- VonBettina Menzelschließen
Plaudern gegen die Einsamkeit: So ließe sich das Konzept zweier Supermärkte in Kempen beschreiben. Rewe und Edeka führten dort sogenannte Plauderkassen ein. Ihr Kundenversprechen: Langsamkeit.
Kempen – Eine gängige Szene im Supermarkt: Ein älterer Herr zählt scheinbar in Zeitlupe Münzen aus dem Geldbeutel, während er in Seelenruhe mit der Kassiererin plaudert. Was normalerweise demonstratives Augenrollen oder zumindest nervöses Fußwippen bei den Mitmenschen in der Schlange hinter ihm hervorruft, ist in zwei Supermärkten genau so gewollt. Sowohl Rewe als auch Edeka führten in Kempen nun sogenannte Plauderkassen ein, wie die Stadt mitteilte.
Plauderkassen in Supermärkten: Der Kampf gegen die Einsamkeit
Einsamkeit ist so schädlich wie Rauchen, wie eine Metaanalyse aus 148 Studien mit über 300.000 befragten Personen im Jahr 2010 ergab. Demnach ist einsam sein etwa so gefährlich wie 15 Zigaretten am Tag zu rauchen und doppelt so gesundheitsschädlich wie Fettleibigkeit. Zu „Bekämpfung von Einsamkeit“ gibt es im Rewe- und Edeka-Supermarkt in Kempen seit dem 21. Februar nun sogenannte Plauderkassen, teilte die Stadt mit. „Viele Menschen, vor allem ältere, kennen das Gefühl von Einsamkeit, und der Einkauf stellt oft den einzigen Kontakt zur Umwelt dar“, so die Begründung.
Gleichzeitig wolle man mit dem Konzept aber auch eine „positive und entspannte Einkaufserfahrung bieten.“ Gerade bei Discountern ziehen die Kassierer die Waren oftmals in einer Rekordgeschwindigkeit über das Band. Die Plauderkassen hingegen bieten „Langsamkeit“, verspricht die Stadt Kempen. Natürlich stehen weiterhin auch normale Kassen zur Verfügung: „Jeder Kunde kann sich individuell für oder gegen die Plauderkasse entscheiden.“
Das spezielle Angebot ist allerdings nur außerhalb der Stoßzeiten und nur an bestimmten Tagen verfügbar: Mittwochs und donnerstags zwischen 10 und 13 Uhr. Es gebe noch keine Daten, wie oft das Angebot bislang in Anspruch genommen wurde, sagte die Sprecherin der Seniorenberatung Kempen, Katja Klein, auf Anfrage von HNA.de von IPPEN.MEDIA. „In den sozialen Medien und in wenigen, bisher geführten Gesprächen haben wir viele positive Rückmeldungen bekommen“, so Klein weiter.
Plaudern gegen Depression: Small-Talk kann sich positiv auf subjektives Wohlbefinden auswirken
Um das Projekt umzusetzen, arbeitete die Seniorenberatung der Stadt nordrhein-westfälischen Stadt Kempen direkt mit den Einkaufsmärkten Rewe und Edeka zusammen. Die Idee ist allerdings nicht neu: In den Niederlanden ist das Konzept schon lange unter dem Namen „Kletskassa“ bekannt. Dort hat die Supermarktkette Jumbo bereits rund 200 Filialen eingerichtet. Auch in der Schweiz gibt es Plauderkassen und in Japan sogenannte „Langsamkassen“ für Senioren und Menschen mit Behinderungen. Kempen war nicht einmal die erste Stadt in Deutschland, die diese besonderen Kassen einrichtete: Im Edeka-Markt in Schweinfurt gibt es das Konzept schon seit vergangenem Jahr.
Womöglich können die besonderen Kassen einen Beitrag im Kampf gegen die Einsamkeit und deren Folgen leisten. In der zuletzt wohl einsamsten Zeit – der Corona-Pandemie mit Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren – stieg der Anteil von Betroffenen mit moderat bis schwer ausgeprägten depressiven Symptomen von 6,4 auf 8,8 Prozent. Das ergab eine Untersuchung der NAKO-Kohorenstudie. Small-Talk an der Kasse kann durchaus guttun, meint Susanne Brückner, Psychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Denn lockere Bindungen zu anderen Menschen im Alltag können sich positiv auf das subjektive Wohlbefinden auswirken, so die Experten zu SZ.
Transparenzhinweis: Die Rückmeldung der Seniorenberatung Kempen auf eine HNA-Anfrage wurde im Nachhinein ergänzt.