Attacke auf Matthäus – Strafrichter warnt: „Uli Hoeneß spielt mit dem Feuer“
VonDaniel Michel
schließen
Lothar Matthäus schätzt Woltemades Wert auf 80 Millionen Euro. Uli Hoeneß sieht das anders und äußert sich scharf. Juristische Folgen sind möglich.
Ulm – Uli Hoeneß und Lothar Matthäus streiten mal wieder. Es ist eine unendliche Geschichte der beiden Weltmeister von 1974 und 1990. Unvergessen ist die Aussage von Hoeneß, Matthäus werde nicht mal Greenkeeper beim FC Bayern.
Im aktuellen Fall hatte Lothar Matthäus im Grunde nur eine persönliche Einschätzung abgegeben, nämlich jene, dass VfB-Stuttgart-Star Nick Woltemade eher 80 bis 100 Millionen Euro an Ablöse kosten sollte. Der FC Bayern, der Woltemade verpflichten will, orientiert sich dagegen an rund 40 Millionen Euro Ablöse.
Kann Hoeneß für seine Aussage gegen Matthäus bestraft werden?
Folglich platzte Uli Hoeneß der Kragen. Der Ehrenvorsitzende des FC Bayern sagte im kicker, Matthäus habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Die Bild-Zeitung spekulierte daraufhin, ob Hoeneß Matthäus mit dieser Aussage beleidigt habe und juristisch zur Verantwortung gezogen werden könnte.
Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, hat zu dem Konflikt einen Experten befragt: Oliver Chama.
Fußballer, Fußballerinnen und nochmal Fußballer – die Partner unserer DFB-Stars bei der Frauen-EM
Der 45-Jährige amtiert in Ulm, der Geburtsstadt von Uli Hoeneß, schon über ein Jahrzehnt als Straf- und Schöffenrichter sowie als Ermittlungsrichter in Steuerstrafverfahren. Die Frage, ob eine Person im juristischen Sinne beleidigt wurde, ist an jedem Strafgericht Alltag.
Im exklusiven Interview klärt Oliver Chama über die juristischen Optionen auf, die Lothar Matthäus gegen Uli Hoeneß besitzt. So viel vorweg: Uli Hoeneß spielt mit dem Feuer!
Herr Chama, wir haben Ihnen kurz skizziert, wie es um das Verhältnis zwischen Uli Hoeneß und Lothar Matthäus steht und was nun aktuell vorgefallen ist. Natürlich können Sie kein offizielles Urteil aussprechen und kennen nicht jedes Detail des Sachverhalts, aber durch Ihre Berufstätigkeit zunächst als Staatsanwalt und jetzt als Richter können Sie dennoch eine fachliche Einschätzung abgeben: Hat Uli Hoeneß Lothar Matthäus beleidigt?
Oliver Chama: Das ist eine gute Frage, denn im juristischen Sinne ist eine Beleidigung nicht immer einfach feststellbar. Eine mögliche Beleidigung muss immer in dem jeweiligen Kontext beurteilt werden. Vor allem muss in Deutschland das Grundrecht der Meinungsfreiheit mit höchster Priorität beachtet werden.
Die wichtigste Unterscheidung lautet in diesem Fall: Hat Uli Hoeneß in einer sachbezogenen Debatte lediglich scharfe oder auch überzogene Worte gewählt? – dann ist die Aussage „nicht alle Tassen im Schrank“ durch den Grundsatz der Meinungsfreiheit klar gedeckt.
Aber...
Diente die Aussage dazu, Lothar Matthäus in seiner Ehre zu kränken, dann kann Uli Hoeneß eine empfindliche Strafe drohen.
Wie könnte man Uli Hoeneß eine ehrverletztende Aussage nachweisen?
Im Fokus steht das vermeintliche Opfer, also Lothar Matthäus. Nur er selbst könnte einen Strafantrag gegen die vermeintlich ehrverletzende Aussage von Hoeneß erstatten. Die Staatsanwaltschaft würde dann prüfen, ob sie eine strafbare Beleidigung sieht und gegebenenfalls Anklage erheben.
Und käme es zum Prozess vor Gericht: Welche Strafe würde dann Uli Hoeneß drohen?
Die Höchststrafe wäre eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Eine solche dürfte aber zur Bewährung ausgesetzt werden können. In diesem Fall würde es aber im Falle einer Verurteilung wohl auf eine Geldstrafe für Herrn Hoeneß hinauslaufen. Die Summe würde bemessen werden am Einkommen von Herrn Hoeneß sowie der Schwere der Tat, welche vom zuständigen Richter festgelegt werden würde.
Nun saß Uli Hoeneß vor rund zehn Jahren aufgrund von Steuerhinterziehung im Gefängnis. Hätte dieser Fakt auch Auswirkungen auf einen aktuellen Prozess?
Tatsächlich wäre das möglich, ja. Herr Hoeneß gilt als vorbestraft, weshalb man bei einem entsprechenden Urteil die Geldstrafe erhöhen könnte.
Würde das Geld dann in die Taschen von Lothar Matthäus fließen?
Nein, wir sprechen hier vom Strafrecht. Die festgelegte Geldstrafe würde in die Staatskasse fließen. Herr Matthäus hätte aber die zusätzliche Option, zivilrechtlich gegen Herrn Hoeneß vorzugehen.
Was könnte Lothar Matthäus mit einer zivilrechtlichen Klage erreichen?
Herr Matthäus könnte von Uli Hoeneß für die vermeintlich ehrverletzende Aussage Schmerzensgeld verlangen, wenn ihm denn ein seelischer Schaden zugefügt wurde. Womöglich potenziert sich dieser Schaden, weil der Konflikt in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Außerdem könnte Herr Hoeneß auf Unterlassung gleichartiger Äußerungen verklagt werden.
Was wäre dann Ihrer Erfahrung nach eine mögliche Strafe für Herrn Hoeneß?
Bei gewöhnlichen Bürgern würde es sich wahrscheinlich – je nach Einkommenssituation des Täters - um eine Summe von 500 bis 1000.- Euro drehen. Da der Streit öffentlich ausgetragen wurde, könnte es in diesem speziellen Fall auch um mehrere Tausend Euro gehen.
...oder er spielt mit dem Feuer. Sie müssen sich auch vorstellen: Wäre Lothar Matthäus ein Politiker und Uli Hoeneß hätte diese Aussage getätigt, dann wäre eine erneute Freiheitsstrafe wahrscheinlicher. Durch den 2021 eingeführten Straftatbestand des § 188 im Strafgesetzbuch kann die Beleidigung von Politikern schärfer sanktioniert werden.
Womit wir quasi wieder am Beginn des Interviews angelangt wären...
Absolut! Im juristischen Sinne müssen wir eine mögliche Beleidigung immer im richtigen Kontext einordnen. Aber vieles bleibt dennoch Interpretationsspielraum. Ich würde die Aussage von Uli Hoeneß zum Beispiel als sachbezogene Meinungsäußerung ansehen, auch wenn die Wortwahl scharf war.
Ich kenne aber auch Kollegen, die eher zu dem Urteil kommen würden, dass dies eine ehrverletztende Aussage war – und dann wäre eine Geldstrafe für Herrn Hoeneß durchaus im Bereich des Möglichen.
Lothar Matthäus hat allerdings gesagt, er wolle keine Klage einreichen.
Das ist sehr löblich, denn wir haben aus meiner Sicht an den Gerichten bedeutendere Fälle zu bearbeiten, als womöglich jenen von zwei früheren Fußballstars, die nicht gut miteinander kommunizieren können. Dennoch sollte sich Uli Hoeneß noch nicht in Sicherheit wiegen: Herr Matthäus hat formal drei Monate Zeit, um einen Strafantrag zu stellen. Wer weiß, was noch passiert...