VonStella Henrichschließen
Thilo Bode kritisiert den Einkauf-Dschungel Supermarkt. Verbraucher werden seiner Ansicht nach mit missverständlichen Begriffen oftmals hinters Licht geführt.
München - Thilo Bode ist bekannt. Der Mann übte schon als Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch immer wieder heftige Kritik an der Lebensmittelindustrie. Inzwischen hat sich der Verbraucherschützer aus der Organisation zurückgezogen und schreibt Bücher. In seinem neuen Werk bemängelt er, dass Kunden im Supermarkt nicht mehr erkennen können, was für eine Qualität sie kaufen.
Keiner finde sich mehr zurecht, sagt Bode jetzt in einem Interview mit dem Magazin Stern. Olivenöl sei ein Beispiel dafür, obwohl das EU-Gesetz die Verbraucher eigentlich schützen müsste. Das Grundproblem sei nicht, „dass bei uns ständig gegen Gesetze verstoßen wird, sondern dass Hersteller und Handel sich nach Gesetzen richten, die eindeutig nicht den Interessen der Verbraucher dienen. Bei uns ist der Kunde nicht König, sondern Opfer.“ Praktisch alle Öle – von 3,50 Euro bis 29,80 Euro – seien inzwischen als „nativ extra“ gekennzeichnet. Auch wenn sie mit anderen billigen Ölen gepanscht sind. Das liegt laut Bode vor allem an dem „Bezeichnungs-Dschungel“. Er fordert daher schon lange die Überprüfung des europäischen Lebensmittelrechts.
Wenn 99 Prozent des Honigs im Glas aus China und ein Prozent aus der EU stammen, ist diese Kennzeichnung vor dem Gesetz auch in Ordnung.
Zur Person Thilo Bode
Thilo Bode (76) ist Autor und Experte für Verbraucherthemen. Nachdem er viele Jahre im Vorstand der Umweltorganisation Greenpeace war, gründete er 2002 die Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch, die er 20 Jahre lang leitete. Seine Sachbücher „Die Diktatur der Konzerne“ (2021), „Die Essensfälscher“ (2010) und „Abgespeist“ (2007) erschienen im S. Fischer Verlag. In seinem neuen Buch „Der Supermarkt-Kompass - informiert einkaufen, was wir essen“ kritisiert er vor allem, dass Verbraucher bei Lebensmitteln ständig getäuscht werden.
Lebensmittelexperte Bode übt scharfe Kritik: Bezeichnung-Dschungel und Siegel sind irreführend
Nicht viel besser sieht es für Verbraucher im Fall von frischen Erdbeeren aus. Selbst wenn man die Sorte und das Anbaugebiet auf dem Produkt noch herausbekommen kann – über die Arbeitsverhältnisse auf den Feldern erfährt der Verbraucher nichts, so der Vorwurf von Bode an der Lebensmittelindustrie. Das sei auch bei Bioprodukten nicht anders. Der Experte kritisiert darüber hinaus auch das Bio-Siegel. Denn das Siegel schütze nicht davor, dass Lebensmittel mit dem Flugzeug transportiert oder dass für Obst und Gemüse aus trockenen Regionen die letzten Trinkwasserressourcen ausgebeutet würden.
Der Verbraucher werde beim Einkaufen demnach ständig an der Nase herumgeführt. Das gelte auch beim Kauf von Fleisch im Supermarkt. Denn es gibt laut Bode noch nicht einmal ein europäisches Tierschutzgesetz. Kein Verbraucher könne somit nachvollziehen, ob das Fleisch, das er im Supermarkt kauft, von einem gesunden Tier stamme oder von einem kranken. Laut dem Experten ebenfalls nutzlos: Die Nutri-Score-Ampel auf Lebensmitteln. Die Kennzeichnung sei für Hersteller „nicht verbindlich“.
Der Tipp von Bode: Verbraucher sollten sich die Täuschungen beim Einkauf nicht mehr gefallen lassen und sich beschweren. Nur ungern dürften sich die meisten Konsumenten an den Pferdefleischskandal im Jahre 2013 erinnern. Wenn Verbraucher die Qualität von Produkten aber gar nicht unterscheiden könnten, sollten sie das Günstigste am besten beim Discounter kaufen, rät Bode den Kunden.
Womit wurden die Erdbeeren aus Marokko gespritzt? War das Bioschwein gesund? Ist dieser Zusatzstoff gesundheitsschädlich?
Immer wieder kritisieren Verbraucherschützer die bewussten Täuschungen im Handel, welche die Konsumenten nicht auf den ersten Blick erkennen können. Darunter fallen auch die Mogelpackungen, die inzwischen den Markt überfluten.
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