Millionen Arbeitsplätze in Gefahr: Europas Autoindustrie zittert vor Klimavorgaben
VonSimon Mones
schließen
Ein internes Dokument schlägt Alarm: Die Autoindustrie in Europa sieht sich mit enormen Schwierigkeiten durch EU-Klimavorgaben konfrontiert. Umweltaktivisten äußern heftige Kritik.
Die Autoindustrie steht vor einer ungewissen Zukunft. Ein internes Papier der europäischen Autobranche, das der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel vorliegt, warnt vor dem Verlust von Millionen Arbeitsplätzen. Grund sind die verschärften EU-Klimavorgaben, die die Branche vor immense Herausforderungen stellen. Die Flottengrenzwerte, die den CO₂-Ausstoß von Fahrzeugen regulieren, sollen bis 2030 drastisch gesenkt werden. Derzeit liegt der Grenzwert bei 115,1 Gramm CO₂ pro Kilometer, doch bis 2030 soll er auf 49,5 Gramm sinken. Anderenfalls drohen saftige Strafen.
Die Autohersteller stehen unter Druck, diese Vorgaben zu erfüllen, um Strafzahlungen in Milliardenhöhe zu vermeiden. Laut dem Papier drohen der Industrie allein für den Verkauf von Pkw Strafzahlungen in Höhe von 13 Milliarden Euro, sollten die Grenzwerte nicht eingehalten werden. Hinzu kommen weitere drei Milliarden Euro für leichte Nutzfahrzeuge. Der Renault-Chef Luca de Meo summierte die Strafen jüngst auf bis zu 15 Milliarden Euro. Die einzige Möglichkeit, diesen zu entgehen, sei es, die Produktion erheblich zu drosseln, was Millionen von Arbeitsplätzen in der EU bedroht. Volkswagen hat bereits die Beschäftigungsgarantie gekündigt und überlegt, Werke zu schließen. So ist etwa die Zukunft des Audi-Standorts in Brüssel alles andere als sicher.
Autobranche drohen Milliarden-Strafen: Notfallartikel als Rettungsanker?
Um den drohenden finanziellen Strafen zu entgehen, schlägt das Papier vor, einen Notfallartikel zu nutzen, der eine Verschiebung der strengeren Vorgaben um zwei Jahre ermöglichen könnte. Dieser Artikel wurde bereits während der Corona-Pandemie angewendet. Auch der deutsche Auto-Lobbyverband VDA fordert eine frühere Überprüfung der EU-Vorgaben, um deren Machbarkeit zu gewährleisten.
Denn die Autobranche sieht sich laut dem internen Papier nicht in der Lage, einen Verbrennungsmotor zu bauen, der weniger als 95 g CO₂ emittiert. Auch die meisten Hybride scheitern an diesem Grenzwert, wie die AutoBild berichtet. Um so wichtiger sind die Elektroautos, denn beim Flottenverbrauch handelt es sich um einen Durchschnittswert. Doch in vielen europäischen Ländern brechen die Zulassungen stark ein – so auch in Deutschland. In dem Nicht-EU-Land Norwegen wiederum hat inzwischen der Verbrenner das Nachsehen.
Neun Mikro-Elektroautos, die perfekt für die Stadt sind
Umweltschützer kritisieren Forderungen der Autoindustrie
Der europäische Automobilverband Acea teilte auf Anfrage mit, das Papier sei dem Verband bekannt. Es sei jedoch kein offizielles Papier des Lobbyverbandes. Nach dpa-Informationen ist das Schreiben authentisch und kursiert innerhalb der europäischen Automobilbranche. Zuvor hatte auch der Finanzdienstleister Bloomberg über das interne Papier berichtet.
Umweltschützer kritisieren die Forderungen der Autoindustrie scharf. Sebastian Bock von Transport & Environment Deutschland findet, dass der Vorstoß „an Dreistigkeit kaum zu überbieten“ ist. Die Autohersteller hätten genügend Zeit gehabt, sich auf die CO₂-Ziele vorzubereiten. Marion Tiemann von Greenpeace sieht in den Forderungen ein „Armutszeugnis“ und betont, dass die Flottengrenzwerte seit mehr als fünf Jahren bekannt seien. „Das Jammern über angeblich zu strenge Grenzwerte kann die fehlende langfristige Strategie nicht verdecken“, macht Tiemann deutlich.