Babbel packt aus: „War kurz davor, Hoeneß eine zu verpassen“
VonAdrian Kühnel
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Babbel beharrt auf seiner kritischen Haltung gegenüber Hoeneß. Mit dem Bayern-Patron hatte er schon in den 90ern eine heftige Auseinandersetzung.
München – Der ehemalige Bayern-Profi Markus Babbel legt im exklusiven Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports, mit seiner Kritik gegen Ehrenpräsident Uli Hoeneß nach. Babbel enthüllt außerdem eine legendäre Kabinen-Konfrontation mit Hoeneß.
Daneben spricht Babbel über die Transferpolitik und Nachwuchsförderung des FC Bayern, verurteilt die Aktion des Bellingham-Vaters bei Borussia Dortmund und schwärmt von Eintracht Frankfurt.
Herr Babbel, hat sich Uli Hoeneß nach Ihrer jüngsten Kritik persönlich bei Ihnen gemeldet?
Nein, hat er nicht, muss er auch nicht (lacht). Es ist relativ simpel: Ich habe mir lange überlegt, ob ich den Weg des Experten gehe oder nicht. Ich dachte mir: Wenn ich ihn gehe, muss ich ihn auch richtig gehen, dann ist es auch egal, ob es meine Ex-Klubs betrifft. Ich muss das sagen, was ich sehe und beobachte. Es sind einfach Sachen beim FC Bayern passiert, die mir nicht gefallen. Uli Hoeneß gibt Interviews beziehungsweise Aussagen von sich, mit denen er seine eigenen Leute schwächt. Bevor ich wieder einen Shitstorm bekomme: Es geht nicht darum, dass Uli Hoeneß nicht Unfassbares geleistet hat. Er hat ein Lebenswerk hinterlassen. Aber Uli Hoeneß ist nicht der FC Bayern. Der FC Bayern steht noch über ihm.
Was stört Sie konkret an seinem Auftreten?
Das Problem ist, dass ich das Gefühl habe, er meint, er ist der FC Bayern und keiner ist mehr gut genug. Jeder muss öffentlich gemaßregelt werden. Das kannst du intern alles tun, aber bei Uli Hoeneß ist es immer Wild West – es wird aus der Hüfte geschossen. Er merkt nicht, dass er seine Top-Angestellten dadurch schwächt, ob es Max Eberl, Christoph Freund oder Jan-Christian Dreesen ist.
Da lobe ich mir Karl-Heinz Rummenigge, der Interviews immer mit Bedacht gibt, mit tollen Aussagen und Anstößen. Bei Hoeneß heißt es schlussendlich: „Es wird nach wie vor vom Tegernsee regiert.“ Er hat sich früher über Franz Beckenbauer aufgeregt, wenn der aus Kitzbühel etwas gesagt hat – jetzt macht er nichts anderes und schadet dadurch dem Verein.
Weltmeister, Manager-Legende, Haft – Flugzeugabsturz beendete Leben von Uli Hoeneß beinahe schon 1982
Mitleid habe ich keines, denn wenn du den Job beim FC Bayern machst, weißt du, dass du anstatt Lob viel öfter Feuer kriegst. Aber diese Begleitumstände machen seine Aufgabe nicht leichter. Wenn der Ehrenpräsident daherkommt und dir erzählt, was du zu tun hast, obwohl du das intern besprochen hast, kann ich mir vorstellen, dass er ab und zu die Faust in der Hosentasche ballen muss.
Die positiven Dinge werden nie erwähnt: Eberl kommt von den Gehaltskosten runter, holt Jonathan Tah und Tom Bischoff ablösefrei. Aber es werden immer nur die Negativsachen erwähnt. Sie rühmen sich mit ihrem Festgeldkonto – da ist aber scheinbar nicht mehr so viel übrig, weil sonst müssten sie nicht leihen, sondern könnten noch einkaufen.
Apropos Leihspieler: Welchen Spieler würden Sie in den letzten Transfertagen noch holen?
So genau weiß ich nicht, wer auf dem Markt verfügbar ist. Aber dass sie vorne was machen müssen, ist klar. Die Decke ist dünn, da darf nicht viel passieren. Im Mittelfeld sind sie gut aufgestellt, in der Offensive sehe ich noch Bedarf. Du wirst alle drei Tage auf höchstem Niveau spielen – das sind keine Maschinen, sondern Menschen, die auch mal durchschnaufen müssen.
Dass es beim FC Bayern turbulent zugehen kann, haben Sie selbst hautnah erlebt. Sie haben 1996 eine legendäre Kabinen-Konfrontation mit Uli Hoeneß nach einer Niederlage in Bremen gehabt. Was ist damals genau passiert?
Das war ein Bundesliga-Spiel gegen Werder Bremen. Damals war Bremen der große Erzfeind – Willi Lemke gegen Uli Hoeneß, das waren Manager-Battles. Wir verloren 0:3, Andy Herzog erzielte einen Doppelpack, bei einem Gegentor sah ich nicht gut aus. Und nach dem Spiel war ich wegen des Adrenalins immer gefährlich. Dann kam Uli Hoeneß in die Kabine, echauffierte sich und sagte: „Markus, was machst du da für einen Scheiß?“
Da bin ich aufgestanden, habe ihn gepackt und war kurz davor, ihm eine zu verpassen. Eine Spielertraube und Betreuer gingen dazwischen. Wenn er noch einen Mucks gemacht hätte, hätte es gescheppert. Man muss wissen: Ich werde jetzt 53, habe in meinem Leben noch nie geschlägert. Aber nach dem Spiel stimmte etwas mit mir nicht. Das Schöne mit Uli: Er ist nicht nachtragend. Meine Entschuldigung zwei Tage später hat er akzeptiert.
Ich verstehe total, dass er im ersten Jahr auf Bewährtes zurückgriff. Er kam von Burnley und hatte die Riesenchance, Bayern zu trainieren – da gingst du auf Nummer sicher. Was ich nicht verstanden habe: Bei der Klub-WM nahm er fünf, sechs Spieler aus der Akademie mit, traute sich aber nicht, sie zu bringen.
Wird sich jetzt etwas ändern? Die Transferziele Florian Wirtz und Nick Woltemade haben nicht geklappt, der Verein sagt: „Maximal Leihe“ – das ist eine Riesenchance für die Jungen. Ich bin kein Fan davon, ihnen was zu schenken, sie müssen sich das erarbeiten. Aber als Lennart Karl zuletzt gegen Leipzig reinkam, waren das richtig gute Szenen, womit er sich eine zweite Chance verdient hat.
Bleiben wir bei Woltemade: Klappt sein Wechsel zum FC Bayern 2026?
Wenn Nick so weitermacht wie das letzte halbe Jahr, wird Bayern wieder dran sein – aber auch andere Vereine. Er hat eine unfassbare Entwicklung genommen. Der VfB beißt sich heute noch in den Hintern, dass sie ihn nicht für die Champions League nominiert haben. Das ist mal wieder ein richtiger Typ – nicht dieses glattgeschleckte aus der dunklen Zeit à la „Hauptsache die Haare sind schön“. Er kann sich gut artikulieren, kommt aus einem tollen Elternhaus und geht mit Leistung voran. Ich will nicht, dass die halbe Nationalmannschaft in der Premier League rumläuft. Wir müssen unsere Top-Talente in der Bundesliga halten.
Das geht überhaupt nicht. Was sich manche Eltern herausnehmen und wie wichtig sie sich nehmen, ist fast unerträglich. Was glauben die Väter, was sie geleistet haben? Sie haben gar nichts geleistet – nur die Söhne haben Gas gegeben. Das wirst du von Müttern sehr selten sehen, aber die Väter meinen oft, sie sind wichtiger als der Spieler selbst.
Bei allem Respekt und aller Freude, dass er sich für Borussia Dortmund entschieden hat: Der hat gefälligst alles so zu tun, dass der Verein keinen Schaden nimmt. Das war definitiv nicht gut für Dortmund. Ich hoffe, dass Sebastian Kehl dem Vater mal ganz klar die Leviten gelesen hat.
Zum Abschluss: Eintracht Frankfurt ist furios mit 4:1 gegen Werder Bremen in die neue Bundesliga-Saison gestartet. Werden die Frankfurter Bayern-Jäger Nummer eins?
Ich würde es ihnen wahnsinnig gönnen. Als ich vor 14 Jahren nach Hessen gezogen bin, haben die Leute hier gesagt: „Mehr als Platz zwölf, höchstens Platz zehn ist nicht drin.“ Sie haben zunächst über Fredi Bobic und jetzt mit Markus Krösche eine Wandlung hingelegt, die beeindruckend ist. Mit Axel Hellmann haben sie einen überragenden Mann an der Spitze, mit Krösche einen, der herausragend arbeitet. Der Verein wirkt unglaublich harmonisch. Ob sie Bayern-Jäger Nummer eins werden, müssen wir abwarten – aber die Entwicklung ist sensationell.
Interview: Adrian Kühnel
Absolut Fussball, das Fußball-Portal von Home of Sports, hat in Kooperation mit casinozondervergunning.net mit Markus Babbel gesprochen
Markus Babbel, geboren in München, spielte für den FC Bayern, den Hamburger SV, den FC Liverpool, Blackburn und den VfB Stuttgart. Mit dem DFB-Team wurde er 1996 Europameister. Später war er Trainer in Stuttgart, bei Hertha BSC, der TSG Hoffenheim sowie dem FC Luzern und bei Western Sydney.