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Die Frühstart-Rente ist Teil des neuen Koalitionsvertrags. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel äußert Bedenken – und ist damit nicht allein.
Berlin – Mit der geplanten Einführung der sogenannten Frühstart-Rente zum 1. Januar 2026 hat die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD eine Debatte entfacht. Während die Regierungsparteien die Maßnahme als Teil einer umfassenden Altersvorsorgestrategie preisen, sieht Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) diesen Plan kritisch. Auch von anderer Seite regt sich Kritik an dem Vorhaben und den zugrundeliegenden Finanzierungsplänen.
Bundesregierung plant Frühstart-Rente ab 2026 – Dazu braucht die Regierung Milliarden
Laut Koalitionsvertrag soll bei der Frühstart-Rente ein privatwirtschaftlich organisiertes, kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot für jedes Kind, das eine Bildungseinrichtung in Deutschland besucht, geschaffen werden. Der Staat plant, von dessen sechstem bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro einzuzahlen – insgesamt also 1.440 Euro pro Kind. Das angesparte Kapital kann nach Volljährigkeit weiter privat bespart und schließlich ab Erreichen der Regelaltersgrenze steuerfrei ausgezahlt werden. Besonders betont wird im Vertrag, dass das Sparkapital „vor staatlichem Zugriff geschützt“ sei. So soll es auch steuerfrei sein.
Doch die Kritik lässt nicht lange auf sich warten. Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, äußert deutliche Zweifel am Nutzen der neuen Vorsorgeidee. Gegenüber IPPEN.MEDIA erklärte sie: „Die Wirkung ist aufgrund der Größenordnung des individuellen Sparbetrags für Versicherte sehr bescheiden. Bei 10 Euro Monatsbeitrag kommt selbst bei 60 Jahren Ansparen bestenfalls eine Rente von rund 30 Euro brutto heraus.“
Dem gegenüber stehen die beträchtlichen Kosten, die für die Umsetzung nötig wären. Piel rechnet vor: „Dafür kostet es für die kommenden 60 Jahre rund 1 Milliarde Euro pro Jahr – was privaten Versicherungskonzernen nützt, sonst aber niemandem wirklich weiterhilft.“
DGB-Vorsitzende spricht von „unehrlichem Rechentrick“
Auch Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB, wirft der Union vor, das Rentenniveau mit statistischen Manipulationen künstlich hochzurechnen. „Die Renten sehen dann auf dem Papier stabil aus, aber der Schein trügt. Rentenkürzungen sind sozial ungerecht und kein Spielfeld für Konsolidierungen der Staatshaushalte“, so Fahimi gemäß einer DGB-Pressemitteilung zitiert. Sie warnt ebenfalls eindringlich vor den langfristigen Folgen.
Kritik gibt es auch an der geplanten Änderung der Berechnungsgrundlage für die sogenannte Standardrente. So soll der bisher verwendete Referenzzeitraum von 45 Beitragsjahren auf 47 Jahre angehoben werden. Dies sieht die DGB-Vorsitzende kritisch. Sie bezeichnet es als „unehrlichen Rechentrick“, der dazu diene, eine tatsächliche Rentenkürzung zu verschleiern. Fahimi weiter: „Wer herzzerreißende Worte für die Anerkennung der Leistungen aller Mütter findet, sollte nicht zugleich eine Rentenkürzung für alle zukünftigen Rentnerinnen und Rentner vorschlagen“.
DGB sieht auch Kopplung von Rente an Wirtschaftswachstum kritisch
Ein weiterer Streitpunkt ist die Kopplung der Rentenstabilität an das Wirtschaftswachstum. Für Fahimi ist dies sozialpolitisch riskant und verfassungsrechtlich fragwürdig. Sie erklärt: „Die Stabilisierung der Rente darf auch nicht abhängig gemacht werden vom Wirtschaftswachstum – auch dieses Hintertürchen hat sich die Union in der Sondierungsvereinbarung offengehalten.“
Positiv bewertete der DGB, dass das Renteneintrittsalter nicht angehoben werden soll, sowie die angekündigte Stabilisierung des Rentenniveaus. Dennoch bleibt der Gewerkschaftsbund skeptisch, denn dies sei dem DGB zufolge nur möglich, wenn strukturelle Maßnahmen wie Tarifbindung, Fachkräftezuwanderung und Ausbildungsoffensiven stärker gefördert werden.
In einer weiteren Stellungnahme vom März 2025 warnt Piel zudem vor möglichen finanziellen Fehlanreizen bei der Frühstart-Rente und betont: „Bei der sogenannten Aktivrente, bei der Frühstartrente der Union sowie zusätzlichen finanziellen Anreizen für längeres Arbeiten muss sichergestellt werden, dass sie auch tatsächlich nützen und nicht nur die Einnahmen der Sozialversicherung mindern.“ (ls)
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