Reiten ohne Sattel: Besonders schonend oder schädlich fürs Pferd?
VonKirsten Lemke
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Ohne Sattel zu reiten, wird oft als besonders schonend für das Pferd dargestellt. Es gilt: je weniger Ausrüstung, desto pferdefreundlicher. Das ist jedoch ein Trugschluss.
Ohne Sattel auf dem blanken Pferderücken durch die Natur zu galoppieren ist nicht erst seit Filmen wie Ostwind der Traum vieler Reiter. Häufig wird es auch als besonders schonend für das Pferd dargestellt. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.
Die Ausrüstung hilft dem Pferd dabei, seinen Reiter möglichst schonend zu tragen. Dafür muss das Pferd eine bestimmte Körperhaltung einnehmen. Es muss über den Rücken gehen, heißt es in der Reitersprache. Dabei baut das Pferd eine positive Körperspannung auf, die es ihm erlaubt, den Reiter zu tragen, ohne dabei Schaden zu nehmen. Mit gut passender Ausrüstung, sprich: Sattel und Trense, fällt es dem Pferd deutlich leichter, diese Körperspannung einzunehmen und auch zu halten. Tut es das nicht, drohen Rückenschmerzen, Verspannungen und Verschleiß sowie Lahmheiten.
Ohne Sattel und nur am Halsring durch den Schnee – das ist nur etwas für erfahrene Reiter und gut trainierte Pferde. Denn ohne Sattel zu reiten, ist nicht automatisch schonend.
Speziell der Sattel erfüllt noch weitere wichtige Aufgaben: Er verteilt das Reitergewicht auf dem Pferderücken. Ohne Sattel entsteht durch die Sitzbeinhöcker des Reiters punktueller Druck, der für das Pferd unangenehm ist. Zudem unterstützt der Sattel den Reiter in einem sicheren und ausbalancierten Sitz in allen Gangarten des Pferdes.
Gerade Reitanfänger profitieren von einem Sattel. Denn dieser setzt den Reiter genau an die richtige Stelle des Pferderückens. Die Steigbügel und Sattelpauschen geben zusätzlichen Halt. Ohne sie würde der Reiter viel schneller vom Pferderücken rutschen. Und auch wenn der Reiter noch nicht so geübt darin ist, mit der Bewegung des Pferdes mitzugehen, kann ein Sattel das bis zu einem gewissen Grad abpuffern. Ein unpassender Sattel kann natürlich auch große Schäden beim Pferd verursachen. Daher sollte man seinen Sattel regelmäßig von einem professionellen Sattler beurteilen und gegebenenfalls anpassen lassen. Vorsicht auch bei zu großen Pauschen: Sie können die Bewegung des Reiters einschränken.
Ohne Sattel reiten als Abwechslung und Sitzschule
Ohne Sattel zu reiten hat jedoch auch Vorteile: Der Reiter kann Sitz und Balance verbessern, wenn er sich hin und wieder mal ohne Sattel aufs Pferd schwingt. Allerdings sollte das Pferd bereits gut ausgebildet sein und eine gute Rücken- und Bauchmuskulatur haben. Der Reiter wiederum muss einen sicheren, ausbalancierten Sitz haben. Wildes Herumgehopse auf dem Rücken ist für das Pferd ohne Sattel noch unangenehmer. Drückt das Pferd dauerhaft den Rücken weg, können schmerzhafte Kissing Spines die Folge sein.
Stimmen die Voraussetzungen, kann eine Reiteinheit ohne Sattel dafür sorgen, dass der Reiter sich besser in die Bewegung seines Pferdes einfühlen kann und das Gefühl bekommt, näher am Pferd zu sitzen. Ist ein Reiter meist mit Sattel unterwegs, kann das Reiten ohne Sattel zunächst ungewohnt sein und sich unsicher anfühlen. Doch genau diese neuen und ungewohnten Bewegungsreize können helfen, festgefahrene Sitzfehler zu korrigieren. Auch für das Pferd kann es eine nette Abwechslung im Training sein. Übrigens haben Forscher aus Südkorea herausgefunden, dass Reiten das perfekte Ganzkörpertraining ist.
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Ein Halsriemen oder ein Longiergurt können zusätzliche Sicherheit geben und dabei helfen, dass der Reiter sich voll und ganz darauf konzentrieren kann, in der Bewegung seines Pferdes mitzuschwingen. Wer noch nie ohne Sattel geritten ist, sollte sich zunächst führen oder an die Longe nehmen lassen. Zudem kann es sinnvoll sein, erst einmal in der Reithalle oder auf dem eingezäunten Platz zu bleiben. Sollte man doch einmal vom Pferderücken rutschen, kann das Pferd nicht weglaufen.
Verzicht auf den Sattel: In Maßen sinnvoll
Reitpads oder baumlose Sättel können den Pferderücken rutschfester machen, zusätzlichen Halt bieten und den Druck durch die Sitzbeinhöcker für das Pferd abpolstern. Wer ganz ohne Sattel oder Pad reiten möchte, sollte dabei möglichst keine Reithose mit Vollbesatz tragen. Sonst können Scheuerstellen entstehen. Dieser Polizist aus Colorado reitet ein entlaufenes Pferd ohne Sattel nach Hause.
Zwischendurch mal ohne Sattel aufs Pferd zu steigen, ist kein Problem – sofern die Voraussetzungen stimmen. Allerdings sollten Reiter nicht dauerhaft auf den Sattel verzichten. Dann riskieren sie Schäden bei ihrem Pferd. Außerdem ist es auch anstrengender für das Pferd, seinen Reiter ohne Sattel zu tragen, selbst wenn dieser sehr geübt und das Pferd gut bemuskelt ist. Gegen einen kurzen Ausritt oder eine kleine Trainingseinheit ohne Sattel spricht jedoch nichts. Im Gegenteil: In Maßen kann es den Reiter sogar weiterbringen.