VonSimone Toureschließen
Mit aggressiver Werbung drängt die Shopping-Plattform Temu auf den deutschen Markt. Finden Kunden dort Schnäppchen oder nur China-Müll? Verbraucherschützer warnen.
Hamm - Eine Trinkflasche für 87 Cent, Damen-Sneaker für 6,28 Euro, eine Smartwatch für 10,47 Euro – der aus China stammende Online-Marktplatz Temu sorgt seit dem Frühjahr mit extremen Schnäppchenpreisen für Aufsehen in Deutschland. Hinzu kommt aggressive Werbung in sozialen Medien. Mit seinem Motto „Shoppe wie ein Milliardär“ ist Temu auf nahezu allen Kanälen präsent.
| Online-Marktplatz | Temu |
| Dachorganisation | Pinduoduo |
| Gründung | Juli 2022 in Boston (USA) |
Die Strategie scheint gut anzukommen: Die Temu-App liegt aktuell sowohl bei Google als auch bei Apple an der Chartspitze der am häufigsten heruntergeladenen Smartphone-Anwendungen. Doch Verbraucherschützer sehen die App kritisch.
Shopping-Plattform Temu: Schnäppchen oder China-Müll? Verbraucherschützer warnen
Temu ist eine chinesische Shopping-Plattform, die Waren aus den Bereichen, Mode, Haushalt, Spielzeug und Elektronik zu unglaublich niedrigen Preisen anbietet. Temu wirbt mit Gratisversand, Rabatten in Höhe von bis zu 90 Prozent und lockt die Kunden zudem mit spielerischen Aktionen wie Guthaben-Codes oder einem Rabatt-Glücksrad. „Mehr sparen, mehr Freude“ – so lautet das Versprechen.
Der Internetshop wurde nach den Angaben auf seiner Webseite 2022 in Boston (USA) gegründet. Seit dem Frühjahr ist Temu auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern aktiv. Hinter dem Europa-Geschäft steht den Temu-Nutzungsbedingungen zufolge die Whaleco Inc. mit Sitz im irischen Dublin. Laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes und chinesischen Medienberichten gehört Whaleco der chinesischen PDD Holding, die in China mit der Handelsplattform Pinduoduo erfolgreich ist.
Temu: Wie funktioniert der Online-Marktplatz?
Die Plattform Temu ist ähnlich aufgebaut wie andere Online-Marktplätze, etwa die US-Unternehmen Amazon und Wish. Kundinnen und Kunden können in der App oder auf der Webseite ein Benutzerkonto anlegen und dann Waren aus verschiedenen Kategorien bestellen. Anders als Amazon, das in diesem Jahr seine Regeln beim Mindestbestellwert geändert hat, lagert Temu allerdings keine Waren und tritt auch nicht als Verkäufer auf. Temu vermittelt – ähnlich wie Wish – zwischen Warenanbietern und Käufern. Wer ein Produkt kauft, schließt den Vertrag also direkt mit dem jeweiligen Hersteller ab. Nach Angaben der Webseite bieten mehr als 11 Millionen Produzenten ihre Waren auf Temu an. Die meisten dürften ihren Sitz in China haben.
Temu: Was kritisieren die Verbraucherschützer?
Iwona Husemann, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, warnt: „Die günstigen Preise kommen nicht von irgendwo. Bei den Produkten handelt es sich überwiegend um billige No-Name-Artikel, die massenweise hergestellt werden.“ Da diese direkt von einzelnen Händlern angeboten und vertrieben würden, wüssten Käuferinnen und Käufer nie genau, von wem die Ware stammt und unter welchen Umständen sie produziert wurde. Es sei nicht garantiert, dass bei der Herstellung der Waren Qualitäts- und Sicherheitsstandards eingehalten würden. Nicht einmal die Echtheit der Ware sei verlässlich, sagt Husemann.
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Tatsächlich macht Temu daraus auch keinen Hehl. In den Nutzungsbedingungen heißt es: „Wir haben keine Kontrolle über und garantieren keine Existenz, Qualität, Sicherheit, Eignung oder Rechtmäßigkeit der Produkte oder Wahrhaftigkeit, Genauigkeit oder Rechtmäßigkeit von den in den Produktauflistungen enthaltenen Informationen.“ Und weiter: „Darüber hinaus sind wir nicht verantwortlich (...) dafür, dass ein Verkäufer eine Bestellung tatsächlich abschließen wird.“ Mit anderen Worten: Ob die Ware geliefert wird, ist unter Umständen Glücksache.
Verbraucherschützerin Husemann sieht auch die Gewinnspiele in der App kritisch: „Mit solchen Aktionen wird man möglicherweise dazu verleitet, mehr zu kaufen, als man eigentlich möchte“, sagt sie.
Gibt es auf Temu echte Schnäppchen?
Experten raten zur Vorsicht, zumindest aber zum genauen Hinsehen. Markenware ist auf Temu nicht erhältlich, angeboten werden vor allem billige Massenartikel. Das WDR-Magazin Servicezeit hat bei einem Probeeinkauf etliche Mängel festgestellt. Demnach waren manche Produkte schlecht verpackt und schon beim Eintreffen beschädigt. Einige Waren fielen kleiner aus, als die Bilder im Internet es vermuten ließen. Bei elektronischen Geräten hätten deutschsprachige Bedienungsanleitungen sowie das CE-Zeichen gefehlt. Damit dokumentiert der Hersteller, dass die Ware den EU-Richtlinien für das jeweilige Produkt entspricht.
Da die Produkte direkt bei den Herstellern bestellt werden, können zusätzliche Kosten wie etwa die Einfuhrumsatzsteuer auf die Käufer zukommen. Diese wird laut Bundesfinanzministerium bei der Einfuhr von Waren aus Drittländern in die EU erhoben und entspricht weitgehend der Mehrwertsteuer, die beim Verkauf von Waren im Inland anfällt. Eine Freigrenze für die Einfuhrumsatzsteuer gibt es nach Informationen des deutschen Zolls nicht. Abgaben von weniger als einem Euro werden allerdings nicht erhoben. Zollgebühren werden erst ab einem Bestellwert von 150 Euro fällig – diese Grenze wird bei Temu in der Regel nicht erreicht.
Temu: Sind Rücksendungen möglich?
Retouren sind nach Angaben von Temu innerhalb von 90 Tagen ab Kaufdatum kostenlos möglich. Rücksendungen gehen demnach an eine Adresse in Frankfurt, das Geld für die Artikel wird zurückerstattet. Den Nutzungsbedingungen zufolge deckt die Rückerstattung allerdings „keine Zölle, Steuern oder Rücksendekosten ab, die Ihnen im Rahmen des Rückerstattungsprozesses entstehen können“. Darüber hinaus sind zum Beispiel Waren, bei denen die Verpackung entfernt wurde, von der Rücksendung ausgeschlossen. Das sei rechtlich nicht in Ordnung, heißt es bei der Verbraucherzentrale NRW, die – wie auch 24RHEIN berichtet – eindringlich vor Temu warnt. Denn auch ohne Originalverpackung dürfe der Händler die Rücknahme nicht verweigern.
Temu: Was sagen die Kunden zur Shopping-Plattform?
Auf der Internet-Bewertungsseite „Trustpilot“ erhält Temu immerhin zu 49 Prozent Top-Bewertungen mit 5 Sternen. Demgegenüber stehen 31 Prozent Bewertungen mit nur einem Stern, was die niedrigste Bewertungsmöglichkeit ist. Auffällig ist, dass in vielen der sehr guten Bewertungen zugleich auch Codes genannt werden, mit denen man Guthaben für Bestellungen bei Temu erhalten kann. Mehrere Nutzer des Bewertungsportals äußern den Verdacht, dass es sich dabei möglicherweise nur um eine weitere Variante der vielfältigen Temu-Werbemaßnahmen handelt.
Die auffällige Werbung führt bei manchen Temu-Kunden jedenfalls zu Frust: „Am meisten stört (...) die penetrante Mailwerbung, ich hab über 35 Mails in 14 Tagen erhalten“, schreibt ein Nutzer auf „Trustpilot“. Andere berichten von schlechter Produktqualität, „China-Schrott“ beziehungsweise falsch oder nicht gelieferter Ware.
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