Stress als der Durchschnitt der Gesamtgesellschaft.“

Ein möglicher Grund für das erhöhte Stressempfinden könnte laut Maas das Überangebot an Möglichkeiten sein, dem junge Menschen gegenüberstehen: „So warten nach dem Abi auf die jungen Menschen beziehungsweise potenziellen Studenten eine 5-stellig Anzahl an potenziellen Studiengänge allein in Deutschland“, erklärt Maas.

„Ein Vielfaches stolzer als es heute der Fall ist“: Babyboomer noch mit ganz anderer Arbeitswelt konfrontiert

Weiter führt er aus: „Die klassische Einteilung in Eustress und Distress würde bei der Generation Z beziehungsweise heutigen Nachwuchskräften verstärkter als Distress wahrgenommen. Das bedeutet, man geht von vornherein an viele Dinge mit einem Art ‚Negativ-Gedanken‘ – so wirkt der Abi-Stress extremer oder auch der erste Arbeitsplatz.“

Die ältere Generation hatte hingegen andere Herausforderungen: „Die Babyboomer trafen als jungen Nachwuchskräfte auf einen Arbeitsmarkt, der völlig anders war. Sie mussten sich diesem anpassen und zu Beginn devoter auftreten infolge.“ Maas betont, dass man damals auf eine Arbeitsstelle viel mehr Bewerber hatte: „Hat man diese Stelle dann bekommen, war man auch ein Vielfaches stolzer als es heute der Fall ist.“

„Bemerkenswerter Generationenwechsel“: Wie wirkt sich die „Mini-Rente“ auf das Rentensystem aus?

Die Auswirkungen der „Mikro-Rente“ der Generation Z auf das Rentensystem sind ebenfalls von Interesse. Die gesetzliche Rente sei laut Deutscher Rentenversicherung Bund ein „Spiegelbild der Erwerbsbiografie“. Ein Sprecher erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA: „Je länger Beiträge gezahlt werden und je höher diese ausfallen, desto höher ist die spätere Rente. Eine Reduktion der Arbeitszeit geht in der Regel mit einem geringeren Einkommen einher.“

„Dies gilt auch für Auszeiten, in denen gar nicht gearbeitet wird beziehungsweise in denen keine Rentenversicherungsbeiträge entrichtet werden.“ Eine Prognose für die zukünftige Entwicklung der Versicherungszeiten der jungen Generation sei jedoch schwierig: „Wie sich die Versicherungszeiten der jungen Generation zukünftig entwickeln werden, können wir nicht vorhersagen“, so der Sprecher. Ein anderer Trend der Gen Z hingegen beunruhigt viele Experten.

Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberatung spricht in einer Mitteilung von einem „bemerkenswerten Generationswechsel“ in der Arbeitswelt Deutschlands. Bis 2036 werden rund 30 Prozent der Erwerbspersonen in Rente gehen. Bereits 2030 werden die Generation Z und Millennials die Mehrheit auf dem Arbeitsmarkt stellen. Ohne die Möglichkeit des „Remote“-Arbeitens sei die Kündigungsbereitschaft bei diesen Generationen um etwa 60 Prozent höher als bei älteren Kollegen. Der Verband betont jedoch: „Das Streben nach der Work-Life-Balance ist kein Zeichen von Arroganz und mangelndem Interesse am Job, sondern dass sich die Auffassung von Arbeit verändert hat.“ (bk)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Uwe Umstätter

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