Exklusiv-Interview

„Sie können noch, wollen aber nicht“: Wirtschaftsweiser kritisiert Rente mit 63

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Das Thema Rente sorgt für Zoff. Im Interview verrät Experte Martin Werding, warum er von der Rente mit 63 nichts hält und räumt mit einem Mythos auf.

Die umlagefinanzierte Rente stößt an ihr Limit. Während die Lebenserwartung immer weiter steigt, sinken die Geburten. Experten fordern lange eine umfassende Rentenreform, doch die neue Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz bleibt bei diesem Thema vage. Welche Reformen müssten angepackt und welche Fehlanreize korrigiert werden?

Martin Werding ist seit September 2022 Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft und seit 2008 Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum. Er berät als „Wirtschaftsweiser“ die Bundesregierung und erklärt im Interview mit echo24.de, warum er von der abschlagsfreien Rente mit 63 nichts hält und warum das Argument mit den Dachdeckern ein Mythos ist.

Glauben Sie, dass bei Älteren eine falsche Anspruchshaltung herrscht und deshalb Rentenkürzungen verweigert werden? Ich denke dabei an Wahlgeschenke wie die Rente mit 63. 
Ja. Vor zehn Jahren war Platz für solche Wahlgeschenke, weil die Entwicklungen im Arbeitsmarkt und bei der Demografie positiv waren. Das hat Leute in falscher Sicherheit gewiegt. Die Politik hat nicht deutlich genug die Wegweiser für die Zukunft aufgestellt.
Welche Weichen hätte die Politik bezüglich der Rente stellen müssen und was müsste sich ändern?
Im internationalen Vergleich sind unsere Renten schlecht aufgestellt. Zudem basierte alles auf Freiwilligkeit, etwa beim Thema ergänzende Vorsorge. Den Bürgern haben Rahmenbedingungen gefehlt, die ihnen helfen, ausreichend fürs Alter vorzusorgen. Wir brauchen einen anderen Blick auf das Thema Rente – nicht nur die Haltung: „Ich habe mir das verdient”, sondern auch ein grundlegendes Verständnis dafür, wie das System funktioniert und wer dafür bezahlen muss. Man muss den Älteren klarmachen: Eure eigene Rente belastet eure Kinder, belastet eure Enkel. Und für die muss das System ja auch noch funktionieren.   
Der Wirtschaftsweise Martin Werding spricht im echo24-Interview über das deutsche Rentensystem und wieso eine Reform notwendig ist.
Sie sind gegen die Rente mit 63. Warum halten Sie diese für falsch?
Man sollte wissen: Die Rente mit 63, die man nach 45 Jahren in Arbeit erhält, wurde für Menschen eingeführt, die gesundheitlich angeschlagen sind. Wenn man sich die Daten anguckt, stellt man aber fest: Typischerweise wird diese Rente von Menschen in Anspruch genommen, die genau deswegen so lange gearbeitet haben, weil sie überdurchschnittlich gesund sind. Sie können noch, wollen aber nicht mehr. Das sind etwa 250.000 Personen im Jahr. Bei der Einführung der Rente mit 63 ist man noch davon ausgegangen, dass das nur 100.000 sein könnten. Da hat man sich massiv verschätzt. 
Oft wird das Beispiel von Dachdeckern ins Feld geführt, die körperlich nicht so lange arbeiten können und früher in Rente gehen müssen. Ist das nur ein Mythos? 
Die Diskussion mit dem Dachdecker als Beispiel wird schon seit 15 Jahren geführt. Es gibt eine Untersuchung zum beruflichen Verbleib von Dachdeckern. Da wird gezeigt: Von 100 Dachdeckern im Alter von 30 Jahren sind keine 15 im Alter von 60 Jahren überhaupt noch im Beruf. Mehr als 85 haben den Beruf zwischenzeitlich gewechselt, bevor sie 60 Jahre alt werden. Sprich: Ja, diese Berufsgruppe arbeitet faktisch körperlich hart. Aber ein großes sozialpolitisches Problem stellt diese sie nicht dar. Das sind Figuren, die man gerne in den Raum stellt, um Mitleid zu erwecken für einen Zustand, den es gar nicht gibt.

Rubriklistenbild: © IMAGO / IPON

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