Chemischer Effekt

Elektroauto: Schadet schnelles Laden auf 100 Prozent wirklich dem Akku?

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Wer seinen Akku immer schnell und auf hundert Prozent lädt, schadet ihm damit, so die verbreitete Meinung. Was dran ist – und was die Deutschland-Flagge damit zu tun hat.

Das Tanken von Verbrenner-Autos ist eine simple Sache: Zapfhahn rein, abdrücken, abwarten, fertig. Zahlen an der Kasse nicht vergessen. Das Laden eines Stromers ist dagegen eine recht komplexe Angelegenheit, angefangen beim passenden Abo für die jeweilige Säule – immerhin müssen bald alle neuen Stationen Kreditkarten akzeptieren, und manchmal ist diese Art der Zahlung tatsächlich die günstigste.

Auch stellt sich die Frage, wie voll man den Akku mit Strom pumpen soll? Besser nur auf 70 oder 80 Prozent, so lautet die gängige Ratgeber-Regel. Danach lässt selbst bei schnellen Gleichstromsäulen zum Schutz des Akkus das Ladetempo deutlich nach: Ein Effekt, den man beim Planen längerer Touren berücksichtigen sollte.

High Performance Charging: Schadet der Griff zum Schnelllader dem Akku? (Symbolbild)

Elektroauto: Schadet schnelles und volles Laden wirklich dem Akku?

Aber ist schnelles und vor allem komplettes Laden wirklich schädlich für den Akku, sodass die Reichweite älterer Autos sinkt? Die klare Antwort: Kommt darauf an. Ein Blick in die Chemie üblicher Lithium-Ionen-Akkus hilft für das Verständnis. Ein wichtiger Bestandteil der Akkuzellen ist auch Grafit. Beim Laden ändert es seine Farbe von Schwarz erst zu rötlich und dann zu Gelb, Chemiker bezeichnen das als „Deutschlandflaggen:Effekt“.

Elektroauto laden: Diese zehn kommen nach 20 Minuten am weitesten

Kia EV6
Kia EV6: 309 Kilometer. Dank moderner 800-Volt-Ladetechnik fährt das Mittelklasse-SUV aus Südkorea klar an die Spitze. Die Version mit Heckantrieb und 77,4-kWh-Akku war das einziges Modell des Testfeldes, das die 300-Kilometer-Marke knackte. Basispreis: 46.990 Euro. © weigl.biz
Mercedes-Benz EQS 450+
Mercedes-Benz EQS 450+: 275 Kilometer. Die Luxuslimousine für mindestens 107.326 Euro holt aus der verwendeten 400-Volt-Technik dank präzisem Lade- und Temperatur-Management das Optimum heraus. Getestet wurde die Long-Range-Version mit 108-kWh-Akku und Heckantrieb. © Deniz Calagan/Mercedes-Benz AG
BMW iX
BMW iX: 273 Kilometer. Das große Elektro-SUV trat als xDrive50 mit serienmäßigem Allradantrieb zum Test in der Oberklasse-Kategorie an – und mit mächtigem 105,2-kWh-Akku. Der Basispreis des mächtigem Stromers liegt bei 84.600 Euro. © Uwe Fischer/BMW
Hyundai Ioniq 5
Hyundai Ioniq 5: 272 Kilometer. Das südkoreanische SUV ist technisch mit dem Testsieger Kia EV6 verwandt, und nutzt dieselbe schnelle 800-Volt-Technik. Die sparsamere Heckantriebsversion kostet ab 43.900 Euro, getestet wurde die Ausführung mit 72,6-kW-Akku für 4.000 Euro Aufpreis. © Dino Eisele/Hyundai
Porsche Taycan GTS
Porsche Taycan: 271 Kilometer. In der Oberklasse lagen die Testwerte relativ dicht beieinander. In der Version GTS fährt der Elektro-Porsche (Basispreis 86.733 Euro) mit 93,4-kWh-Akku nur knapp hinter den Klassenbesten her, er kann ebenfalls mit 800 Volt laden. © Porsche AG
Audi e-tron GT quattro
Audi e-tron GT quattro: 237 Kilometer. Der viertürige, Elektrosportler mit Allradantrieb basiert auf dem Porsche Taycan und verfügt daher ebenfalls über schnelle 800-Volt-Technik und einen 93,4-kWh-Akku, ist aber etwas größer und geräumiger. Preis: ab 104.000 Euro. © Audi
BMW i4 eDrive40
BMW i4: 235 Kilometer. Die Elektroversion der konventionell angetriebenen 4er-Reihe ist das sportlichste Modell der Mittelklasse-Wertung. Als eDrive40 kostet er ab 59.200 Euro und verfügt über einen Akku mit 83.9 kWh Kapazität. © BMW
Tesla Model 3
Tesla Model 3: 221 Kilometer. Der Elektroauto-Pionier legt seit jeher mehr Wert auf Reichweite als auf schnelles Laden, was bei der Akku-Auslegung ein Zielkonflikt ist. Der Test der Long-Range-Version mit 82,1-kWh-Akku erfolgte an markeneigenen Superchargern. Basispreis des Model 3: 52.965 Euro. © Tesla
Polestar 2
Polestar 2: 218 Kilometer. Die noch junge Marke gehört zum chinesischen Geely-Konzern, die Autos werden von dessen Tochter Volvo entwickelt und in China produziert. Den Polestar gibt es ab 46.495 Euro, gemessen wurde die heckgetriebene Long-Range-Version mit 78-kWh-Akku. © Polestar
BMW iX3
BMW iX3: 201 Kilometer. Ein weiterer BMW nach dem bewährten Muster, ein Verbrennermodell zum Stromer umzurüsten. Das Mittelklasse-SUV kostet ab 67.300 Euro und verfügt über einen Akku mit 80 kWh Kapazität. © BMW

Stark verkürzt: Je „deutscher“ die Zellen aussehen, desto weniger Energie können sie noch aufnehmen, und umso mehr verschleißt der Akku. Mit geschicktem Lademanagement, vor allem mithilfe der Temperatursteuerung, versuchen die Hersteller von E-Autos gegenzusteuern. Dabei müssen sie sich aber in einem Zielkonflikt entscheiden: Soll ihr Auto eher schnell laden können, dafür nicht ganz so viel Energie speichern (diese Strategie fährt beispielsweise der Hyundai-Kia-Konzern)? Oder ist ihnen eine hohe Energiedichte mit entsprechend besserer Reichweite wichtig, auch wenn das Laden für je 100 Kilometer etwas länger dauert, wie etwa Tesla es bislang bevorzugt (jetzt allerdings superschnelle Megacharger plant)?

Elektroauto: Ein komplett voller Akku ist gar nicht so problematisch

Der Autofahrer bekommt davon nicht viel mit, ihn interessiert nur die ständig (und im Winter etwas schneller) abnehmende Reichweiten-Anzeige. Auf großer Tour kann er anfangs schnell laden, ohne dem Akku zu schaden – jeden Tag sollte er das aber besser nicht tun.

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Auch den Akkustand deutlich über die empfohlenen 80 Prozent zu heben, bis hin zu komplett voll, ist hin und wieder überhaupt kein Problem. Vor allem unterwegs auf Langstrecken, wenn man jeden Kilometer Reichweite gebrauchen kann. Denn der Akku mag es vor allem nicht, über einen längeren Zeitraum voll geladen zu ruhen. Ist ja auch ungesund, mit vollem Magen zu Bett zu gehen.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist bereits in der Vergangenheit erschienen. Er hat viele Leserinnen und Leser besonders interessiert. Deshalb bieten wir ihn erneut an.

Also lieber sofort joggen? Ok, auch nicht. Für ein Elektroauto ist aber genau das richtig. Wer also nach dem Laden nicht ein paar Tage parkt, sondern sofort oder demnächst weiterfährt, kann auf 90 bis 100 Prozent gehen. Die Lebensdauer des Akkus, und damit den Werterhalt seines Stromers, wird das kaum beeinträchtigen.

Rubriklistenbild: © Jochen Eckel/Imago

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