VonIngo Durstewitzschließen
Eintracht Frankfurt bekommt im Werben um den deutschen Nationalspieler Konkurrenz – zwei Trainerwechsel sind schuld.
Seine EM-Premiere hat Pascal Groß gegen heillos überforderte Schotten ganz locker hinter sich gebracht. Okay, das war dann vielleicht nicht mehr die schwierigste aller Übungen, die einseitige Partie war längst entschieden, 3:0 stand es bereits, als der Mittelfeldspieler zur zweiten Halbzeit das Feld betreten durfte. Haudrauf Robert Andrich hatte es mit der körperbetonten Spielweise gegen die mutlosen Bravehearts ein bisschen übertrieben, weshalb Bundestrainer Julian Nagelsmann auf Nummer sicher ging und keine Hinausstellung des Leverkuseners riskieren wollte. So also durfte Groß ran, an der Seite des Irgendwie-Namensvetters Toni Kroos, und obwohl beide eine ähnliche Spielweise pflegen, ergänzten sie sich prima. Pascal Groß machte beim 5:1-Kantersieg einen guten Eindruck in seinem achten Länderspiel und seinem ersten bei einem großen Turnier.
Sehr wahrscheinlich wird der seit Samstag 33 Jahre alte Profi im zweiten Gruppenspiel am Mittwoch gegen die Ungarn erst einmal wieder die Bank drücken, aber das ist für den Allrounder in der Zentrale gar kein Problem. Er ist einfach nur ungeheuer glücklich und stolz, überhaupt dabei zu sein. Für den gebürtigen Mannheimer ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. „Es ist eine riesengroße Ehre.“
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Wie aber geht es bei ihm beruflich nach der Heim-EM weiter? Sein Vertrag beim englischen Premier-League-Klub Brighton & Hove Albion, für den er seit sieben Jahren spielt, läuft in einem Jahr aus. Und die Frage wird nun sein: Kehrt er in die Heimat zurück, zu Eintracht Frankfurt oder Borussia Dortmund vielleicht, oder bleibt er auf der Insel? „Grundsätzlich habe ich immer gesagt, dass ich offen bin, nach Deutschland zurückzukehren“, sagt er kürzlich. Aber aktuell liege sein Fokus ausschließlich auf der Europameisterschaft. Kann man glauben, einem aufrechten Burschen wie ihm sowieso.
Pascal Groß: Als Leader geplant
Es ist kein Geheimnis, dass die Eintracht den Routinier gerne als Schaltzentrale im Mittelfeld implementieren würde. In Frankfurt würde er perfekt ins Profil passen, die Hessen suchen genau diesen Spielertypen, einen vielseitigen Mittelfeldmann mit gutem Spielverständnis, verlässlichem Arbeitsethos – und Torgefahr. Zudem einen mit Leaderqualitäten, der die Vakanz füllen soll, die das Karriereende von Kapitän Sebastian Rode mit sich gebracht hat. Einen Profi wie Pascal Groß eben, dem schon sein früherer Trainer in Ingolstadt, Ralph Hasenhüttl, eine strategische Gabe attestierte, und: „Er ist ein Mentalitätsspieler.“ So jemand ist begehrt – auch mit 33 noch.
Die Ausgangssituation rund um Pascal Groß hat sich freilich in den vergangenen Tagen geändert, und das hat mit zwei Trainerwechseln zu tun. Einmal bei seinem Stammverein Brighton und einmal bei Borussia Dortmund. Bei den Seagulls hat ab der neuen Saison Fabian Hürzeler das Sagen, der den FC St. Pauli in die deutsche Bundesliga führte, sich aber jetzt den Traum von der Premier League erfüllen wird. Sieben Millionen Euro muss Brighton für das Trainertalent blechen. Und das würde nur ungern gleich einen zentralen, wichtigen Leistungsträger verlieren; Hürzeler macht sich für einen Verbleib des Mittelfeldmotors stark.
Nur Özil besser
Kein Wunder, Groß stand stets seinen Mann, ist Mister Zuverlässig. Er hat für Brighton 261 Pflichtspiele gemacht, 32 Tore geschossen und 52 vorbereitet. Topwerte, die von den deutschen England-Legionären nur Mesut Özil übertrifft.
Und neben seinem Stammklub prüft Borussia Dortmund nun auch noch einmal intensiver, ob man sich womöglich mit Pascal Groß verstärken sollte. Der Routinier stand schon mal auf der Liste, obwohl er eigentlich nicht ins Beuteschema des BVB passt, der gerade nach der Rückkehr von Sven Mislintat auf junge, unverbrauchte Kräfte setzt. Doch um eine gewisse Stabilität ins Gefüge zu bekommen, sind gestandene Profis wichtig. Daher wird auch der neue Dortmunder Coach Nuri Sahin ein Wörtchen mitreden und seine Expertise abgeben. Sollten die Borussen ernstmachen, sänken die Chancen der Eintracht. Sie hat zwar den Vorteil, dass sie sich schon länger um den Nationalspieler bemüht, aber zwei andere Nachteile, einen sportlichen, einen wirtschaftlichen. Während die Frankfurter in der Europa League antreten, spielen die Westfalen in der Königsklasse – und finanziell könnten sie fast das doppelte Gehaltsvolumen anbieten. Da wird Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche vorbereitet sein und einen Plan B in der Tasche haben müssen.
Noch aber hat die Eintracht die Hoffnung nicht aufgegeben, weil Groß auch menschlich genau der Typ ist, den sie sucht: ein Charakterkopf, der für seinen Sportsgeist, seine tadellose Einstellung und seine Bescheidenheit gelobt wird. Groß gehört zu jenen Fußballern, die zu anständig für die Branche sind, die demütig geblieben sind, alle Menschen gleich behandeln und nicht denken, sie seien etwas Besseres, weil sie gekonnter gegen den Ball treten und mehr Geld auf dem Konto haben als andere. Social Media lehnt er ab, der Familienvater. Angenehmer Zeitgenosse, dieser Herr Groß.
Ganz so wie sein Papa Stephan, einst Bundesligaprofi (255 Pflichtspiele für den Karlsruher SC), zudem Co-Trainer unter Hans-Jürgen Boysen bei Kickers Offenbach und gut bekannt mit Eintracht-Legende Karl-Heinz Körbel. Großen Einfluss auf die Entscheidung des Filius wird das freilich nicht haben.
