VonRudolf Bögelschließen
7,6 Millionen verkaufte Fahrzeuge, dritte Generation – und (vermutlich) letzte Generation Verbrenner. Wir haben das neue Kompakt-SUV von VW getestet.
Von den Dimensionen her bleibt beim neuen Tiguan nahezu alles beim alten. Mit Ausnahme des Kofferraums, der auf 652 respektive 1.650 Liter vergrößert wurde. Aber endlich sieht der Tiguan auch so aus, wie der Name klingt. Geradezu progressiv für Wolfsburger Verhältnisse, wo man mit dem VW T-Roc Cabrio bald auch das letzte offene Modell aus dem Programm nimmt. Und der cw-Wert des Tiguan wurde bei der neuen Generation auch gleich noch auf 0,28 verbessert. Die größten Änderungen finden sich im Cockpit und bei den Motoren. Und bei der technischen Ausstattung. Da durften die Ingenieure ein Regal höher greifen, dort, wo sich der Touareg normalerweise bedient. Jetzt gibt es im Tiguan zum Beispiel auch die Zehn-Kammer-Massage-Sitze mit Heizung und Kühlung, oder die HD-Matrix-Scheinwerfer, die mit jeweils 19.200 Multipixel-LEDs die Nacht zum Tage machen.
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Besser bedienbar: VW überarbeitet das Tiguan-Infotainment
Das Gestühl des neuen Tiguan ist komfortabel, stellen wir beim schon beim ersten Ansitzen fest. Bequem, guter Seitenhalt. Vor uns liegt – wenn man es altmodisch formuliert – das Armaturenbrett. Kein Brett war bekanntermaßen die Bedienung bei neueren VW-Modellen (zum Beispiel Golf 8 und ID.3). Unbeleuchtete, berührungsunempfindliche Slider, kein Lautstärkeregler mehr und auch bei der Bedienung der Klimaanlage haperte es mangels Tasten. Das alles ist Vergangenheit, die vielen Kunden-Proteste haben im wahrsten Sinne für Erleuchtung gesorgt. Das Infotainment wurde überarbeitet. Im 13-Zoll großen Display (15 Zoll gegen Aufpreis) gibt es jetzt zwei Leisten, die man immer im Blickfeld hat. Oben kann man die Kacheln selbst belegen, unten stellt der Fahrer die Raum-Temperatur ein oder die Sitzheizung. Auch im Menü findet man sich gut zurecht, die Reaktionszeiten des Tabletts sind sehr gut.
VW Tiguan mit Barbie-Beleuchtung und ChatGPT
Neu ist der sogenannte Fahrerlebnisschalter in der Mittelkonsole. Mit dem beleuchteten Drehknopf regelt man die Lautstärke, stellt die Fahrmodi ein – und dann gibt es ja noch die „Atmospheres“. Vorkonfigurierte Einstellungen von Ambiente-Licht und Soundsystem sollen bei den Passagieren für unterschiedliche Stimmungen sorgen. „Lounge“ mit gedämpfter Musik für den Nachhauseweg nach einem stressigen Tag im Büro etwa, oder „Energetic“, wer noch einen kleinen Kick braucht. Wirklich schräg ist die „Atmosphere“ mit viel Pink und Lila – voll im Barbie-Trend.
Auch beim Infotainment ist VW ganz vorne dabei: Erstmals hat der Tiguan mit ChatGPT auch künstliche Intelligenz an Bord. Vor Ende Juni wird es aber noch nichts mit der Einführung. Wir durften allerdings schon mal testen: „Wer ist Thomas Schäfer.“ Antwort: „Thomas Schäfer ist ein hessischer CDU-Politiker, der am 28. März 2020 verstorben ist.“ Den obersten Volkswagen-Chef und CEO Thomas Schäfer hat die KI verschwiegen. Kein Wunder, das Wissen von ChatGPT geht bislang ja auch nur bis Januar 2022 zurück. Ansonsten funktioniert die Sprach-KI ganz ordentlich, für lange Fahrten könnte sie ganz unterhaltsam sein.
Die Motoren im VW Tiguan: Mild Hybrid 1,5 eTSI mit 150 PS
Aus dem überarbeiteten Motoren-Programm haben wir uns zwei Modelle herausgepickt. Zum einen den Mild-Hybrid 1,5 eTSI mit 150 PS und im Vergleich dazu den 2,0-Liter-Turbodiesel mit 193 PS. Oldschool gegen new school quasi. Beim Hybriden spulen die VW-Ingenieure einen 1,5 Liter großen Benziner mit einem elektrischen Startergenerator zusammen. Er steuert noch mal 14 kW Leistung und 56 Nm Drehmoment bei. Das Zusammenspiel der beiden sollte eigentlich reibungslos funktionieren. Wir haben das streckenweise vermisst. Beim Tritt auf das Gaspedal zum Beispiel genehmigt sich der Motor erst einmal eine Zwangspause, dann erst stürmt er lautstark los. Hier könnte die E-Maschine eigentlich für einen sanften, aber zugkräftigen Übergang sorgen und die Gedenksekunde elegant ausgleichen. Auch in einer anderen Situation erweist sich der Antrieb als unharmonisch. Wenn man vom Gas geht, bleibt der Motor noch länger im hohen Drehzahlbereich, bis er sich wieder beruhigt. Und der schnellste ist er auch nicht: 10,6 Sekunden von 0 auf 100.
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Die Motoren im VW Tiguan: 2,0-Liter-Allrad-Diesel mit 200 PS
Ganz anders der 2,0-Liter-Allrad-Diesel 2,0 TD SCR 4Motion. Der hat eine echte Wuchtbrumme unter der Haube, die mit ihren knapp 200 PS und 400 Nm ganz schön anschiebt. Dieselfahren macht halt immer noch ziemlich Spaß, und das Brummen des Selbstzünders ist uns allemal lieber als der hektische und auf Effizienz getrimmte Benziner. Beim Verbrauch hat uns der eTSI enttäuscht: 7,1 Liter ist nicht gerade wenig. Da dürfte der ganz neue PHEV 1,5eHybrid besser abschneiden. Er kombiniert den 150 PS-Benziner mit einer 115-PS-E-Maschine – und hat eine 19,7 kWh große Batterie. Damit will VW über 100 Kilometer weit elektrisch kommen und auch beim Laden hört sich der Plug-in-Hybrid gut an: 50 kW DC kann er – das sollte für eine Zeit von 23 Minuten sorgen bis der Akku von 10 auf 80 Prozent ist. Testen konnten wir den 1,5eHybrid leider noch nicht. Eine rein elektrische Version gibt es noch nicht beim Tiguan, dieser Antrieb bleibt der ID.-Reihe zunächst vorenthalten, die mit dem Volkswagen ID.7 jetzt auch in das klassische Passat-Segment vordringt.
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Der Spurhalteassistent des VW Tiguan hält sich vornehm zurück
Beim Fahrwerk macht der neue Tiguan einen großen Sprung. Er bekommt das neue adaptive DCC Pro. Herzstück sind Dämpfer, die mit zwei Ventilen ausgestattet sind. So können Zug und Druckstufe separat angesteuert werden, das System reagiert dadurch schneller und feiner. Das merkt man beim Fahren tatsächlich. Für unseren Geschmack allerdings ist die Federung zu hart, man spürt Querrillen und Unebenheiten zu deutlich. Auch kann das DCC Pro nicht ganz verleugnen, dass es sich beim Tiguan um einen hochbeinigen SUV handelt. Wir sind schon gespannt, wie sich der neue VW Passat fährt, der hat nämlich die gleiche technische Ausstattung. Mehr Ruhe und eine bessere Abstimmung hätten wir uns auch beim Travel Assist erwartet. Beim Losfahren im Stop-and-Go-Verkehr gibt der Assistent zu viel Gas, um dann unsanft und abrupt abzubremsen, wenn der Vordermann stehen bleibt. Lobenswert ist der Spurhalteassistent: Er bleibt dezent im Hintergrund und greift bei Bedarf nur ganz fein ein. So muss das sein.
Das kostet der neue VW Tiguan
Schauen wir auf die Preise: Bei 36.600 Euro geht es los. Anfang 2020 waren es noch knapp 31.000 Euro. Die Grundausstattung der dritten Generation dürfte aber weitaus besser sein. Mit dabei ist beim 1,5 eTSI mit 130 PS zum Beispiel das voll digitale Cockpit und das 12,9 Zoll (ca. 33 cm) große Infotainment-Display sowie die Rückfahrkamera. Wer 3.000 Euro mehr investiert, bleibt immer noch unter der 40.000 Euro-Grenze und bekommt mit der Ausstattungslinie „Life“ jedoch schon den Parkassistenten „Plus“, die automatische Distanzregelung ACC, den Fernlichtassistenten sowie die drahtlose Verbindungsmöglichkeit für das Smartphone. Unsere Meinung: Mehr Tiguan braucht es nicht.
Technische Daten VW Tiguan 1,5 eTSi
- Motor: 1,5-Liter Vierzylinder-Benziner
- Antrieb: Front / 7-Gang-DSG
- Systemleistung: 94 kW (130 PS)
- Drehmoment: 220 Nm (1.500 – 3.500 U/min)
- 0 – 100 km/h: 10,6 s
- V. max: 198 km/h
- Verbrauch: 6,1 l 100 km
- Länge / Breite / Höhe: 4,54 / 1,84 / 1,66
- Radstand: 2,68 m
- Wendekreis: 11,7 m
- Leergewicht / Zul.: 1.598 / 512 kg
- Anhängelast / Stützlast: 1.600 / 100 kg
- Kofferraum: 652 – 1.650 l
- Preis: 36.600 Euro
Unser Fazit zum neuen Tiguan von Volkswagen
Gelungenes Design, schnelles Infotainment, leichte Bedienung – das alles sind Zutaten, die uns beim neuen Tiguan schmecken. Wer den Mild-Hybrid nicht mag, der kann ja auf das bewährte Diesel- und Benziner-Programm von Volkswagen zurückgreifen und hat damit garantiert Spaß. Mit einem Startpreis von 36.600 Euro und einer guten Grundausstattung bleibt das SUV sogar einigermaßen erschwinglich und könnte auch weiterhin ein Dauerbrenner sein, der letzte Verbrenner. Rudolf Bögel
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