VonLars Pollmannschließen
55 Millionen Euro für Jamie Gittens – der BVB entscheidet dagegen. Die Führung zeigt Standhaftigkeit im Poker, das könnte zum Problem werden.
Dortmund – Der Dienstagabend hätte für Borussia Dortmund ein lukrativer werden können. Bis 20 Uhr war das Transferfenster für Klub-WM-Teilnehmer geöffnet, bis 20 Uhr pokerte der BVB mit dem FC Chelsea um die Zukunft von Jamie Gittens.
Das finale Angebot hätte den Schwarzgelben laut übereinstimmenden Meldungen 55 Millionen Euro für den 20-jährigen Flügelspieler eingebracht. Die BVB-Antwort: Nein, danke.
Auch wenn die Ende 2024 medial ins Spiel gebrachten 100 Millionen Euro plus X für Gittens beim BVB nach Informationen von Absolut Fussball, dem Fußballportal von Home of Sports, nie als realistisch eingestuft wurden, lag das Angebot von Chelsea doch deutlich unter den eigenen Vorstellungen. Der Poker ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Er geht nach der FIFA Klub-WM weiter.
Drama am Deadline Day in Dortmund
Die Dramatik der letzten Stunden des Sonder-Transferfensters vor dem Turnier in den USA war für BVB-Verhältnisse ungewöhnlich. Eine geplante Medienrunde mit Sportdirektor Sebastian Kehl wurde kurzfristig abgesagt – die Verhandlungen mit Chelsea liefen auf Hochtouren, scheiterten letztlich an der eisernen Haltung von Kehl und Sportchef Lars Ricken.
Ein Detail am Rande deutete an, wie der Mann das alles fand, um den es ging: Gittens zischte vor den Augen zahlreicher Schaulustiger im PKW vom Trainingszentrum in Dortmund-Brackel. Der Engländer hat seinen Wechselwunsch längst bei den Vereinsbossen hinterlegt und soll sich mit Chelsea auch schon über einen üppig dotierten Langzeitvertrag einig sein.
Dem BVB droht ein unzufriedener Star
Unter Trainer Niko Kovač spielte Gittens bei der starken Aufholjagd der letzten Wochen der Bundesliga-Saison nur noch eine Nebenrolle, kam eher als Joker und wurde teils überhaupt nicht für Einsätze berücksichtigt. Am Dienstag absolvierte der Flügelspieler ein individuelles Programm auf dem Trainingsplatz.
Das hatte regelrecht Symbolcharakter: Der Spieler ist körperlich da, mental aber offenbar schon weg
Für den BVB wäre das kein ideales Szenario. Gittens soll die Klub-WM nutzen, um weiter an seinem Marktwert zu feilen und die Verhandlungsposition gegenüber Chelsea zu stärken. Das geht aber nur, wenn er beim intensiven Turnier absolute Leistungsbereitschaft zeigt.
Gittens ist die entscheidende Personalie in den BVB-Planungen
Dortmund steckt dabei in einer misslichen Lage: Nach der kostspieligen Verpflichtung von Jobe Bellingham für etwas mehr als 30 Millionen Euro hat der BVB keine großen finanziellen Spielräume mehr, zumal schon die Kaufoptionen bei Yan Couto und Daniel Svensson gegriffen hatten. Für weitere Transfers ist der Klub auf Verkaufserlöse angewiesen – und niemand im Kader dürfte diesen Sommer so hohe Summen generieren wie Gittens.
Das Chelsea-Angebot hätte dem Verein erheblichen Handlungsspielraum verschafft. Stattdessen sitzt man nun auf einem unzufriedenen Spieler, dessen Wert nicht zwingend steigen muss, sondern auch sinken könnte. Man stelle sich vor, dass Gittens in den USA eine schwerere Verletzung erleidet. Sie würde jeden Transfer zunichtemachen und die weiteren Planungen des BVB torpedieren.
BVB-Bosse spielen ein riskantes Spiel
Trainer Kovač muss einen Spieler integrieren, der eigentlich wegwill. Die Erfahrung lehrt: Unzufriedene Spieler bringen selten Höchstleistungen – und sind womöglich sogar anfälliger für Verletzungen, weil die letzte Spannung fehlt.
Ein Verkauf von Gittens vor der Klub-WM hätte freilich eine Lücke gerissen. Dennoch: 55 Millionen Euro für einen nicht komplett gesetzten Spieler, der einst ablösefrei von Manchester City in die Jugendabteilung geholt wurde, wären ein Top-Geschäft gewesen.
Die BVB-Bosse haben gepokert – und es muss sich zeigen, ob sie die Hand gewinnen oder verlieren.
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