Wirtz-Deal entlarvt laut Kahn das komplette Bundesliga-Versagen
VonAdrian Kühnel
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Florian Wirtz wechselt zu Liverpool statt Bayern – für Oliver Kahn ein weiteres Alarmsignal für die schwächelnde Bundesliga im internationalen Vergleich.
Liverpool/München – Florian Wirtz entschied sich gegen den FC Bayern und für den FC Liverpool. Was auf den ersten Blick wie eine normale Transferentscheidung aussieht, entlarvt für den ehemaligen Bayern-Boss Oliver Kahn ein fundamentales Problem: Die Bundesliga verliert dramatisch an internationaler Strahlkraft – selbst bei deutschen Top-Spielern.
„Ich weiß nicht, ob das ein Problem des FC Bayern ist oder ob es nicht ein Problem der Bundesliga an sich ist“, analysiert Kahn bei Sky mit kritischen Tönen. Der Wirtz-Transfer nach England habe ihn „schon ein bisschen nachdenklich gemacht“. Denn hier zeigt sich ein Muster, das die deutsche Eliteklasse zunehmend beunruhigen sollte.
Sieben Spieler im letzten Vertragsjahr – Die Laufzeiten der Stars des FC Bayern
Premier League ist Bundesliga voraus – und lockt Stars wie Wirtz
Die Premier League lockt mit Argumenten, gegen die die Bundesliga machtlos erscheint. „Sportlich, wirtschaftlich und medial auch. Sie hat ganz andere Vermarktungsmöglichkeiten, auch global gesehen“, erklärt Kahn die Überlegenheit der englischen Liga. Für ambitionierte Spieler wie Wirtz sind solche Vorteile ausschlaggebend.
Besonders bitter: Ausgerechnet Bayerns jahrelange Dominanz könnte im Wirtz-Poker geschadet haben.
Kahn stellt die entscheidende Frage: „Wenn du dir überlegst, okay, gehe ich jetzt zum FC Bayern und werde ich jetzt da dann zum 15., 16., 17. Mal Deutscher Meister, ist das für mich wirklich so reizvoll?“ Die Antwort liegt auf der Hand – und sie schmerzt.
Wirtz gab FC Bayern Korb und sieht Liverpool als „Top-Drei-Klub“
„Ich wollte zu einem der Top-Drei-Klubs in der Welt und meiner Meinung nach war Liverpool einer davon. Es ist der richtige Zeitpunkt in meiner Karriere, den nächsten Schritt zu machen und in Liverpool bin ich in den besten Händen“, so der Nationalspieler.
Kahn moniert auch die internationale Schwäche der Bundesligisten. Die Bilanz der deutschen Teams: In den vergangenen zehn Jahren sprang nur jeweils ein Titel in Champions League (FC Bayern 2020) und Europa League (Eintracht Frankfurt 2022) heraus: „Das ist halt schon sehr dürftig.“ Stars wie Wirtz wollen allerdings unbedingt die Champions League gewinnen.
Diese internationale Schwäche wird zum Teufelskreis – weniger Erfolg bedeutet weniger Attraktivität, weniger Top-Transfers und damit noch weniger Erfolgsaussichten.
Die Bundesliga für Wirtz & Co. als Sprungbrett ins Ausland
Die Wurzel des Problems liegt in den Vermarktungserlösen. Während die Premier League vier Milliarden Euro für ihre TV-Rechte kassiert, muss sich die Bundesliga mit einem Bruchteil begnügen.
Kahn rechnete zuletzt im Beyond Business Cast vor: „Die vier Milliarden, die die Engländer für ihre Fernsehrechte bekommen, setzen sich aus zwei Milliarden für die Auslandsvermarktung und zwei Milliarden aus dem Inland zusammen.“
In Deutschland sieht die Bilanz ernüchternd aus: „Eine Milliarde für die nationalen Rechte und international sind wir bei 250 Millionen Euro“, erklärte Kahn die bemerkenswerte Diskrepanz. Dieses Ungleichgewicht wird zur existenziellen Bedrohung für die Konkurrenzfähigkeit deutscher Vereine.
Kahn warnte bereits 2023 vor den Folgen für die Bundesliga
„Ziel war es, die Bundesliga und die zweite Bundesliga zu stärken. Bei diesem Modell hätten die größeren Vereine viel Solidarität mit den Kleineren gezeigt“, erklärte Kahn damals.
„Nun besteht die Gefahr, dass der Abstand zu England und Spanien weiter wächst. Und das wäre dann ein Schaden für alle Vereine, die Größeren und die Kleineren“, prognostizierte der damalige Bayern-Vorstandsvorsitzende vor zwei Jahren. Seine düstere Vorhersage wird durch den Wirtz-Wechsel zur schmerzhaften Realität.
Ohne Kurswechsel steuert die Bundesliga auf einen dramatischen Abstieg zu
Die Bundesliga steht am Scheideweg. Entweder gelingt es, strukturelle Reformen durchzusetzen und die internationale Vermarktung zu revolutionieren – oder deutsche Vereine werden zu Entwicklungshelfern für die großen Ligen Europas degradiert.
Der Fall Wirtz ist dabei nur der Anfang einer Entwicklung, die das deutsche Fußball-Establishment in seinen Grundfesten erschüttern könnte.
Wenn selbst deutsche Jahrhunderttalente die Bundesliga als Sprungbrett betrachten statt als Ziel, dann ist es längst fünf nach zwölf. Die Frage ist nicht mehr, ob die Bundesliga international abgehängt wird – sondern nur noch, wie schnell und wie dramatisch dieser Abstieg verlaufen wird.