Ungeliebte Geräte

„Entlastet uns damit“: Lidl-Filialleiter räumt mit Mythen auf und wirbt für SB-Kassen

  • schließen
  • Romina Kunze
    Romina Kunze
    schließen

In vielen Geschäften stehen mittlerweile Selbstbedienungskassen. Genutzt werden sie aber wenig. Viele Kunden machen aus Protest einen Bogen um die Geräte.

München – Lange Schlangen an den Kassen rauben sowohl Kunden als auch Mitarbeitern Zeit und Nerven. Immer mehr Geschäfte setzen deshalb auf Selbstbedienungs-Terminals. Rege genutzt werden sie oft allerdings nicht. Während sich Kunde um Kunde ans Kassenband reiht, wirken die SB-Kassen in vielen Märkten wie verwaist.

Ein Filialleiter von Lidl ergreift daher auf TikTok das Wort, um für die teuren Ladenhüter/Geräte eine Lanze zu brechen und mit einem großen Mythos aufzuräumen.

„Ich würde gerne aufklären“: Lidl-Filialleiter wirbt für SB-Kassen

Wie in vielen anderen Läden stehen seit neuesten auch in den Räumlichkeiten des „Filialleiters“, wie sich der Lidl-Beschäftigte und Influencer auf den Social-Media-Kanälen nennt, SB-Kassen. In einer seiner kurzen Clips, erklärt er, dass seine Filiale jüngst mit vier solcher Terminals ausgestattet worden sei. „Es gibt viele Mythen und Theorien zu den SB Kassen und ich würde gerne aufklären“, so der Filialleiter.

@der.filialleiter Es gibt viele myten und theorien zu den SB Kassen und viele leute haben noch angst , ich würde euch gern was dazu sagen #aufklärung #kasse #einkaufen #hinterdenkulissen #lidl #lidllohntsich #fürdich #fouryou #fyp #danke #arbeit ♬ Storytelling - Adriel

Berührungsängste vieler Kunden mit den Geräten kämen laut Aussage des TikTokers daher, weil sie Personaleinsparungen nicht unterstützen wollten. Demnach würde den SB-Kassen vorgeworfen, sie würden Arbeitsplätze wegnehmen. Unbegründet, versichert „der Filialleiter“ in seinem Video. Im Gegenteil: die Geräte seien eigentlich „eine Entlastung für das gesamte Filialteam“, so der Lidl-Beschäftigte.

Aus moralischen Gründen müsste man die SB-Kassen also nicht meiden. Und auch bei Unsicherheiten mit der Technik müsse man keinen Bogen drumherum machen – ein Mitarbeiter sei immer vor Ort, um bei Bedarf zu helfen. Mit einem Hinweis-Schild an einer SB-Kasse schoss sich eine Edaka-Filiale allerdings ein schönes Eigentor.

Kunden meiden bewusst SB-Kassen, wegen der Nutzungsweise

Trotzdem scheinen nicht alle Kunden von der zunehmenden Verbreitung dieser Technologie in Supermärkten und Discountern überzeugt zu sein. Eine Nutzerin kommentiert unter dem TikTok-Video: „Durch die Kartenzahlung verweigere ich die SB-Kassen, ich bleib‘ bei Bargeld“. Rückendeckung von einem weiteren User: „Wir haben keine Angst vor SB-Kassen, wir wollen, dass Bargeld nicht abgeschafft wird“.

Andere Kunden sehen sich trotz aller Beteuerung in ihrer Meinung zur Personalplanung bestätigt. „Entlastung heißt weniger Personal“, heißt es etwa. Ungeachtet, dass der „Filialleiter“ erklärt, auch trotz der neuen Geräte noch gut und gerne zehn Mitarbeiter einstellen zu können. Auf den Verdacht, SB-Kassen führe zu mehr Ladendiebstahl, geht der Influencer in seinem TikTok-Clip nicht ein.

Vorwurf gegen SB-Kassen: Kunden sehen in der Rolle des Mitarbeiters

Laut dem Handelsforschungsinstitut EHI gibt es derzeit etwa 16.000 SB-Kassen in mehr als 5000 Geschäften in Deutschland. Die meisten davon befinden sich in Supermärkten wie Rewe und Edeka. Bei Umbauten und Neueröffnungen von Filialen sind diese Selbstbedienungsterminals mittlerweile Standard, trotz vergleichsweise hoher Anschaffungskosten. Wie der Focus schreibt, kosten SB-Terminals das Doppelte oder gar Dreifache einer herkömmlichen Kasse mit Kassierer.

Einige Kunden sehen sich durch die Nutzung von SB-Kassen in der Funktion der Kassierer. „Warum genau soll ich jetzt als Kunde die Arbeit der Kasse übernehmen? Wird es dadurch für mich billiger?“, kommentiert ein TikTok-Nutzer. Ein weiterer Nutzer stimmt zu und fordert: „Dann will ich einen Rabatt“. In einigen Fällen scheinen die Geräte allerdings auch ihren Dienst zu verweigern, wie bei einem Mann aus Bayern.

SB-Kassen finden vor allem bei Jüngeren und Kartenzahlern Zuspruch

Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme zeigt, dass SB-Kassen besonders bei jungen Kunden (16- bis 29-Jährige) beliebt sind. Mehr als die Hälfte von ihnen (56 Prozent) möchte in Zukunft häufiger an Selbstbedienungskassen einkaufen und fast ein Drittel (30 Prozent) kann sich vorstellen, vermehrt Supermärkte ohne Kassen zu nutzen.

Die Umfrage zeigt auch, dass vor allem Kartenzahler positiv auf SB-Kassen reagieren: Mehr als die Hälfte (51 Prozent) plant, SB-Kassen in Zukunft verstärkt zu nutzen und fast ein Drittel (29 Prozent) möchte häufiger in einem Supermarkt ohne Kasse einkaufen. Bei Barzahlern sind es jedoch nur 20 und zwölf Prozent.

Unabhängig davon, ob die Kunden am Donnerstag (12. September) eine SB- oder eine normale Kasse nutzen wollten, konnten sie in den Morgenstunden nicht einmal Brötchen beim Bäcker mit einer Debit- oder Kreditkarte bezahlen. Der Grund dafür war ein flächendeckendes technisches Problem bei einigen Verarbeitungsdiensten.

Rubriklistenbild: © Wolfgang Maria Weber/Imago; CHROMORANGE/Imago; Collage: RUHR24

Kommentare