Experte gibt Rat

Nach Schlägerei beim Public Viewing in Northeim: Wie sicher sind die Fanzonen?

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Schotten und Schweizer feiern zusammen bei der EM in Köln.
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Eskalation in Northeim beim Public Viewing: Nach einer Schlägerei zieht der Veranstalter die Reißleine. Wie sicher ist es auf den Fanmeilen? Ein Fan-Forscher sieht einen Trend.

Northeim/Berlin – Das war es erst einmal mit EM-Rudelgucken Northeim: Nach einer Schlägerei mit einem Schwerverletzten auf dem Marktplatz hat der Veranstalter entschieden, das Public-Viewing-Event nicht fortzusetzen. Das Risiko sei zu hoch, Helfer hätten sich bedroht gefühlt, hieß es.

EM-Fanmeile und Public Viewing: Warnung vor Hooligans und Extremisten

Vor der EM warnten Sicherheitskreise bereits vor möglichen Gefahren auf Fanmeilen, sowohl durch Extremisten und Terroristen als auch durch gewaltbereite Hooligans. Fanmeilen und Public-Viewing-Areas gelten als sogenannte „weiche Ziele“. Auch deshalb gibt es derzeit verschärfte Sicherheitskontrollen an den Außengrenzen, um die Einreise potenzieller Gefährdern zur Fußballeuropameisterschaft zu verhindern. Das gelingt allerdings nicht immer: In Dortmund musste die Polizei in kürzlich einen Angriff italienischer Hooligans auf albanische Fans abwehren.

Doch wie sicher sind Fanmeilen und Public Viewings, zu denen Tausende von Menschen – oft auch mit Kindern – strömen? Harald Lange, Professor und Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts an der Universität Würzburg, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Fan-Forschung. Er sagt: „Fanmeilen gehören zu den sichersten Orten, an denen man sich derzeit mit so vielen Menschen aufhalten kann“.

Auseinandersetzungen beim Public Viewing: „unangenehme Begleiterscheinung“ bei einer EM

Trotzdem ziehe eine EM regelmäßig Gruppierungen an, die Gewalt und extremistische Propaganda verbreiten wollten. „Ein derart großes Event, auf das die halbe Welt blickt, nutzen manche, um Botschaften, die außerhalb des Fußballs liegen, unterzubringen“, erklärt Lange. Aber die Beobachtung zeige: „Da braut sich nichts zusammen. Weder bei Extremisten noch bei gewaltbereiten Hooligans.“

Zwischenfälle wie in Northeim oder Konflikte zwischen Fangruppen sind eine „unangenehme Begleiterscheinung“ solcher Großveranstaltungen. „Unterm Strich lässt sich sagen: Gemessen an der Zahl der Menschen, die unterwegs sind, ist die Zahl von Gewaltvorfällen ziemlich gering“. Auch aus Polizeikreisen hört man Ähnliches, bisher wurden keine besorgniserregenden Auffälligkeiten festgestellt.

Vorsichtsmaßnahme in der Fanzone: „Mit Kindern nicht in die direkte Mitte einer Fangruppe“

Auch wenn man nie ausschließen könne, dass jemand randaliere, sagte Michael Mertens, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei: „Sie sehen einem Menschen nicht zwangsläufig an, ob dieser in der nächsten Stunde irgendwann einen Streit vom Zaun bricht und jemanden zusammenschlägt. Klar ist, dass bei alkoholisierten Personen Vorsicht geboten ist.“ Es sei wichtig, dass ein ausreichender, geschulter und erfahrener Sicherheitsdienst vor Ort sei, der die Situation im Auge behalte.

Mertens rät Besuchern, bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, insbesondere angesichts der Tatsache, dass es an den Public-Viewing-Orten oft sehr voll werden kann. In Frankfurt hatte es deshalb zuletzt Probleme beim Public Viewing gegeben. „Mein Vorschlag ist es, den vorderen Bereich des Veranstaltungsgeländes eher zu meiden. Zudem würde ich mich mit meinen Kindern nicht in die direkte Mitte einer Fangruppe bewegen, sondern vielmehr die Ränder aufsuchen“, so Mertens.

Fan-Forscher über neuen EM-Trend: „Vieles erinnert an Karneval“

Fan-Forscher Lange beobachtet unterdessen bei dieser EM einen Trend: „Vieles erinnert an Karneval, die Menschen verkleiden sich. Es geht weniger um Rivalitäten, und wenn, dann eher ironisch.“ Dies entspricht einem neuen Fußball-Zeitgeist. „Das Zugehörigkeitsgefühl mit der eigenen Mannschaft ist nicht mehr so groß wie etwa noch bei der WM 2006.“ Dies zeigt sich auch daran, dass nur selten Autos mit Deutschlandfähnchen oder in Nationalfarben geschmückte Balkone zu sehen sind.

„Es geht den Menschen eher um die Lust am Event und die Neugierde auf die Fankultur anderer Nationen. Die bringen was mit, was wir hier nicht kennen“, sagt Lange. „Zum Beispiel der beeindruckende Fanmarsch der Niederländer oder die Schotten mit ihren Kilts und Dudelsäcken.“

Was früher schwierig gewesen sei, sei heute möglich: „Anders als zum Beispiel bei einem Europapokalspiel kann man mit dem Trikot der eigenen Mannschaft zu den Fans der Gegnermannschaft gehen und zusammen feiern.“ Das bedeutet auch: „Die Nationalmannschaft ist da, um zu gewinnen. Sonst verpufft der Event-Charakter ganz schnell.“

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