Neue Waffen gegen Krebs

Krebsexperte Prof. Heinemann kritisiert: „Krebs-Prävention ist erschreckend schlecht!“

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Ein gesunder Lebensstil beugt verschiedensten Krebsarten vor. Vor allem das Rauchen gilt als Hauptrisikofaktor.
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Durch bessere Krebsvorsorge könnten bis zu 40 Prozent der Krebsfälle verhindert werden. Prof. Volker Heinemann erklärt die Möglichkeiten im Interview.

Die Anfänge der modernen Krebsmedizin liegen weit zurück. Das erste Chemotherapeutikum wurde 1949 in den USA zugelassen: N-Lost – Senfgas. Ursprünglich wurde Senfgas im Ersten Weltkrieg als chemischer Kampfstoff eingesetzt, später ergaben Studien, dass die Chemikalie aus der Gruppe der Loste bei Menschen mit Blutkrebs positive Ergebnisse bringt. Seitdem sucht die Forschung unablässig nach Wegen, um die tückische Krankheit in den Griff zu bekommen. Die Genforschung rückt dabei verstärkt in den Mittelpunkt. Die Bayerische Krebsgesellschaft ist noch älter als die erste Chemotherapie. 100 Jahre wird sie heuer. Prof. Volker Heinemann, Direktor des Krebszentrums CCC am Münchner LMU Klinikum, ist seit 2024 Präsident der Organisation. Im Interview erklärt der Experte, welche Neuerungen bei der Krebstherapie große Hoffnungen machen – und wie es klappen könnte, viele Krebserkrankungen zu vermeiden.

In der Krebstherapie gibt es hoffnungsspendende Neuerungen. Können Sie die Wichtigsten erklären?
Die Immuntherapie, für die es 2018 den Nobelpreis für Medizin gab, revolutionierte die Krebstherapie. Denn sie machte es uns möglich, das Immunsystem dazu zu bringen, dass es bösartige Krebszellen bekämpft. Veränderungen der Erbinformation, die zu einem unkontrollierten Zellwachstum führen, sind durchaus häufig. Erst wenn die mutierten Zellen nicht mehr durch das Immunsystem als fehlerhaft erkannt und beseitigt werden, besteht die Möglichkeit der Entwicklung einer gefährlichen Krebserkrankung. Die Krebszellen können dann überleben und wachsen, ohne abhängig zu sein von den das Zellwachstum regulierenden Signalen des Körpers, in dem sie entstanden sind.
Derzeit erweitert die sogenannte Präzisionsonkologie unsere Möglichkeiten enorm. Es handelt sich um eine individuelle Diagnostik, wir identifizieren die Ursachen der jeweiligen Krebserkrankung auf Gen-Ebene. Und dank einer Fülle von neuen Medikamenten gelingt es uns dann, den jeweiligen Tumor an seinen ganz individuellen Schwachstellen anzugreifen.
Prof. Volker Heinemann ist Präsident der Bayerischen Krebsgesellschaft und seit 2013 Direktor des Krebszentrums CCC München am LMU Klinikum.
Künstliche Intelligenz hält überall Einzug. Auch in der Krebsmedizin?
Eine weitere Revolution der Behandlung steht vor der Türe: Es ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Kampf gegen Krebs. Schon jetzt kann die KI helfen, Hautkrebs zu erkennen. Ebenso wird die KI in Forschungsprojekten der Pathologie dazu eingesetzt, Krebszellen in Gewebeproben zu identifizieren. Großes Potenzial verspricht man sich auch von der Verwendung der KI in der diagnostischen Radiologie, wenn beispielsweise Röntgen- oder CT-Bilder ausgewertet werden. Hierbei wird der Blick des geschulten Radiologen nicht entbehrlich, jedoch kann die KI nach entsprechendem Training Abweichungen von der Norm entdecken und so die diagnostische Sicherheit erhöhen.
Weiterhin wird in der Chirurgie die Robotik immer wichtiger, auch die Strahlentherapie wird dank modernster Technik präziser und damit nebenwirkungsärmer.
Wird es gelingen, Krebs zu besiegen?
Ich denke, dies kann nicht vollständig gelingen, vor allem nicht bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen, wenn die Tumoren schon in den Körper gestreut haben. Krebs an sich ist genetisch instabil und kann sich ständig verändern und so Ausweichmöglichkeiten finden und sich vor Therapiemaßnahmen verstecken. Aber es gibt sehr viele Therapien, die Hoffnung geben und mit denen Krebs in eine chronische Krankheit überführt wird. So zum Beispiel Checkpoint-Inhibitoren, die getarnte Krebszellen für das Immunsystem sichtbar und damit bekämpfbar machen.
Krebs ist also keine Zivilisationskrankheit, sondern begleitet uns schon immer?
Man muss sich vor Augen halten, dass es Krebs schon immer gibt – entartete Krebszellen wurden schon bei menschenverwandten Lebewesen vor mehr als zwei Millionen Jahren festgestellt. Die Behandlung von Krebs ist dagegen ziemlich neu: Bevor im Jahr 1949 die erste Chemotherapie angewendet wurde, gab es nur die Möglichkeit, Tumoren operativ zu entfernen. Um so älter Menschen werden, um so häufiger entwickeln sie Krebszellen: Im 19. Jahrhundert lag die mittlere Lebenserwartung bei unter 40 Jahren, heute liegt sie bei über 80 Jahren. Es gibt zudem noch eine beunruhigende Entwicklung: Wir stellen immer mehr aggressive Krebserkrankungen bei jungen Menschen fest, vor allem Darmkrebs wird immer häufiger auch bei jungen Menschen festgestellt. Die Ursachen kennen wir noch nicht. Es kann an der Ernährung liegen, an Umweltgiften, an fehlender Bewegung, wahrscheinlich sind mehrere Faktoren beteiligt.
Krebs Todesursachen EU
Gibt es nicht nur Fortschritte, sondern auch Versäumnisse im Kampf gegen Krebs?
Ja, vor allem im Bereich der Vorsorge. Experten gehen davon aus, dass 40 Prozent der Krebsfälle durch eine gesunde Lebensführung und Vorsorgemaßnahmen verhindert werden können. Erschreckenderweise aber gibt es tödliche Versäumnisse: Zwei Beispiele: Noch immer gibt es in Deutschland 11,6 Millionen Raucher. Dabei ist Rauchen unstreitig für 30 Prozent aller Krebserkrankungen ursächlich, für 90 Prozent der Tumoren in Rachen und Mundhöhle. Aktives und passives Rauchen ist die Ursache für 90 Prozent aller Lungentumoren. Man muss schon fragen, was die Politik gegen das Rauchen unternimmt? Und wie hilft sie Menschen, die versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören und dabei scheitern.
Das zweite Beispiel?
Das zweite Beispiel ist Gebärmutterhalskrebs. Diese Erkrankung wird fast ausschließlich durch HPV-Viren verursacht. Doch die Impfquote ist viel zu niedrig: Nur rund 54 Prozent der Mädchen im Alter von 15 Jahren sind geimpft, von den Jungen im gleichen Alter nur 34 Prozent. Das ist viel zu niedrig. Unser Ziel müssen 100 Prozent sein. Andere europäische Länder erreichen bei 15-jährigen Mädchen schon seit 2015 Impfquoten über 70 Prozent.
Was schlagen Sie vor?
Krebsvorsorge muss im Kindergarten mit Sonnencreme beginnen, und wir müssen schon in den Schulen die Kinder über gesunden Lebenswandel und die Gefahren von Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel und so weiter aufklären. So wie wir das vom Krebszentrum CCC München mit der Aktion „CCC macht Schule“ bereits machen. Hier gibt es noch viel zu tun!

Die Bayerische Krebsgesellschaft

Die Bayerische Krebsgesellschaft verstehe sich als Organisation für die Patienten, sagt Geschäftsführer Markus Besseler. Die Gründungsväter 1925 waren Klinikärzte, die einen Verein zur Bekämpfung der Krebserkrankung gründen wollten. Dem Patienten die Diagnose mitzuteilen, ihm psychologische Unterstützung und Hilfsadressen zu bieten, darum ging es damals nicht. „Man verschwieg aus Mitgefühl die Diagnose, das nannte man eine barmherzige Lüge“, sagt Besseler. Heute versucht man, den Patienten so gut zu informieren, dass er auf Augenhöhe über seine Therapie mitentscheiden kann. Zudem vermittelt die Bayerische Krebsgesellschaft, die sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert, an ihren 13 Beratungsstellen und 27 Außenstellen in Bayern Hilfsangebote, Experten und Wissen über die Krankheit.

Mehr Informationen finden Sie im Internet unter https://www.bayerische-krebsgesellschaft.de/.

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