„Gesellschaft altert im Eiltempo“

Mindestens sechs Monate: So könnte ein soziales Pflichtjahr für Rentner aussehen

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Ein Soziologe plädiert für ein soziales Pflichtjahr in der Rente als faire Lösung „Jeder hat doch etwas zu bieten“, bestätigt eine Grünen-Politikerin.

Sollten Rentner und Rentnerinnen ein soziales Pflichtjahr machen müssen? Über diese Frage wird aktuell wieder diskutiert, unter anderem, weil der Soziologe Klaus Hurrelmann im Spiegel ein Pflichtjahr „am Ende des Arbeitslebens“, fordert. Vor allem, falls die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte. Von der Jugend zu erwarten, dass sie das Land alleine verteidige, sei „nicht gerecht“, findet er. „Wir sollten darüber diskutieren, wie gesellschaftliche Aufgaben wie die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit von allen Generationen getragen werden können.“

Die Fraktionsvorsitzende von BÜNDNIS 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, sieht es ähnlich. „Jeder und jede hat doch etwas für unsere Gesellschaft zu bieten“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Florian Siekmann hat sie deshalb Ende März 2025 einen „Freiheitsdienst“ vorgeschlagen, den alle Menschen im Alter von 18 bis 67 in den drei Bereichen Wehrdienst, Bevölkerungsschutz oder Gesellschaftsdienst leisten können. 

„In unserem Vorschlag beträgt die Mindestdauer des Freiheitsdienstes einheitlich sechs Monate, sie kann am Stück oder zeitlich gestreckt erfüllt werden“, erklärt Schulze. Wer bisher schon Wehr- oder Zivildienst geleistet habe, sei befreit. Bisheriges ehrenamtliches Engagement werde angerechnet.

Sollten Rentner und Rentnerinnen ihre Freizeit gegen ein Ehrenamt austauschen? (Symbolbild)

Soziales Pflichtjahr bei Renteneintritt: „Unsere Gesellschaft altert im Eiltempo“

„Unsere Gesellschaft altert im Eiltempo, mit all den Auswirkungen, die das mit sich bringt, beispielsweise Vereinsamung genauso wie Hilfs- und Pflegebedürftigkeit“, sagt Schulze BuzzFeed News Deutschland. „Gleichzeitig steht unsere Freiheit auf dem Spiel. Feinde von außen und innen wollen unserem Land, unserem Gemeinwesen schaden. Unsere Demokratie, unsere Art zu leben, wird bedroht wie seit Jahrzehnten nicht. Alle Verantwortung für die Sicherheit der Zukunft auf den Jungen der Gegenwart abzuladen, darf deshalb keinesfalls unsere Antwort sein.“

Ein soziales Pflichtjahr beim Renteneintritt könnte laut Hurrelmann das Solidaritätsgefühl zwischen den Generationen stärken. Das wünscht sich Schulze auch von ihrem Freiheitsdienst. Er soll „ein Gemeinschaftsprojekt für Deutschland von allen für alle“ sein und Brücken zwischen Generationen und Milieus bauen. Im Gegensatz zum Wehrdienst direkt nach der Schule sei er flexibel, ermögliche allen Menschen, ihn an ihre individuelle Lebensplanung anzupassen und genau dann zu leisten, wenn es gerade gut passe.

Und das sei bei Rentnern und Rentnerinnen oft der Fall, denn sie hätten viel Freizeit, die sie sinnvoll nutzen könnten, sagt Hurrelmann dem Spiegel. „Mit 65 – oder oft genug schon mit 63 – sind die Leute plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen. Was ist denn das für ein Konzept?“ Er selbst empfinde mit 81 Jahren eine „gewisse Bringschuld“, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Grünen-Politikerin schlägt sechsmonatigen Freiheitsdienst für alle, auch für Senioren, vor. (Symbolbild)

Mindestens sechs Monate Freiheitsdienst – auch für Rentner

Schulze ergänzt, dass es bei einem Freiheitsdienst in den Bereichen Wehrdienst, Bevölkerungsschutz und Gesellschaftsdienst „vielfältige sinnstiftende Tätigkeiten für alle“ gebe. „Egal ob technikbegeistert im Katastrophenschutz, voller Leidenschaft als Vorlesepatin in der Grundschule oder mit großer Ernsthaftigkeit beim Dienst an der Waffe, all dieses Engagement stärkt Zusammenhalt und Sicherheit in Deutschland, macht uns widerstandsfähig.“

„Unsere Gesellschaft muss gegen die Bedrohungen der Neuzeit bestehen können. Nur mit einem Plan zu einer solchen umfassenden Gesamtverteidigung können wir unsere Freiheit verteidigen“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland. Ein verpflichtender, mindestens sechs Monate langer sozialer Pflichtdienst für alle, auch für Senioren, sei ein solcher Plan.

In einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung 2022 zeigten sich 64 Prozent der Befragten offen für ein soziales Pflichtjahr für alle Altersklassen. Um es durchzusetzen, müsste das Grundgesetz auf Bundesebene geändert werden. Da sich die CDU/CSU gegen ein soziales Pflichtjahr für Rentner aussprach, dürfte dies in naher Zukunft unwahrscheinlich bleiben.

Rubriklistenbild: © Stephan Scheuer/dpa

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