Betroffener aus Fulda

Panikattacken und Zitteranfälle: Hundehalter warnt vor rätselhaftem „Werwolf-Syndrom“

Seit Monaten werden in Deutschland und anderen Ländern verstärkt neurologische Störungen bei Hunden erfasst. Womöglich handelt es sich um Vergiftungen, die auf bestimmte Kauknochen zurückgehen. Betroffen ist auch eine Hündin aus Fulda.

Fulda - „Der springende Punkt war ein plötzlicher Zitteranfall“, berichtet Kevin Kremer aus Fulda. Seine bald zweijährige Weimaranerin Marla ist von dem bisher noch rätselhaften „Werwolf-Syndrom“ betroffen. Dass es das Syndrom gibt, weiß Kremer bereits seit Monaten - zwischen September und Oktober haben seine Eltern einen Bericht darüber in der Hessenschau gesehen und ihn darauf angesprochen.

„Werwolf-Syndrom“: Hündin hat Panikattacken und Zitteranfälle

Der Begriff „Werwolf-Syndrom“ für die Auffälligkeiten bei Hunden wird umgangssprachlich verwendet - weil die Hunde nach Angaben der Besitzer oft heulen wie ein Wolf - und ist kein tierärztlicher Fachbegriff. In der Humanmedizin wird damit vielmehr ein auch Hypertrichose genanntes Symptom bezeichnet: eine über das übliche Maß hinausgehende Behaarung, zum Beispiel im gesamten Gesicht.

Als Ursache für das „Werwolf-Syndrom“ bei Hunden vermuten Experten eine Vergiftung durch bestimmte, derzeit noch unbekannte Toxine in bestimmten Rinder-Kauknochen. Nina Meyerhoff von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Tiho) erklärt aber, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass auch andere Produkte betroffen sind. Klar sei jedoch, dass es sich um ein europaweites Problem handelt.

Hunde gehören in Deutschland zu den beliebtesten Haustieren. 2023 lebten rund 10,5 Millionen Hunde in deutschen Haushalten, wie der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe mitteilte. In Fulda kommen Hunde auch bei der tiergestützten Therapie zum Einsatz.

In Finnland, den Niederlanden und Dänemark gab es bereits Rückrufe für bestimmte Produkte verschiedener Marken. Die niederländische Lebensmittel- und Warenaufsichtsbehörde (NVWA) zum Beispiel warnte vor bestimmten Kauknochen der Marke „Barkoo“, wie unter anderem fr.de berichtet. Sie seien durch Online-Shops des Unternehmens Zooplus vertrieben worden, teilte die Behörde mit.

Die Weimaranerin Marla aus Fulda ist von dem bisher noch rätselhaften „Werwolf-Syndrom“ betroffen.

„Marla hat generell starke Unverträglichkeiten beim Futter, weswegen wir bei ihrer Ernährung gut aufpassen. Rind hatte sie aber eigentlich immer gut vertragen“, berichtet der 27-Jährige. Nach dem Rückruf setzte aber auch Kremer die Verfütterung von Produkten von Zooplus ab, um kein Risiko einzugehen. Mit welchem Toxin genau die Produkte verunreinigt sind und auf welchem Weg es in die Futtermittel gelangte, ist bisher noch unklar, sagt Expertin Meyerhoff. Die Laboranalysen liefen noch. Zumindest für einige Produkte gebe es eine Verbindung zu einem Produzenten in China, der womöglich verschiedene weitere Hersteller mit Rohmaterial wie Rinderhaut belieferte.

Über die Fuldaer Weimaranerin sagt Hundebesitzer Kremer: „Sie ist schon immer ein kleines Sorgenkind, das gerne und viel jammert“. Doch in den vergangenen zwei Wochen habe er eine deutliche Veränderung wahrgenommen. „Sie wurde immer unruhiger und hat noch mehr gejammert.“ Vor einigen Tagen kam es dann zum ausgeprägten Zitteranfall.

Marla hat im Zwei- bis Drei-Sekunden-Takt am ganzen Körper stark gezittert. Das war nicht normal.

Hundebesitzer Kevin Kremer aus Fulda

„Nach Anstrengung kommt es schon einmal vor, dass Hunde etwas zittern“, erklärt Kremer. „Doch Marla hat im Zwei- bis Drei-Sekunden-Takt am ganzen Körper stark gezittert. Das war nicht normal“, schildert er den Vorfall. Selbst in Ruhemomenten, als die Hündin schlafe wollte, habe sie gezittert. Der 27-Jährige entschied sich daraufhin, mit seiner Marla am Abend in die Notfallsprechstunde zu fahren. „Dort bekam sie Aktivkohle, Dimazon, Beruhigungstabletten und eine Infusion zur Behandlung.“ Es ging in erster Linie darum, der Hündin entwässernde und entgiftende Mittel zu geben, damit die Schadstoffe „herausgespült“ werden.

Welche Symptome zeigen Hunde beim „Werwolf-Syndrom“?

In Deutschland seien seit Ende August vermehrt Fälle von Hunden bekanntgeworden, die schwere akute neurologische Symptome zeigten, erklärte Nina Meyerhoff von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). Hunde, die das „Werwolf-Syndrom“ haben, zeigen ein ängstliches und panisches Verhalten, das sich durch Heulen, Bellen, Zittern, Knurren und willkürliche Bewegungen äußert. Laut dem „Stern“ ist auch ein erhöhter Fluchtreflex ein typisches Symptom für das Syndrom. Einige Hunde würden zudem ein aggressives Verhalten zeigen. Meyerhoff erklärte, dass es auch Hinweise darauf gibt, dass betroffene Tiere unter Halluzinationen oder gar epileptischen Anfällen leiden.

Wichtig zu wissen ist im Hinblick auf das „Werwolf-Syndrom“, dass es sich von anderen neurologischen Krankheiten dadurch unterscheiden lässt, dass es plötzlich auftritt. Wird bei dem eigenen Haustier eine ähnliche Verhaltensänderung beobachtet, ohne dass es dafür einen Grund gibt, liegt laut der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) die Vermutung nahe, dass es vom „Werwolf-Syndrom“ betroffen sein könnte.

Bei der Behandlung habe die Ärztin aufgrund der Symptome schnell das „Werwolf-Syndrom“ als Auslöser im Verdacht gehabt. „Marla zeigte zwar kein aggressives Verhalten, doch sie war zuletzt besitzergreifender, was ihr Zuhause anging. Vor allem ihre Panikattacken, das Jammern, Zittern und die Unruhe haben aber für das Syndrom gesprochen.“ Ein Blutbild hat außerdem andere Auslöser ausgeschlossen. Die ärztliche Behandlung habe Wirkung gezeigt und Marla sich beruhigt. Dennoch ging es für Kremer und die Weimaranerin am Dienstag (7. Januar) erneut zum Arzt.

Hundebesitzer will mehr Aufmerksamkeit für das „Werwolf-Syndrom“

„Sie hat nochmal eine Infusion und wir Tipps für die weitere Behandlung zu Hause bekommen.“ Dem 27-Jährigen wurde geraten, seiner Hündin weiterhin viel Flüssigkeit zu geben und sich vielleicht auch nochmal an die Tierklinik Hofheim in Hofheim am Taunus zu wenden. Dort liege ein Fokus auf neurologischen Problemen. Außerdem arbeite die Tierklinik mit der Hochschule Hannover zusammen, die das „Werwolf-Syndrom“ erforscht.

Seiner Hündin geht es mittlerweile besser, „es ist aber wichtig, dass das ,Werwolf-Syndrom’ mehr Aufmerksamkeit bekommt“. Er findet es erschreckend, dass nach vier bis fünf Monaten, in denen es nun schon bekannt ist, noch immer kein konkreter Ursprung gefunden werden konnte.

„Werwolf-Syndrom“: Wie verhalte ich mich, wenn mein Hund Symptome zeigt?

Da die typischen Symptome auch auf andere Ursachen wie Schlaganfall, Gehirnentzündung oder Hirntumor zurückgehen könnten, sei jeweils eine neurologische Abklärung zur Ausschlussdiagnose nötig. Laut einem Bericht des „Sterns“ behandeln die Mediziner die Symptome in der Regel mit Beruhigungsmitteln, die die Angst der Tiere lösen oder mit entkrampfenden Mitteln, sollten die Hunde unter epileptischen Anfällen leiden. Wie Nina Meyerhoff, Tierärztin in der Neurologie an der Hochschule Hannover, berichtet, verlaufen die Erkrankungen in der Regel nicht tödlich. Die Symptome schwinden nach einigen Tagen bis Wochen. Sollte das „Werwolf-Syndrom“ bei dem eigenen Hund diagnostiziert worden sein, sei es wichtig, auch auf die eigene Sicherheit zu achten - denn das Tier könne sich mitunter völlig anders verhalten als gewöhnlich. Das liege unter anderem daran, dass die Hunde ihre Halter in manchen Fällen scheinbar nicht mehr erkennen.

Erziehung ist bei Hunden besonders wichtig. Dazu gehört auch das mitunter störende Bellen des Vierbeiners zu reduzieren. Mit dem richtigen Training klappt das sogar bei erwachsenen Tieren. Das Gebell kann aber auch hilfreich - und sogar lebensrettend - sein, wie Hund Balou bei einem Feuer in Hofbieber bewies.

Rubriklistenbild: © Kevin Kremer

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