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Wie Pferde menschliche Berührungen empfinden und Besitzer erkennen was missfällt

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Berührungen erzeugen eine Verbindung zwischen Mensch und Pferd, aber was fühlen die Tiere wirklich? Forschungen liefern aufschlussreiche Ergebnisse.

Berührungen spielen eine zentrale Rolle im Umgang mit Pferden, vor allem in der pferdegestützten Therapie. Sie schaffen Nähe und unterstützen Menschen bei der Bewältigung unterschiedlicher Herausforderungen. Doch wie nehmen Pferde diese menschlichen Berührungen selbst wahr? Eine Studie hat untersucht, wie Therapiepferde darauf reagieren – und die Ergebnisse sind aufschlussreich.

Zärtliche Momente oder Stressfaktor?

Für viele Menschen ist es intuitiv ein Pferd zu tätscheln, zu streicheln oder zu kraulen, um Zuneigung oder Lob auszudrücken. Insbesondere im therapeutischen Kontext sind Berührungen ein essenzieller Bestandteil der Interaktion. Doch ob Pferde diese als angenehm empfinden, hängt stark von der Situation ab.

Pferde empfinden nicht jede Berührung des Menschen als angenehm, oft kommt es auf die Situation an. (Symbolbild)

Forscher von der Universität Guelph in Kanada haben in ihrer Studie „Evaluating the Effect of Touch in Human-Horse Interactions“ untersucht, wie Therapiepferde auf Berührungen reagieren. Ein Augenmerk legten sie dabei auf die Art der Berührung, wie Kraulen und Streicheln, und auf die Berührung an bestimmten Stellen wie Hals oder Hinterhand. Dabei wurden zwei Szenarien verglichen:

  • Nicht freiwillige Berührung: Das Pferd war angebunden, während ein Mensch es am Hals, Rumpf und der Hinterhand berührte.
  • Freiwillige Berührung: Das Pferd konnte sich in einem Roundpen frei bewegen, und der Mensch durfte es nur berühren, wenn es von selbst in Reichweite kam.

Die Ergebnisse zeigen, dass Pferde Berührungen nicht per se als angenehm empfinden. Besonders wenn sie keine Wahl haben, reagieren sie häufiger mit Stresssignalen wie Maulbewegungen, Schweifschlagen und erhöhter Unruhe. Interessanterweise spielte es kaum eine Rolle, ob das Pferd getätschelt, gestreichelt oder gekrault wurde und wo es berührt wurde – die Reaktion hing vielmehr davon ab, ob das Tier die Interaktion selbst steuern konnte.

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Streicheln ist natürlicher als Klopfen

Im Gegensatz dazu fand eine Studie der Nottingham Trent University heraus, dass die Art des Berührens sehr wohl eine Rolle auf das Wohlbefinden des Pferdes spielt: Streicheln und Kraulen am Widerrist wirken als Belohnung effektiver als das Klopfen auf Hals oder Schulter. Der Grund dafür liegt in der natürlichen Sozialpflege unter Pferden, bei der sie bevorzugt an dieser Stelle kraulen. Klopfen hingegen ist kein Verhalten, das Pferde untereinander zeigen, und wird daher weniger positiv wahrgenommen.

Das sanfte Kraulen am Widerrist stärkt darüber hinaus die Bindung zwischen Mensch und Pferd, sorgt für Entspannung und ist ein Zeichen von Freundschaft und Vertrauen – ähnlich wie unter Artgenossen in einer Herde.

Stresssignale erkennen

Was das Pferd am Ende wirklich als angenehm empfindet, ist höchst individuell, schließlich hat jedes Pferd seine eigenen Vorlieben. Anhand von Stresssignalen können Pferdebesitzer erkennen, ob eine Berührung dem Pferd missfällt. Anzeichen von Stress sind unter anderem:

  • Schnelle Atmung und erhöhte Herzfrequenz
  • Erhöhte Körperspannung
  • Eingeklemmter oder schlagender Schweif
  • aufgerissene Augen, geblähte Nüstern und hochgerissener Kopf
  • Stampfen, Steigen oder Fluchtreaktionen
  • Schnappen oder Treten
  • Angelegte Ohren

Hätten Sie‘s gewusst? Zehn faszinierende Pferde-Fakten

Nahaufnahme eines Pferdeauges.
Mit Rundumblick: Pferde haben fast eine 360-Grad-Sicht. Zu verdanken haben sie das ihren seitlich am Kopf platzierten Augen. Nur was sich direkt hinter ihnen und sehr nah an ihrem Körper befindet, können sie nicht sehen. Wenn sich ein Reiter auf ihren Rücken setzen darf, ist das ein riesiger Vertrauensbeweis, denn er befindet sich für das Pferd im toten Winkel. © IMAGO / Shotshop
Ein Fohlen liegt im Gras und schläft.
Keine Langschläfer: Pferde schlafen nur rund drei bis fünf Stunden am Tag, davon nur 20 Minuten am Stück. Wenn sie sich sicher fühlen, legen sie sich hin, wenn sie besonders sicher sind, sogar flach auf die Seite. Weil sie als Fluchttier stets auf der Hut sein müssen, können sie jedoch auch im Stehen schlafen. Dabei fixieren sie ihre Kniescheibe, um nicht umzufallen. ©  IMAGO / YAY Images
Ein Pferdeohr in Nahaufnahme.
Feine Lauscher: Pferde können ihre Ohren unabhängig voneinander bewegen. Das ermöglicht es ihnen, Geräusche präzise zu orten. Diese Eigenschaft ist enorm wichtig, um in der freien Natur zu überleben – ein Knacken im Gebüsch könnte ja ein Raubtier sein. Außerdem hören Pferde doppelt so gut wie ein Mensch. Schon kleinste Geräusche versetzen sie in den Fluchtmodus. Übrigens sind viele Pferde bei Wind nervös. Einerseits, weil dann viel herumflattert, andererseits, weil sie dann nicht mehr so gut hören können. © IMAGO / Depositphotos
Nahaufnahme eines braunen Pferdes mit hellem Halfter und kleinem Abzeichen.
Gutes Gedächtnis: Zehn Jahre lang können Pferde sich an komplexe Lösungsstrategien und Menschen erinnern. Das hat einst eine Studie aus Frankreich bewiesen. Außerdem haben französische Forscher herausgefunden, dass Pferde ihre Bezugspersonen sogar auf Fotos wiedererkennen. Ihr gutes Gedächtnis sicherte Pferden das Überleben in freier Wildbahn. © IMAGO / Panthermedia
Zwei Schimmel stehen auf der Weide und beknabbern sich gegenseitig.
Dicke Freunde: Pferde pflegen Freundschaften. Mögen sie einander, fressen, dösen und schlafen sie nah beieinander und beknabbern sich gegenseitig. Ein stabiles soziales Gefüge ist für Pferde überlebenswichtig. In freier Wildbahn bietet die Herde Schutz und sichert Ressourcen. Forscher haben außerdem herausgefunden, dass Pferde die Fähigkeit zu sozialem Lernen haben, neue Dinge also lernen, indem sie sich den Lösungsweg von einem Artgenossen abschauen. © IMAGO / Panthermedia
Ein fuchsfarbenes Pferd steht auf der Weide und flehmt.
Spürnasen: Pferde können besser riechen als Hunde – das haben Wissenschaftler aus Tokio herausgefunden, indem sie die Gene für die Geruchsrezeptoren zählten. Beim Pferd sind es 1.066, beim Hund 811 und beim Menschen nur 396. Kein Wunder: Pferde müssen sich auf ihre Nase verlassen können, um zum Beispiel verdorbenes Futter oder ein nahendes Raubtier zu erkennen. Mit dem Jacobson’schen Organ können Pferde sogar spezielle Duftstoffe aus der Luft filtern, indem sie flehmen. Dabei ziehen sie die Oberlippe hoch und saugen die Luft ein. © IMAGO / Depositphotos
Ein braunes Pferd gähnt und man kann die Zähne sehen.
Mit Biss: Die Zähne des Pferdes wachsen dauerhaft nach. Der Grund: Pferde mahlen ihr Futter, dabei nutzen sich die Zähne ab. Damit sie nicht irgendwann komplett weggeraspelt sind, schieben sie permanent Stück für Stück weiter aus dem Zahnfach heraus. Weil Pferde heutzutage nicht mehr so viel raufaserreiches Futter fressen, müssen sie regelmäßig zum Zahnarzt, der die Zähne mit einer Feile kürzt. Pferdekenner können das Alter eines Pferdes übrigens anhand der Zähne einschätzen. © IMAGO / Panthermedia
Die Beine eines Sportpferdes mit Gamaschen und Streichkappen im Trab auf dem Reitplatz.
Aus Urzeiten: Pferde haben an den Innenseiten ihrer Beine einen kleinen Knubbel, die sogenannte Kastanie. Das ist ein kleines Stück Horn und war früher mal eine Zehe. Die Vorfahren des Pferdes lebten vor vielen Millionen Jahren und waren so klein wie ein Fuchs. Sie hatten noch keine Hufe, sondern Zehen. Die Kastanie ist ein Überbleibsel und nichts anderes als ein verkümmerter Zeh. Sie ist bei jedem Pferd einzigartig, genau wie der Fingerabdruck beim Menschen. © IMAGO / Dreamstime
Ein fuchsfarbenes Pferd wälzt sich auf der Weide.
Tolle Rolle: Pferde lieben es, sich zu wälzen. Fängt ein Pferd damit an, machen es die Herdenpartner häufig nach. Es ist ansteckend, wie das Gähnen beim Menschen. Meist wälzen Pferde sich, um Fellpflege zu betreiben oder weil sie sich wohlfühlen. Es kann aber auch Zeichen einer Kolik sein. Dann muss das Pferd schnellstmöglich zum Tierarzt. ©  IMAGO / Zoonar
Nahaufnahme einer Pferdenase, an der viele Tasthaare zu sehen sind.
Gefühlvoll: Die Tasthaare an Nüstern, Maul und Augen sind ein wichtiges Sinnesorgan – Pferde haben circa 50 davon. Mit ihnen können sie im Dunkeln „sehen“. So verhindern die Tasthaare, dass sie sich stoßen und helfen den Pferden, ihr Futter zu sortieren. Die Tasthaare zu kürzen oder gar abzuschneiden ist verboten. © IMAGO / Panthermedia

Wie eine weitere Studie zeigt, verraten vor allem die Ohren eines Pferdes viel über seinen Gemütszustand. Seitlich hängende Ohren signalisieren Entspannung, während nach vorne gerichtete Ohren Aufmerksamkeit oder Interesse zeigen. Eng nach hinten gelegte Ohren sind ein deutliches Zeichen für Stress, Angst oder Aggression. Dabei gilt: Je enger die Ohren angelegt sind, desto intensiver ist die Emotion.

Rubriklistenbild: © imagebrocker/Imago

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