Die historische erste Auswärtspleite der deutschen Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation wirft Fragen auf. Auch Bundestrainer Julian Nagelsmann gerät in Bedrängnis.
Bratislava – Das herrliche Spätsommerwetter, die entspannte Atmosphäre der Altstadt und die wiederaufgebaute Burg von Bratislava haben deutsche Fußballer nicht genießen können. Vielleicht wäre ein Sightseeing-Tour jedoch besser gewesen, denn schlechter hätte die WM-Mission für die Nationalmannschaft kaum starten können. Deutschland hat sich mit einer 0:2 (0:1)-Niederlage in der Slowakei in der WM-Qualifikation unnötig in Zugzwang gebracht. Um die historische Dimension klar zu machen: In diesem Rahmen kassierte ein deutsches Team die erste Auswärtspleite überhaupt in der langen Geschichte.
Die Blamage nach Toren von David Hancko (42.) und David Strelec (55.) wird heftige Grundsatzdiskussionen auslösen, die auch Julian Nagelsmann in Erklärungsnot bringen. Der Bundestrainer hat mit den Nations-League-Duellen gegen Portugal (1:2) und Frankreich (0:2) drei Niederlagen in Folge kassiert – und mit Personal, Taktik und Wechseln ziemlich danebengelegen. Einen solchen Ausgang hat sich wohl niemand für den dreitägigen Kurztrip an die Donau ausgemalt.
Deutschland strahlte keine Siegermentalität aus
Die ganz in Weiß angetretene DFB-Auswahl schleppt nun einen gewaltigen Makel in diese Vierergruppe - die Direktqualifikation wird zum Kraftakt. Nagelsmann wäre gut beraten, nicht mehr vom WM-Titel zu schwadronieren, wenn das Ticket nach Amerika nicht gelöst ist. Im Heimspiel gegen Nordirland in Köln (Sonntag 20.45 Uhr/RTL) ist der vierfache Weltmeister zum Siegen verdammt.
An selber Stelle hatte die deutsche U21-Nationalmannschaft vor rund zwei Monaten das EM-Finale gegen England in der Verlängerung verloren. Als ob das ein schlechtes Omen sein sollte, strahlte das A-Team keine Siegermentalität aus. Das betraf auch den in einer 4-2-3-1-Formation als Rechtsverteidiger aufgebotenen Nnamdi Collins. Der 21-Jährige von Eintracht Frankfurt sollte seine Physis, Schnelligkeit und Vielseitigkeit bei einer hohen Positionierung ausspielen, was aber bei der fehlenden Balance auf dieser Seite überhaupt nicht klappte. Zu überhastet und fehlerbehaftet wirkte der Debütant in vielen Aktionen.
Einmal gibt‘s sogar die 6: Deutschland-Noten gegen Slowakei
Wiederholt stellte der in Bratislava geborene Leo Sauer die deutschen auf Linksaußen vor Probleme. Die beste Chance des 19-Jährigen wehrte Torhüter Oliver Baumann noch ab (21.), dann wäre ein Orientierungsproblem von Antonio Rüdiger fast schiefgegangen (27.). Das neue System schien nur Verwirrung zu stiften, weil Kapitän Joshua Kimmich irgendwie überall und nirgends zu finden war und die Bayern-Kollegen Leon Goretzka und Serge Gnabry eine Reihe davor kaum Bindung fanden.
Die deutsche Teilnahmslosigkeit zu dieser Pflichtaufgabe wirkte bisweilen erschreckend. Ausgerechnet Florian Wirtz, der mit einer Einzelleistung fast den Führungstreffer erzielte hätte (32.), sollte dann das Gegentor einleiten. Der Zauberfuß stritt noch mit dem ehemaligen Bundesligaprofi Ondrej Duda, als längst der Konter lief, den der aufgerückte Hancko wieder über die linke Seite zum 1:0 nutzte. Waren im Narodny futbalovy Stadion mit seinen blauen Sitzschale vorher Aufforderungen über die Videowände geflimmert, doch bitte Lärm zu machen, musste jetzt niemand mehr den slowakischen Anhang künstlich animieren.
Wieder am Tiefpunkt
Das deutsche Spiel litt auch unter der fehlenden Durchschlagskraft im Angriff, weil Nick Woltemade als Sturmspitze kaum Torgefahr ausstrahlte. Der Bundestrainer reagierte auf die desaströse Darbietung zur Pause nur mit der Collins-Auswechslung gegen David Raum, wobei Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt auf die rechte Problemseite wechselte. Besser wurde es nicht.
Erst nach 66 Minuten ging der ganz schwache Gnabry raus, der genau wie Goretzka eigentlich zur Halbzeit hätte erlöst werden müssen. Dominanz hatten seine Vertrauten doch nie erzeugt. Warum traute sich Nagelsmann nicht, den talentierten Paul Nebel zu bringen, der bei der U21-EM und beim FSV Mainz 05 so viele Überraschungsmomente kreierte? Es gibt bohrende Fragen an den 38-Jährigen, der das Viertelfinalaus bei der Heim-EM 2024 mit seinen rhetorischen Fähigkeiten viel zu positiv verkauft hat. Einen Sommer später ist Fußball-Deutschland wieder an einem Tiefpunkt angelangt.