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Verbraucherzentrale NRW warnt eindringlich vor beliebter App Temu

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Kaum eine App wurde in Deutschland zuletzt so oft heruntergeladen wie der Online-Marktplatz Temu. Doch die Verbraucherzentrale NRW warnt vor dem Konzept.

Köln – „Shoppen wie ein Milliardär“, heißt es in der Werbung: Ein Hochzeitskleid kostet in der App Temu unter 30 Euro, fünf Paar Socken sind für unter zwei Euro zu bekommen und auch Bohraufsätze sind nur wenige Cents teurer. Mit Billigangeboten schwimmt der chinesische Online-Marktplatz Temu auf einer Erfolgswelle: Die App kann aktuell unter den Gratis-Angeboten die meisten Downloads im App Store von Apple in Deutschland vorweisen. Doch es nicht alles Gold, was glänzt, sagt jedenfalls die Verbraucherzentrale NRW. Sie hat jetzt eine Warnung vor der App ausgesprochen.

Verbraucherzentrale NRW warnt vor App Temu: geringe Produktqualität und keine Haftung

Die Menschen in Deutschland sind begeisterte Online-Shopper – besonders im Bereich Mode. Im Verlauf der Corona-Pandemie hat das Shopping im Internet noch einmal deutlich zugenommen. Bei der Shopping-App Temu ist aber Vorsicht geboten: Die niedrigen Preise gingen „oft mit einer geringeren Produktqualität und -sicherheit einher“, warnt die Verbraucherzentrale NRW. Ein Probekauf des WDR-Magazins Servicezeit zeigt: Einige der 20 bestellten Produkte waren durch den Transport beschädigt.

Zudem fehlten vorgeschriebene Bedienungsanleitungen in deutscher Sprache, bei Elektrogeräten war kein in Deutschland zugelassenes CE-Zeichen vorhanden. Mit dem Zeichen bestätigt der Hersteller, dass das Produkt den geltenden europäischen Richtlinien entspricht. Beispielsweise bei Spielwaren oder Haushaltsgeräten ist das in der EU verpflichtend.

Die Verbraucherzentrale NRW warnt vor der Nutzung der App Temu.

Das chinesische Unternehmen, hinter dem die in Shanghai ansässige Firma PDD Holdings steckt, fühlt sich wohl nicht dafür verantwortlich. Der Konzern tritt selbst nicht als Verkäufer auf, sondern stellt Händlern nur seinen Marktplatz zur Verfügung: „Wir haben keine Kontrolle über und garantieren keine Existenz, Qualität, Sicherheit, Eignung oder Rechtmäßigkeit der Produkte“, heißt es in den Temu-Nutzungsbedingungen. Tatsächlich wüssten Käuferinnen und Käufer nie genau, woher die Temu-Ware eigentlich komme, sagt Iwona Husemann, Rechtsexpertin der NRW-Verbraucherzentrale, gegenüber wa.de.  

Heftige Vorwürfe gegen Temu aus den USA: „Extrem hohes Risiko“ der Zwangsarbeit bei Produkten

Zuletzt warf ein Bericht eines US-Kongressausschusses Temu vor, Produkte über den Marktplatz anzubieten, die in Zwangsarbeit in der westchinesischen Region Xinjiang hergestellt wurden. Es bestehe ein „extrem hohes Risiko“, dass die Lieferketten durch Zwangsarbeit kontaminiert seien, heißt es in dem Bericht. Auch in den USA wurde die App nach dem Start im September 2022 schnell zur meist heruntergeladenen App. Temu wollte sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) nicht zu den Vorwürfen äußern.

Was man beachten sollte, wenn man Produkte bei der App Temu bestellt

Nutzerinnen und Nutzer sollten ein paar Dinge beachten, wenn sie via Temu bestellen, heißt es bei der NRW-Verbraucherzentrale:

  • Vor einer Bestellung außerhalb der EU sollte man sich über die geltenden Zollbestimmungen informieren. Sonst können Steuern und Zollgebühren die Kosten der Bestellung zusätzlich zum Kaufpreis noch einmal erhöhen.
  • Nach Möglichkeit sollte nicht in Vorkasse gezahlt werden, sondern erst, wenn man die Ware erhalten hat und mit ihr zufrieden ist. „Bekommen Sie Zahlungsaufforderungen, bevor Sie Ware erhalten haben, ignorieren Sie sie nicht, sondern melden Sie sich beim Online-Kundenservice und erklären dort, dass Sie noch nichts erhalten haben“, so die Verbraucherzentrale.
  • Bei Bestellungen von Händlern in Fernost muss mit langen Lieferzeiten gerechnet werden.
  • Wer elektronische Geräte bestellt, sollte auf das zugelassene CE-Zeichen achten.
  • „Insgesamt ist es wichtig, kritisch zu sein und sich vor dem Kauf gut zu informieren“, so die Verbraucherschützer. Das bedeutet: Man sollte vor der Bestellung die Bewertungen anderer Kunden beachten.
  • Wer sich durch ständige Werbeansprache gestört fühlt, sollte in der App oder in den Smartphone-Einstellungen Push-Benachrichtigungen ausstellen, sich vom E-Mail-Newsletter wieder abmelden oder auf eine Werbe-SMS mit „STOP“ antworten.
  • „Temu macht keinen Hehl daraus, an personenbezogenen Daten interessiert zu sein und diese auch für kommerzielle Zwecke zu nutzen“, heißt es von der Verbraucherzentrale NRW. Wer sparsamer mit seinen Daten umgehen will, sollte darauf achten, dass beispielsweise das Standorttracking in den Einstellungen des Smartphones deaktiviert ist. Auch der Zugriff auf Kontakte, Werbe-ID, Fotos und Mikrofon kann verweigert werden.
  • Gelieferte (und eventuell zurückgeschickte) Produkte aus China belasten die Umwelt. Die Mentalität „Billig-Produkte neu kaufen“ anstatt sie wiederzuverwenden, zu reparieren oder Secondhand zu kaufen, ist deshalb alles andere als nachhaltig.

Eintagsfliege oder dauerhafter Big Player? Experten sind sich bei Zukunftsaussichten von Temu uneinig

Wie langlebig das Geschäftsmodell von Temu ist, darüber sind sich Experten uneinig. Der Softwareunternehmer und Branchenkenner Alexander Graf meinte kürzlich: „Temu ist keine Eintagsfliege“. Das Unternehmen biete echte Innovationen in Sachen Lieferkette, Warenmanagement und Logistik. Anders sieht es beispielsweise Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung. Gegenüber der dpa sagte er: „Vieles spricht dafür, dass Plattformen wie Wish oder Temu trotz des jüngsten Hypes am Ende Nischenanbieter bleiben werden“.

„Temu lockt mit Niedrigpreisen, mit Gewinnspielen, riesigen Rabatten und mit künstlicher Verknappung des Angebots. Die Plattform will gezielt zu Spontankäufen inspirieren, die man gar nicht geplant hatte“, beschrieb Hudetz das Geschäftsmodell. Für eine gewisse Zielgruppe sei so eine Gamification des Einkaufs natürlich spannend. Doch spreche wenig dafür, dass die Strategie langfristig Erfolg haben werde. Menschen in Deutschland suchen laut Hudetz nicht den allerniedrigsten Preis, sondern ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis.

Experte: Zunehmender Nachhaltigkeitsgedanke könnte Temu zum Verhängnis werden

Außerdem seien sie verwöhnt, was Liefergeschwindigkeit und Retourenabwicklung angehe, hier stünde Temu vor beträchtlichen Herausforderungen, so Hudetz. „Die meisten Konsumentinnen und Konsumenten denken schon bei der Bestellung das Thema Retouren mit – und es gibt in diesem Bereich erhebliche Vorbehalte gegenüber asiatischen Marktplätzen, zumal auch oft Zollgebühren hinzukommen können“. Obendrein spreche das wachsende Nachhaltigkeitsbewusstsein der Menschen gegen einen dauerhaften Erfolg derartiger Modelle. (mg) Fair und unabhängig informiert, was in NRW und Deutschland passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

Rubriklistenbild: © Timon Schneider/Imago

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