
VonAlexandra Grauvogl
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Es ist der Albtraum eines jeden Sportlers: Kreuzbandriss! Aber wie genau entsteht diese Verletzung? Warum trifft sie nicht nur Fußballer oder Skifahrer, sondern auch Alltagssportler? Im Video-Interview erklärt Prof. Dr. Oliver Tobolski Ursachen und Therapiemöglichkeiten für ein schnelles Comeback.
Ein plötzlicher, heftiger Schmerz, instabiles Knie, Schwellung – wenn sich das Knie plötzlich anfühlt, als würde der Halt fehlen, liegt oft ein Kreuzbandriss vor. Diese Verletzung ist vor allem für Fußballer, Skifahrer und Extremsportler eine bittere Diagnose. Das Kreuzband hat als Stabilisator des Knies eine zentrale Funktion. Vor allem das vordere Kreuzband, das den Unterschenkel am Oberschenkel sichert, ist oft betroffen. Im Interview führt Prof. Dr. Oliver Tobolski aus, dass oft eine „unglückliche Kombination“ von Bewegungsmustern zum Riss führt.
Das vollständige Interview können Sie sich im Video oben anschauen.
Zur Person: Prof. Dr. Oliver Tobolski
- Praxis: Ortho4Sport in Köln
- Schwerpunkt: Sporttraumatologie /Sportorthopädie
- Facharzt für Chirurgie, Sportmedizin, Chirotherapie
- Verbandsarzt Tennisverband Mittelrhein
- ATP-Arzt
- Ehemaliger Leiter des offiziellen Medizinzentrums des Olympiastützpunkts Rheinland
- Ausbildungen an Universitätskliniken Köln und Münster
- Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement
Mögliche Ursachen für einen Kreuzbandriss
Was passiert im Knie bei einem Kreuzbandriss?
Prof. Dr. Oliver Tobolski: Das Kreuzband ist der zentrale Stabilisator im Kniegelenk. Es verhindert, dass der Unterschenkel nach vorne gegen den Oberschenkel rutscht. Typische Bewegungen, die die Belastbarkeit des Bandes überschreiten, sind eine Kombination aus Außenrotation des Unterschenkels, leichter Beugung im Knie und X-Beinstellung. Besonders beim Skifahren, schnellen Richtungswechseln oder Stürzen kann ein solcher Riss auftreten. Die Patienten hören oft einen „Knall“ im Knie – ein alarmierendes Zeichen.
Wie wird ein Kreuzbandriss diagnostiziert?
Wie gehen Sie bei der Diagnose vor, wenn ein Kreuzbandriss vermutet wird?
Prof. Dr. Oliver Tobolski: Zunächst führe ich einen sogenannten Schubladentest durch. Dabei überprüfe ich, ob sich der Unterschenkel bei fixiertem Oberschenkel nach vorne ziehen lässt – wie eine Schublade. Zusätzlich setzt man auf bildgebende Verfahren: Ultraschall oder MRT liefern präzise Ergebnisse und zeigen uns, ob das Kreuzband vollständig durchtrennt ist. Oft kommen auch Begleitverletzungen wie ein eingerissener Meniskus oder Knorpelschäden hinzu.
Muss ein Kreuzbandriss immer operiert werden?
Wann raten Sie zu einer OP und wann ist ein konservativer Ansatz sinnvoll?
Prof. Dr. Oliver Tobolski: Das Wichtigste ist der Anspruch des Patienten. Ein 17-jähriger Fußballer wird anders beraten als ein 55-jähriger Wanderfreund. Tatsächlich kann ein konservativer Therapieversuch oft erfolgversprechend sein. Dies beinhaltet Muskelaufbau, intensive Physiotherapie und die Stabilisierung des Knies. Erst wenn das Instabilitätsgefühl bleibt, ist eine Operation notwendig. Etwa 60 Prozent der Patienten profitieren von einer OP. Die restlichen 40 Prozent kommen auch ohne gut zurecht.
Kreuzbandriss: Konservative vs. operative Behandlung
Konservativer Ansatz: Intensive Physiotherapie; Muskelaufbautraining; geeignet für moderate Belastungen
Operatives Verfahren: Kreuzbandrekonstruktion mit Eigenmaterial; häufig genutzt: Patellasehne oder Semitendinosus-Sehne; ideale Option für Leistungssportler
Wie sieht die Reha nach einer Kreuzband-OP aus?
Nach einer Operation beginnt die nächste Herausforderung: die Reha. Was erwartet die Patienten?
Prof. Dr. Oliver Tobolski: Die Reha ist entscheidend – und sie erfordert Geduld. Nach etwa drei Wochen sind die meisten Patienten wieder alltagstauglich. Die Gehstützen können im Schnitt nach vier Wochen weggelegt werden. Für Stop-and-Go-Sportarten müssen Patienten jedoch bis zu neun Monate einplanen. Entscheidend ist, dass das Transplantat sicher einheilt und die Muskelaktivierung wieder funktioniert. Spezielle Return-to-Activity-Programme helfen, den Wiedereinstieg in den Sport individuell zu messen.
Trainingstipp: Je nachdem, welche Muskelsehne als Transplantat als „neues“ Kreuzband zum Einsatz kommt, werden in der folgenden Reha gezielt Schwachpunkte aufgebaut werden. Wer einen Teil der Patellasehne eingesetzt bekommt, hat vermutlich anfangs Schmerzen/Probleme mit dem M. rectus femoris auf der Oberschenkelvorderseite. Bei der zweiten populären Methode, dem Einsatz der Semitendinosus-Sehne, wird die Stärkung der ischiocruralen Muskulatur auf der Oberschenkelrückseite eine wichtige Rolle spielen – hier erklären wir Anatomie und Übungen.
Kreuzbandriss vorbeugen – was Männer und Frauen tun können
Wie können Sportler das Risiko für einen Kreuzbandriss minimieren?
Prof. Dr. Oliver Tobolski: Ein gut trainiertes Knie ist der beste Schutz. Spezielle Programme wie das von der FIFA entwickelte neuromuskuläre Training haben sich als effektiv erwiesen. Dabei wird nicht nur die knieumgebende Muskulatur, sondern auch die Sprung- und Hüftmuskulatur gestärkt. Für Sportlerinnen muss außerdem der Zyklus beachtet werden, da Hormonspitzen das Risiko erhöhen können. Skandinavische Vereine optimieren beispielsweise das Training entsprechend der Zyklusphase.
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