Arminia auf Erfolgskurs – Lannert: „Wir wollten nie einen Bus im Tor parken“
VonDaniel Michel
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Christopher Lannert hat mit Arminia Bielefeld für Pokalwunder gesorgt. Der Rechtsverteidiger benennt im Interview die Qualitäten der Ostwestfalen.
Bielefeld – Spielvereinigung Unterhaching, 1860 München, FC Bayern und FC Augsburg: Christopher Lannert hat als Kind- und Jugendlicher seine fußballerische Ausbildung bei vier bayerischen Top-Klubs absolviert.
Doch der Sprung zum Profi-Fußball verzögerte sich. Lannert hielt jedoch an seinen ambitionierten Zielen fest: Nun steht der 26 Jahre alte Rechtsverteidiger mit Arminia Bielefeld im DFB-Pokal-Finale und spielt in der kommenden Saison in der 2. Liga.
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Im Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports, spricht Lannert, der seinen Vertrag bei den Ostwestfalen in dieser Woche verlängert hat, über seinen lehrreichen, steinigen Karriereweg, über DFB-Pokal-Finalgegner VfB Stuttgart und über seinen Junggesellenabschied, der nun anders als geplant verläuft.
Absolut Fussball: Herr Lannert, als Arminia Bielefeld als Aufsteiger in die 2. Liga feststand, ist das Team in einen Getränkemarkt gelaufen und hat gefeiert. Das Video dazu ging viral. Wie kam es zu dieser Szene?
Christopher Lannert: Es war der vorletzte Spieltag. Unsere Konkurrenten mussten schon am Samstag ran, während wir auf unseren Teambus warteten, um für das am Sonntag angesetzte Spiel nach Unterhaching zu fahren. Wir verfolgten die Ergebnisse – und nach fünf Minuten Busfahrt stand unser Aufstieg fest. Wir haben sofort den nächsten Parkplatz gewählt und uns im Supermarkt für die Fahrt gut eingedeckt. (lacht) Es war jedenfalls eine sehr spontane Aktion, die uns allen viel Freude bereitet hat.
Sie sind nun als Profifußballer im Alter von 26 Jahren erstmals zum Zweitligaspieler aufgestiegen. Auf dieses Ziel haben Sie lange hingearbeitet. Können Sie sich noch an Ihre ersten Schritte im Vereinsfußball erinnern?
Ich habe mit vier Jahren das Fußballspielen im Verein begonnen. Bei der Spielvereinigung Unterhaching gab es damals eine G-Jugend. Dann ging es für mich in die U8-Auswahl von 1860 München. Zwei Jahre später wechselte ich zum FC Bayern, wo ich fünf Jahre blieb. Dann folgten sieben Jahre im Jugend- und Amateurbereich des FC Augsburg.
Wenn Sie heute auf Ihre fußballerischen Fähigkeiten blicken: Bei welchem Klub haben Sie am meisten gelernt, um für die Profi-Karriere gerüstet zu sein?
Ich würde schon sagen, dass mich die fünf Jahre beim FC Bayern am meisten geprägt haben. Ich war da im perfekten Lernalter, was die Grundlagen des Fußballs betrifft – von der Passschärfe über Zweikampfführung bis hin zum Thema Mentalität. Von diesen guten und harten Lehrjahren zehrt man eine ganze Karriere, auch wenn man sich danach immer weiter entwickelt.
Zwischen 2012 und 2020 spielten Sie beim FC Augsburg. Der Sprung zu den Profis glückte Ihnen aber nicht. Woran hat es gelegen?
Ich war 2019/20 in meinem dritten Jahr bei der zweiten Mannschaft des FC Augsburg. Ich durfte manchmal auch beim Bundesligateam mittrainieren, aber der Sprung nach ganz oben war noch zu früh für mich. Hinzu kam aber auch Pech: Denn es begann die Corona-Zeit. Das bedeutete in Bayern, dass der Spielbetrieb in den Amateurklassen für mehrere Monate komplett eingestellt wurde.
Fünf Jahre beim FC Bayern haben mich am meisten geprägt
In der Folge waren Sie dann eine Zeit lang ohne Verein. Hatten Sie die Befürchtung, Ihren Traum vom Profi-Fußball aufgeben zu müssen?
Die Corona-Zeit war für alle sehr hart. Ich habe aber immer an meinem Traum vom Profi-Fußball festgehalten. Nur konntest du kaum vorhersehen, wie und wann es weitergeht. Es gab schon Tage, wo ich etwas mehr an den Zielen gezweifelt habe, aber generell war ich überzeugt, es schaffen zu können. Als es mit dem Liga-Betrieb wieder weiter ging, wollte ich nicht gleich beim erstbesten Angebot zusagen. Ich suchte nach dem besten Gesamtpaket für mich und meine fußballerische Zukunft.
Im Herbst/Winter 2020 nahmen Sie ein Angebot von Drittligist SC Verl an. Sie wurden auf Anhieb Stammspieler in der Abwehr. Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt 2021/22 wechselten Sie zu 1860 zurück. Was war Ihre Motivation bei diesem Transfer?
Ich habe mich sehr gefreut, in meine Heimatstadt zu einem meiner Ex-Klubs zurückzukehren. 1860 war in der Vorsaison Vierter geworden und wollte in die 2. Liga aufsteigen. Ich war überzeugt, dass wir Großes erreichen können. Die Strahlkraft von 1860 hat mich beeindruckt, das war etwas ganz anderes als im Vergleich zu Verl. Es ging in der Hinrunde auch sehr gut los, aber leider gab es zwischenzeitlich ein längeres Formtief, was vieles zu Bruch gehen lassen hat. Es war aber trotzdem ein wichtiges Lehrjahr für mich.
Zur Saison 2023/24 wechselten Sie zu Arminia Bielefeld, das gerade von der ersten in die dritte Liga durchgereicht worden war. Aber Sie trafen bei der Arminia auf einen alten Bekannten: Mitch Kniat.
Die Ambition, mit Arminia Bielefeld in die 2. Liga aufzusteigen, hat mich gereizt. Tatsächlich war für den Wechsel aber auch Mitch Kniat ein wesentlicher Grund. Ich kannte ihn aus meinen letzten Wochen beim SC Verl. Ich wusste, wie er tickt, was er verlangt, wie er aber auch Spielern wie mir Vertrauen schenkt. Das war mir ganz wichtig bei dem Transfer. Es erleichterte mir die Entscheidung pro Arminia.
Bei der Aufstiegsfeier in Unterhaching zeigte Mitch Kniat zuletzt seine Qualitäten als Capo am Stadionzaun, was sehr sympathisch wirkte. Tickt er in der Kabine ähnlich emotional?
Er lebt Fußball. Er betreibt ihn mit viel Emotion, er bringt viel Energie ein. Aber man sollte nicht übersehen: Er ist auch taktisch extrem gut unterwegs. Er trifft rational richtige und wichtige Entscheidungen für die Mannschaft. Sehr oft hat er uns in den letzten zwei Jahren den richtigen Matchplan an die Hand gegeben. Der Erfolg gibt ihm Recht.
Womit wir zur unglaublichen Erfolgsserie der Arminia im DFB-Pokal übergehen können. Sie haben in jeder Runde einen großen Favoriten eliminiert: Hannover, Union, Freiburg, Werder und dann Double-Sieger Leverkusen. Wie produziert das Team Pokalwunder am Fließband?
Wir werden als Team oft nach einem Erfolgsgeheimnis gefragt, aber es ist schwer zu erklären. Ich kann nur betonen: Wir haben in jedem Pokalspiel einhundert Prozent Leistung abgerufen. Wir hatten nie Angst vor dem Gegner und wollten nie einen Bus im Tor parken, sondern mit Leidenschaft Fußball spielen. Und wenn man sieht, dass die Arbeit fruchtet, steigt auch das Selbstvertrauen. Irgendwann bist du der Überzeugung, wirklich jede Mannschaft besiegen zu können. Dieser Flow hat sich dann auch auf den Endspurt in der 3. Liga übertragen.
Am Samstag steigt nun das DFB-Pokal-Finale in Berlin gegen den VfB Stuttgart. Wie groß ist Ihre Vorfreude?
Wir alle freuen uns enorm auf das Endspiel. In den vergangenen Wochen mussten wir es mental beiseiteschieben, denn es galt den Aufstieg in die 2. Liga perfekt zu machen. Aber nun verspüren wir große Vorfreude.
Stuttgart als Gegner ist ein echtes Brett
Dieses Mal haben Sie aber kein Heimspiel. Ist das für Ihr Team nicht ein Nachteil gegen das Champions-League-gestählte Stuttgart?
Wir rechnen uns in jeder Begegnung etwas aus und werden auch im Finale selbstbewusst Fußball spielen. Natürlich hat die Partie in Berlin nochmal einen anderen Charakter und Stuttgart als Gegner ist ein echtes Brett. Wir müssen uns aber nicht verstecken. Wir stehen nach Siegen unter anderem gegen den Bundesliga-Fünften Freiburg und gegen Vize-Meister Leverkusen verdient im Endspiel.
Noch zu Ihnen persönlich: Sie sind Vize-Kapitän bei Arminia Bielefeld. Übernehmen Sie gerne Verantwortung für die Mannschaft? Wie sieht Ihre Arbeit für das Team aus?
Ich habe im Fußball viele Erfahrungen gesammelt und übernehme gerne Verantwortung. Ich komme dabei aber weniger über die Lautstärke und Emotion. Ich versuche inhaltliche Dinge, die aus meiner Sicht die Mannschaft weiterbringen, zu forcieren. Und auch im organisatorischen Bereich bringe ich mich ein, wenn es mal Probleme zu lösen gilt.
Sie gelten in den letzten vier Jahren als einer der konstantesten Spieler in der 3. Liga. Unabhängig vom Erfolg des Teams: Haben Sie das Gefühl, sich mit dem Aufstieg und dem Pokal-Finale auch selbst belohnt zu haben?
Ich denke schon, dass ich über Jahre hart gearbeitet habe und an meinen Zielen dran geblieben bin. Ich bin der Überzeugung, dass sich harte Arbeit auszahlt. Aber auch hier würde ich die Perspektive des Vereins miteinbringen. Als ich im Sommer 2023 nach Bielefeld kam, war die Mannschaft zum zweiten Mal in Folge abgestiegen. Es standen nur wenige Spieler noch unter Vertrag, es gab ein neues Trainer-Team und selbst die Vereinsführung stellte sich neu auf. In der ersten Saison drohte uns der Abstieg in die Regionalliga. Doch wir haben zusammengehalten und hart gearbeitet, um nun die Früchte unserer Arbeit zu ernten.
Zum Schluss noch eine private Frage, wenn Sie erlauben: Wir haben erfahren, dass Sie am 31. Mai heiraten – und zuvor, am 24. Mai, dem Tag des Pokalfinales, war Ihr Junggesellenabschied geplant. Was wird denn jetzt aus Ihrem JGA?
(Lacht) Mein Trauzeuge hatte sich für den 24. Mai das Finale des Westfalenpokals notiert – und dass wir nach dem Spiel in einer gut gelaunten Runde mit einigen Freunden einen großartigen Junggesellenabschied feiern. Nur kam uns jetzt das DFB-Pokal-Finale dazwischen…
Aber wir haben umgeplant: Meine ganzen Jungs kommen jetzt mit nach Berlin. Erst zum Finale ins Stadion – und dann wird gefeiert, ganz gleich, wie das Spiel ausgeht. Ich muss sagen, es ist wie ein Jackpot: Einen cooleren Junggesellenabschied als mit dem DFB-Pokal-Finale in Berlin kann ich mir kaum vorstellen.