„Völlig an der Realität vorbei“: Wütende Rentner wehren sich gegen soziales Pflichtjahr
VonMichelle Brey
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Ein soziales Jahr verbinden viele eher mit jungen Menschen. Geht es nach Soziologe Klaus Hurrelmann könnte es aber auch Senioren betreffen – und zwar verpflichtend.
München – Es ist ein Vorschlag, der für Wirbel sorgt: Senioren sollen „am Ende ihres Arbeitslebens“ einen sozialen Pflichtdienst leisten. Dafür sprach sich Soziologe Klaus Hurrelmann Mitte Juli im Gespräch mit dem Spiegel aus. Ein Hintergrund ist die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht im Ernstfall.
„Wir sollten darüber diskutieren, wie gesellschaftliche Aufgaben wie die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit von allen Generationen getragen werden können. Die junge Generation verhält sich bereits solidarisch“, so die Meinung des 81-Jährigen. Bei vielen Rentnern trifft das auf Kopfschütteln.
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„Es ist eine Unverschämtheit, womit wir Rentner noch belastet werden sollen. Unsere Eltern und unsere Jahrgänge haben dieses Land aufgebaut und ihre Kraft zum Wohle anderer eingesetzt und jetzt solche Forderungen – einfach unglaublich“, so eine Leserin, die ihre Meinung dem Nordkurier in einem Brief mitteilt. Sie steht damit nicht alleine da.
„Ich habe in den letzten 15 Jahren auf einer Pflegestation mit zum Teil schwerst dementen Menschen gearbeitet. Das ist sozial genug und muss reichen. Nach knapp 47 Jahren in Rente gegangen und das ohne schlechtes Gewissen“, schreibt eine Userin auf Facebook unter einen entsprechenden Beitrag. Eine andere kommentiert: „Nein, wir haben genug gearbeitet. Irgendwann ist auch mal gut. Es gibt genug junge Menschen, die arbeiten könnten!“ Oder: „Herr Hurrelmann und Konsorten quatschen vollkommen an der Realität vorbei“, so eine weitere Leserin des Nordkurier, die eigener Aussage zufolge 42 Jahre in der Altenpflege tätig war. Und weiter: „Sollen mal die Jungen in die Hände spucken und dann ran ans Werk!“
Der demografische Wandel (= sinkende Zahl der Menschen im jüngeren Alter und die gleichzeitig steigende Zahl älterer Menschen) stellt das deutsche Rentensystem vor enorme Herausforderungen. Ein Ungleichgewicht zwischen Beitragszahlern und Rentnern ist die Folge. „Die Altersgrenze für die Regelaltersrente ohne Abschläge wird bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre angehoben“, informiert die Deutsche Rentenversicherung.
Sozialer Pflichtdienst für Rentner „im Notfall“? – Seniorenrat spricht sich dagegen aus
Im Interview mit dem NDR konkretisierte der Soziologe am 22. Juli seinen Vorschlag: „Pflichtjahr bedeutet für mich, dass ein Notfall existiert – das muss man ausdrücklich dazu sagen. Das heißt: Deutschland – oder Europa mit Deutschland – wird in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt, eine riesige Naturkatastrophe oder technische Katastrophe findet statt. In dieser Situation greifen Pflichtprogramme des Staates, um Menschen heranzuziehen, die helfen, die Krise zu bewältigen.“ Seiner Meinung nach sei das eine Begründung für ein „Verpflichtung“ – die junge Generation sollte das nicht alleine tragen müssen. Wie könnte so ein Pflichtdienst für Senioren aussehen?
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Rückendeckung erhalten die älteren Generationen indes vom Landesseniorenrat in Niedersachsen. Sie leisteten schon „einen erheblichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt“, so ein Teil der Stellungnahme gegenüber dem NDR. Gesundheitliche Einschränkungen seien außerdem ebenso zu berücksichtigen, hieß es weiter. (mbr)