VonSebastian Oppenheimerschließen
Der Kombi ist tot? Von wegen! BYDs Seal Touring zeigt, dass die praktische Karosserieform eine durchaus Zukunft hat – auch wegen des spannenden Hybrid-Konzepts.
Wenn ein Autohersteller in den letzten Jahren ein neues Modell vorgestellt hat, dann konnte man fast darauf wetten, dass es sich um ein SUV handelt. Keine andere Autogattung erfährt vom kaufwilligen Publikum seit vielen Jahrn einen derartigen Zuspruch. Etwas aus der Mode geraten scheint dagegen der gute, alte Kombi – obwohl er doch auch so viele praktische Vorteile mit sich bringt, außer dass man halt nicht so hoch sitzt. Vielleicht liegt es ja auch am nicht gerade überbordenden Angebot, dass die SUVs so viel begehrter sind. Jedenfalls traut sich nun tatsächlich eine chinesische Marke, einen brandneuen Kombi für Europa zu bringen – und nennt ihn auch noch Touring. Kann das klappen?
Was sich hinter dem Kürzel DM-i verbirgt
Mit dem Seal 6 DM-I Touring möchte BYD „direkt in die Herzen der Deutschen“ fahren, formuliert es Deutschland-Geschäftsführer Lars Bialkowski auf der Premiere in München. Um es gleich aufzulösen: Das etwas sperrige Kürzel DM-i steht für Dual Mode Intelligence – und ist schlicht die Bezeichnung für die Plug-in-Hybrid-Technik des chinesischen Autobauers. Der Antrieb sei eine Brückentechnologie für all jene Kunden, die nach wie vor bei reinen Elektroautos eine gewisse „Reichweitenangst“ ereilt und am Ladetempo zweifeln. Wie Bialkowski betont, ist Deutschland für BYD der „wichtigste Markt Europas“, weshalb man sich zum Ziel gesetzt hat, bis Ende des Jahres hierzulande 120 Händler am Start zu haben. Ende 2026 sollen es schon 300 sein. Der Seal-Touring ist bei weitem nicht das erste Modell, das BYD im Angebot hat: Erhältlich sind unter anderem das Kompakt-SUV Atto 3, das Performance-SUV Sealion 7 oder das siebensitzige E-SUV Tang.
Beim Design ihres Kombis wagen die Chinesen keine großen Experimente: Ob man darin nun tatsächlich (wie von BYD betont) die Orientierung am Thema Ozean erkennt (wie auch im Namen „Seal“; deutsch: „Seehund“) bleibt der Fantasie überlassen. Die Front ist durchaus gefällig, vor allem in der Seitenansicht wirkt der Kombi kräftig und selbstbewusst, am Heck findet sich dann wie inzwischen bei vielen anderen auch ein durchgezogenes Leuchtenband.
Plug-in-Hybrid mit einer Besonderheit
Spannend ist der Antrieb: Wie die Bezeichnung Dual Mode schon andeutet, lässt sich das rein frontgetriebene Fahrzeug auf zwei verschiedene Arten betreiben: Entweder rein elektrisch (EV-Mode) oder im sogenannten HEV-Mode. Bei letzterem versorgt der Verbrenner – ein 72 kW (98 PS) starker 1,5-Liter-Benzinmotor der BYD-Tochter Xiaoyun – über einen Wechselrichter die Batterie sowie den 145-kW-Elektromotor mit Strom. Heißt: Der Benzinmotor ist in erster Linie als Generator tätig (wie bei einem Range Extender). Das ist auch die vom Hersteller eigentlich anvisierte Antriebsweise. Ungewöhnlich ist aber: Wenn zusätzliche Leistung nötig ist, kann das Fahrzeug von der Serien- in eine Parallelschaltung wechseln, wobei dann die Kraft von Verbrenner und E-Motor kombiniert wird. Die WLTP-Reichweite liegt laut Datenblatt bei voller Batterie und vollem Tank (65 Liter) bei respektablen 1.350 Kilometern.
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Vier Farben, zwei Batteriegrößen
Bei den Abmessungen (4,84 Meter Länge, 1,87 Meter Breite und 1,50 Meter Höhe) spielt der BYD-Touring in etwa in einer Liga mit dem BMW 3er Touring, dem VW Passat und dem Skoda Octavia Kombi. Preislich will man die Konkurrenz aber alt aussehen lassen. Die Auswahl für die Kunden hat BYD laut eigenen Angaben bewusst begrenzt. Es gibt vier Farben (schwarz, blau, weiß, sand) und zwei Antriebspakete:
- In der günstigsten Version „Boost“ kostet der Kombi 42.990 Euro. Hier bekommt man eine 10-kWh-LFP-Batterie, was die rein elektrische Reichweite auf 50 Kilometer begrenzt. Wichtig zu wissen: Damit qualifiziert sich diese Version nicht für die 0,5 Prozent Dienstwagen-Besteuerung. Laden lässt sich die Batterie mit maximal mit 3,3 kW Wechselstrom. BYD gibt eine Ladedauer von 15 auf 100 Prozent von drei Stunden an.
- Die Variante „Comfort Lite“ (nur zum Start erhältlich) kostet 48.990 Euro bringt neben einigem Plus an Ausstattung (unter anderem: beheizbare und belüftbare Sitze für Fahrer und Beifahrer, Panorama-Schiebedach, Ambientebeleuchtung Parkkamera vorne und hinten) auch eine fast doppelt so große LFP-Batterie mit (19 kWh) mit. Für diese Version verspricht BYD eine E-Reichweite von 100 Kilometern. Laden lässt sich der Akku bei dieser Version mit bis zu 6,6 kW Wechselstrom (AC) und zusätzlich auch mit bis zu 26 kW Gleichstrom (DC). Für letztere Möglichkeit gibt der Hersteller eine Ladedauer von 30 auf 80 Prozent von 23 Minuten an. Die nochmal 1.000 Euro teurere „Comfort“-Variante hat dann nur noch einen größeren Touchscreen (15,6 Zoll) an Bord), in den anderen Versionen ist ein 12,8-Zoll-Screen verbaut. Auch hinter dem Lenkrad findet sich ein kleines rechteckiges Display mit den wichtigsten Daten.
Bei 180 km/h ist Schluss
Wir waren mit der „Comfort“-Variante unterwegs, die durch die größere Batterie mit 1.805 Kilogramm knapp 100 Kilo mehr auf die Waage bringt als die „Boost“-Version. Grundsätzlich fährt sich der Seal Touring eher wie ein E-Auto – und bietet solide Beschleunigung. Ein Performance-Paket darf man allerdings nicht erwarten, bei Tempo 180 ist Schluss. Dafür ist der BYD meist sehr leise unterwegs: Selbst wenn der Verbrenner die Batterie lädt, ist er kaum zu hören. Nur wenn man auf der Autobahn das Gaspedal richtig durchtritt, ist nach ein, zwei Gedenksekunden der aufbrummende Motor wirklich wahrnehmbar. Sobald man die Beschleunigung etwas zurücknimmt, wird's aber auch wieder leiser. Das Fahrwerk ist komfortabel bis weich abgestimmt. Die Gangwahl wird über einen Hebel hinter dem Lenkrad erledigt.
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Warn-Gebimmel im Überfluss
Richtig gut gefallen haben uns im Seal-Kombi die bequemen Sitze (vor allem die Belüftung) sowie die fest zupackenden und gut dosierbaren Bremsen. An Verarbeitung und Materialqualität gibt es für den Preis absolut nichts auszusetzen. Weniger gefallen hat uns die eher teigige Lenkung. Außerdem nervte auf unserer Probefahrt permanentes Warn-Gepiepse und -Gebimmel, das sich teils auf die Schnelle einfach nicht zuordnen ließ. Hier übertreiben es die Chinesen gelegentlich. Zum Beispiel piepst der BYD jedes Mal, wenn er ein neues Tempolimit erkennt – was logischerweise häufig der Fall ist. Allerdings lässt sich vermutlich einiges an akustischem Overkill abstellen, wenn man sich tiefer in die Menüs hineinarbeitet.
Auch eine mehrmals während der Fahrt aufploppende Warnmeldung im Tacho-Display ließ uns ratlos zurück: „Bitte konzentrieren Sie sich auf“ – ja, worauf denn bitte? Und wieso? Auch in welchem Fahrmodus (Sport, Eco usw.) man sich gerade befindet, ist nicht zu erkennen. Hier ist auf jeden Fall noch eine Feinjustierung fällig. Das sollte per Software-Update kein Problem sein.
Auch der Staubsauger lässt sich vom Seal-Kombi mit Strom versorgen
Praktisch: Das Fahrzeug beherrscht die Vehicle-to-Load-Technik, die man eigentlich sonst eher von reinen Elektroautos kennt. Damit lassen sich über die Batterie des Plug-in-Hybriden elektrische Geräte wie beispielsweise ein Staubsauger oder ein Föhn betreiben, beziehungsweise aufladen. Vielleicht im Camping-Urlaub recht praktisch. Tablets oder Handys lassen sich per USB-C-Anschluss laden: davon gibt es jeweils zwei für die vorderen Passagiere und zwei für die Insassen auf der Rückbank. Zusätzlich findet sich unterhalb des Bildschirms ein kabelloses 50-Watt-Ladepad (optional) auf dem sich das Smartphone ebenfalls mit Strom befüllen lässt. Die Rückbank lässt sich im Verhältnis 60:40 umklappen, das geht praktischerweise auf per Hebel aus dem Kofferraum. Das Volumen gibt BYD mit 675 beziehungsweise 1.535 Litern an.
Eine wirklich aussagekräftige Aussage zum Verbrauch lässt sich nach unserer relativ kurzen Testfahrt nicht machen. Wir starteten mit nur halb gefüllter Batterie, nach rund einer Stunde durch Stadt, etwas Autobahn und Landstraße sank die Reichweite im Display relativ gering, sodass die Angaben von 1.350 Kilometer zumindest nicht utopisch erscheinen.
Unser Fazit zum BYD Seal Touring
Wer sich von der chinesischen Marke BYD einen spartanisch ausgestatteten Kombi zum absoluten Kampfpreis erhofft hat, dürfte enttäuscht sein. Der Hersteller hat sich für die aufwendigere Plug-in-Technik entschieden. Setzt man diese aber zusammen mit der umfangreichen Ausstattung in Relation, haben die Chinesen aber ein durchaus attraktives Paket geschnürt, wenn man es mit anderen Marken vergleicht. So starten beispielsweise die Preise für einen Cupra Leon Sportstourer mit 39.300 Euro zwar etwas unterhalb des BYD-Kombis – allerdings bekommt man dann „nur“ einen 1,5-Liter-Benziner. Wählt man beim Leon die E-Hybrid-Version, geht es erst bei 51.200 Euro los. Den vergleichsweise günstigen Preis unter 50.000 Euro kann BYD auch deswegen anbieten, weil man mit dem Plug-in-Hybrid die Strafzölle auf chinesische E-Autos umgeht. Mut haben die Chinesen auf jeden Fall, mit einem Kombi anzutreten – es wird sich zeigen, ob dieser auch belohnt wird. Wer sich für einen Plug-in-Kombi interessiert, sollte sich den Seal auf jeden Fall einmal anschauen.



