„Höchster Sprung seit Jahrzehnten“

Wie viel Bruttolohn Ihnen fehlen wird: Krankenkassenbeiträgen mit „höchstem Sprung seit Jahrzehnten“

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Knallt es schon bald bei der gesetzlichen Kasse? Experten und Brancheninsider befürchten den Zusammenbruch. Ein deutlicher Beitragssprung sei daher unvermeidbar.

Kassel – Die Lage der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland ist angespannt. So viel stand bereits vor dem Treffen der Experten-Runde in der laufenden Woche fest. Diese sollte die Finanzen der Krankenversicherung analysieren. Ein Fingerzeig ist, dass bereits 2024 etliche Krankenkassen die Beiträge anzogen. Für 2025 sieht es nach derzeitigen Stand kaum besser aus. Die Branche erwartet einen historischen Höchststand für Millionen von Versicherten.

Konkrete Auswirkungen für Versicherten noch nicht absehbar, aber wohl „spürbar“ auf dem Konto

Im kommenden Jahr müssen Beschäftige wohl rund einen Prozentpunkt mehr für die Krankenkasse berappen. Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse, prognostizierte gegenüber dem Handelsblatt eine Erhöhung von bis zu 0,8 Prozent. Bundesweit ist seine Krankenkasse die größte mit über elf Millionen Versicherten. Noch Ende 2023 wollte die Techniker die Beiträge stabil halten.

Offenbar wird es zu genau diesem Beitragssprung kommen. Wie Politico aus Teilnehmerkreisen der Experten-Runde am Mittwochvormittag erfahren haben will, wird der durchschnittliche Zusatzbeitrag ab 2025 um 0,8 Prozentpunkte auf 2,5 Prozentpunkte angehoben. Auch bild.de berichtete darüber.

Krankenbeiträge werden wohl deutlich erhöht: So viel höher ist der Arbeitnehmeranteil des Bruttogehalts

Eine Beispielrechnung verdeutlicht, wie viel letztlich vom Lohn Versicherter abginge: Derzeit fließen 16,3 Prozent vom Bruttolohn an die gesetzliche Krankenkasse, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen davon jeweils die Hälfte. Gesetzlich festgelegt ist ein Beitragssatz von 14,6 Prozent plus ein Zusatzbeitrag, den die Krankenkassen selbst festlegen können, in der Regel sind das 1,7 Prozent – also in Summe 16,3 Prozent. Experten-Einschätzungen zufolge könnte die Angabe ab Januar bei 17,1 Prozent liegen.

Bei rund 2500 Euro Bruttolohn würde der monatliche Arbeitnehmeranteil an die Krankenkasse um zehn Euro steigen. Für einen Bruttoverdienst von 3500 Euro beträgt der Anstieg des Anteils, den Arbeitnehmer an die Krankenkasse abführen müssen 14 Euro pro Monat. Ein Bruttogehalt von 4500 Euro bedeutet einen um 18 Euro höheren monatlichen Arbeitnehmeranteil.

Die Beiträge der gesetzlichen Krankenkasse werden mit 2025 wohl steigen. Der Chef der Techniker erwartet eine Erhöhung um fast einen Prozentpunkt auf 17,1 Prozent. (Symbolfoto)

In Stein gemeißelt sind die neuen Beiträge noch nicht. Diese Woche berät sich der sogenannte Schätzerkreis, bestehend aus Vertretern des Gesundheitsministeriums und der Kassen. Ein Ergebnis wird im Laufe des Mittwochs (16. Oktober) erwartet. Allerdings muss von einer spürbaren Anhebung des Zusatzbeitrags für 2025 ausgegangen werden. Dennoch: Die finalen Beiträge können auch nach der Übereinkunft des Schätzerkreises variieren und womöglich gar nicht ansteigen. Denn letztlich entscheidet jede Krankenkasse selbst, wie stark der Beitragssatz tatsächlich steigt.

Kritik an der Ampel-Koalition: Fehlende Steuerfinanzierung führt zum „wohl höchstem Beitragssprung“

Andreas Storm, Vorstandschef der DAK, macht die Bundesregierung für die Situation verantwortlich. Gegenüber der Bild kritisiert er: „Die Bundesregierung hat die im Koalitionsvertrag vereinbarte Steuerfinanzierung für die Kassen nicht geleistet.“ Insbesondere die Finanzierung der Kassenbeiträge von Bürgergeld-Beziehern aus Steuermitteln sei nicht erfolgt. „Das wird wohl zum höchsten Beitragssprung seit vielen Jahrzehnten führen“, so der DAK-Chef.

Bereits Mitte September kündigte die Regierung nach der Haushaltsdebatte Veränderungen vor allem für Gutverdiener und für Rentner an. „In der Gesundheitspolitik stehen wir vor einem Herbst der Reformen“, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor rund einem Monat. Dadurch, dass künftig die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze von 5.175 Euro auf 5.512 Euro angehoben wird, werden alle, die ein solches monatliches Brutto-Einkommen haben, stärker zur Kasse gebeten. Sie zahlen nicht nur höhere Krankenkassen- und Pflegebeiträge, auch ein größerer Anteil ihres Gehalts wird für Sozialbeiträge herangezogen.

Regierung begründet höhere Beiträge: Steigende Kosten erfordern Maßnahmen

„Jetzt ist die Phase, in der wir Geld in die Hand nehmen müssen, auch das der Beitragszahler“, so Lauterbach im September. Diese „Reform“ betrifft wohl auch den Ruhestand. Zwar übernimmt die Deutsche Rentenversicherung die Hälfte der Krankenversicherung für Rentner, den Zusatzbeitrag müssen sie aber selbst tragen.

„Um auch im Rentenalter alle gewohnten Leistungen der Krankenversicherung in Anspruch nehmen zu können, müssen in aller Regel auch Beiträge gezahlt werden“, sagte Gundula Sennewald von der Deutschen Rentenversicherung. Von der eigentlich kräftigen Rentenerhöhung dürfte dann nur noch wenig übrig bleiben, Experten prognostizieren eine Kürzung durch die Hintertür.

Der Bild erklärte Thomas Lemke vom Deutschen Finanz-Service Institut, dass die Krankenkassen gezwungen sind, die Beiträge zu erhöhen, um gestiegene Kosten für Krankenhausbehandlungen, Pflege und Arzneimittel zu decken. Ohne diese Maßnahmen drohe den Kassen ein finanzieller Kollaps. Wer sparen möchte, sollte womöglich über einen Wechsel der Kasse nachdenken. (rku)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Petra Steuer

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