Brandt litt an „Özil-Syndrom“ – BVB-Stadion „kann super bremsen“
VonLars Pollmann
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Dortmunds Julian Brandt thematisiert Kritik an seiner Person und verdeutlicht, wie die BVB-Anhänger im Signal Iduna Park zum Problem werden können.
Dortmund – Bei der FIFA Klub-WM führt Julian Brandt Borussia Dortmund in Abwesenheit von Emre Can und Nico Schlotterbeck als Kapitän ins Turnier.
Über die Führungsqualitäten des Nationalspielers wird rund um den BVB gerne und oft debattiert. Der dienstälteste Profi von Dortmund hat zuletzt selbst betont, nicht dem Idealtypus des Leaders, der in Deutschland hochgehalten wird, zu entsprechen.
Brandt ging nun im Podcast „kicker meets DAZN“ noch näher darauf ein, sprach offen über die große Kritik, der er sich oft ausgesetzt sieht, und lässt auch Worte fallen, die wie Kritik am Publikum des BVB anklingen.
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„Mesut-Özil-Syndrom“: Brandt über jahrelange Kritik
„Früher wurde mir auch so ein bisschen dieses Mesut Özil-Syndrom vorgeworfen, von wegen, ‚der hat keine Körperspannung‘ und so“, erklärt Brandt im Podcast.
Der Vergleich mit Ex-Nationalspieler Özil ist dabei alles andere als schmeichelhaft. Der frühere Schalker und Bremer, der im Ausland für Real Madrid, den FC Arsenal, Fenerbahçe und Başakşehir in Istanbul spielte, wurde Zeit seiner Karriere trotz aller herausragender Qualitäten für seine vermeintlich lethargische Körpersprache und fehlende Intensität kritisiert. Dass Brandt selbst davon redet, in diese Schublade gesteckt worden zu sein, offenbart die Tiefe der Kritik.
Brandt spricht dabei von „früher“: Ein Hinweis darauf, dass er diese Phase überwunden zu haben glaubt. „Das ist meine Natur halt so ein bisschen gewesen“, sagt der Mittelfeldmann.
Kulisse als Bremsklotz: Wie 80.000 Fans die BVB-Stars belasten
Als noch brisanter könnten Brandts Aussagen über das eigene Publikum im Signal Iduna Park gelten. „Das Stadion kann dich tragen bis in den Himmel“, erklärt er zunächst diplomatisch. Doch dann wird er deutlich: „Aber wenn die Stimmung schlecht wird, kann es dich auch super bremsen.“
Dieser Hinweis zur Kulisse ist sicher ungewöhnlich für einen BVB-Profi. Brandt macht klar: „Wenn es 80.000 sind, kriegt man das halt mit, da kommt man nicht drumherum. Das kann einen auf jeden Fall drosseln.“
Besonders emotional wird der Mittelfeldspieler, wenn er über den jungen Teamkollegen Jamie Gittens spricht: „Das tut mir so leid für den Jungen, weil der ist 21 oder 22, der ist wirklich brutal gestartet in der Hinrunde und dann auf einmal denkst du dir, was hat der Junge getan?“ Der Engländer wurde in der Rückrunde beim BVB phasenweise von Teilen des Publikums ausgepfiffen, nachdem er eine tiefe Leistungsdelle erlitten hatte.
Brandts Analyse trifft einen wunden Punkt: „Er versucht dann durchzudribbeln, dreimal, viermal hintereinander, aber er macht das ja nicht extra, sondern er versucht, uns zu helfen.“
Vizekapitän unter Druck: Brandts ehrliche Selbstreflexion zur Führungsrolle
Als stellvertretender Spielführer geriet Brandt selbst zusätzlich unter Druck. „Damals im Sommer wurde ich gefragt, ob ich mir das zutrauen würde, Vizekapitän zu sein“, berichtet er über seine Ernennung. Die Folge: „Du fängst dann an natürlich so ein bisschen dieser Prototyp zu werden mit breiter Brust, versuchst mehr zu kommunizieren.“
Mit der Zeit erkannte Brandt, dass er sich durch die neue Rolle veränderte, und das nicht unbedingt zum Besseren. „Jetzt im Nachhinein ist die Antwort, einfach alles so machen wie immer“, lautet sein Fazit.
Brandts Offenheit zeigt eine gereifte Persönlichkeit
Julian Brandts ungewöhnliche Offenheit zeigt, wie er in seinen Jahren bei Borussia Dortmund gereift ist. Seine ehrliche Selbstreflexion über das „Mesut-Özil-Syndrom“ und die Belastung durch die eigenen Fans weisen einen Spieler aus, der seine Schwächen erkannt hat und für die Teamkollegen einsteht, ohne sich zu verbiegen.
Dass die berühmte BVB-Atmosphäre ihre Schattenseiten hat, muss sich ein Spieler der Schwarzgelben erstmal anzusprechen trauen.