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Seit nahezu einem Jahr trägt Lars Ricken die Verantwortung beim BVB. Trotz einer desaströsen Bilanz scheint er nicht unter massivem Druck zu stehen.
Dortmund – „Vor ein paar Wochen hat Aki mich gefragt: Bist du bereit? Ich musste darüber keine Nacht schlafen, ich bin bereit für diese Verantwortung.“
Diese Sätze sprach Lars Ricken anlässlich seiner Vorstellung als neuer Geschäftsführer Sport bei Borussia Dortmund am 15. Mai 2024. „Aki“, also Hans-Joachim Watzke, hatte den bisherigen Leiter der Nachwuchsabteilung durchaus überraschend inthronisiert.
Dass von der Beförderung für Ricken zuvor nichts nach draußen durchgedrungen war, war Klubchef Watzke seinerzeit eine besondere Freude. Wie untypisch dieser Umstand für den BVB war, zeigen die zehn Monate, die seit der Vorstellung von Ricken ins Land gezogen sind.
Ricken konnte den BVB zu keinem Zeitpunkt beruhigen
Dem Helden des Finals der Champions League 1997 gegen Juventus, als Ricken ein Jahrhunderttor für seinen Heimatverein Dortmund schoss, ist es im neuen Amt nicht gelungen, für Ruhe und Stabilität zu sorgen. Die Zahl der undichten Stellen beim BVB ist bemerkenswert.
So lasen Fans schon im Sommer 2024 von einer in Transferfragen uneinigen Klubführung und bekamen sie mit, wie der Klub ab Herbst mit einer Entscheidung über den glücklosen Trainer-Novizen Nuri Şahin rang. Auch die Streitigkeiten zwischen Sportdirektor Sebastian Kehl und dem Technischen Direktor Sven Mislintat sorgten monatelang für Schlagzeilen, das Engagement von Niko Kovač als Nachfolger von Şahin wurde sogar während eines laufenden Champions-League-Spiels durchgestochen.
Als Ricken sein neues Amt als Sportchef antrat, stand der BVB kurz vor dem Endspiel der Königsklasse gegen Real Madrid, der geborene Dortmunder verwies auch auf gute Saisons in den Jugendabteilungen sowie der U23. „Die Zukunft hat schon begonnen, und ich freue mich darauf, sie weiter gestalten zu können“, sagte Ricken.
Das klang nach Aufbruch, nach guten Zeiten, die auf Borussia Dortmund warten sollten. Übrig geblieben ist davon nach zehn Monaten: nichts.
BVB gegen Barça: Die letzten Highlights für lange Zeit?
Der BVB kann die Teilnahme an der kommenden Champions-League-Saison abhaken, jedenfalls was die Qualifikation über den Bundesliga-Weg anbelangt. Selbst die Europa League ist in weiter Ferne. Platz sieben würde für die Conference League reichen, wenn der DFB-Pokalsieger bereits international vertreten ist, aber selbst bis dahin fehlen dem BVB fünf Punkte. Im Viertelfinale steht dort aktuell übrigens beispielsweise Jagiellonia Białystok aus Polen.
In der Königsklasse trifft Dortmund auf den FC Barcelona. Viele Fans sehen den Duellen bereits mit einem gewissen Galgenhumor, aber auch einer echten Sorge entgegen: Wie lange wird es wohl zum nächsten Kracher in der Champions League dauern, wenn der BVB erwartungsgemäß ausscheidet? Es könnten Jahre sein, wenn nach dieser Katastrophensaison nicht die richtigen Schlüsse gezogen werden.
Dass zu diesen Schlüssen die Trennung von Kovač gehören dürfte, ist anzunehmen. Der Trainer hat zwar einen Vertrag bis 2026 erhalten und will schon deshalb explizit nicht als Feuerwehrmann gelten. Jedoch gilt Kovač nicht als Coach, der eine Mannschaft aufbauen und formen kann. Der Berliner ist Verwalter statt Gestalter, so treten seine Teams auch oft genug auf.
Noch wird kaum am Stuhl von BVB-Boss Ricken gesägt
Zudem dürften die Versäumnisse in der Kaderplanung das Ende der Amtszeit von Sportdirektor Kehl mit sich bringen. Dessen Vertragsverlängerung im Januar ging ein langes hin und her voraus, im Rückblick stellt sich die Frage ihrer Sinnhaftigkeit. Der BVB-Kader präsentiert sich unter der planerischen Federführung von Kehl als Ansammlung in der Theorie talentierter Profis, aus denen bisher kein Trainer eine funktionierende Mannschaft gebildet hat.
Durchaus bemerkenswert: Am Stuhl von Ricken selbst wird bis dato allenfalls mit stumpfem Werkzeug gesägt. Bisher wird der Ruf nach einem Rücktritt vom Rücktritt bei Watzke nur bei denjenigen laut, die Fußball als Machtspiel von Alphatieren begreifen.
„Die Zeiten der One-Man-Shows sind vorbei“, sagte Watzke selbst bei der Vorstellung von Ricken. Den Ex-Profi hatte er auch deshalb als Nachfolger auserkoren, weil Ricken ein umgänglicher, kommunikativer Typ ist, der sich in moderner Personalführung versteht.
Ricken wird von BVB-Insider gelobt
Tatsächlich wird die Arbeitsweise von Ricken seitens eines BVB-Insiders, der sich auch bei anderen Vereinen auskennt, gegenüber Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports, als geradezu vorbildlich beschrieben. Der Sportchef finde die „richtige Mischung aus Konsens und Basta-Methoden“, heißt es. Dass er die öffentlichkeitswirksamen ‚Elefantenrunden‘ beim BVB abgeschafft hat, wird etwa sehr positiv bewertet.
Das Problem: Die Prozesse können noch so gut sein, wichtig ist das Ergebnis, zu dem sie führen. Die Bilanz von Ricken fällt geradezu verheerend aus.
Mit Şahin hat der BVB dem unerfahrensten Trainer seiner jüngeren Historie den vielleicht am schwierigsten zu managenden Kader zur Verfügung gestellt. Die Anstellung des ehemaligen türkischen Nationalspielers war ein Wagnis, das nicht aufging. Der fast noch schlimmere Fehler: Ricken konnte sich lange nicht dazu durchringen, das Experiment folgerichtig abzubrechen.
Auch das im BVB-Umfeld von vornherein kritisch betrachtete Engagement von Kovač wird nach derzeitiger Lage der Dinge kaum noch zur großen Erfolgsstory. Wenn der Kroate, wie gemunkelt wird, spätestens nach der Klub-WM wieder Abschied nehmen muss, geht es als zweiter Fehlschuss von Ricken auf dem Trainerposten in die Annalen ein.
War Ricken wirklich „bereit für diese Verantwortung“ beim BVB?
Den vielleicht größten Makel stellt jedoch die Verlängerung mit Kehl dar. Sie wird den BVB viel Geld kosten, an den Altlasten, die der Sportdirektor verursacht hat, wird noch lange zu knabbern sein. Geradezu sinnbildlich, dass der Fehlstart ins Fußballjahr 2025 unmittelbar auf die Nachricht des neuen Vertrags von Kehl folgte. Auch dessen Transferbilanz im Winter lässt im Rückblick immer deutlicher zu wünschen übrig.
Der Umstand, dass trotz drei solcher Fehlschüsse binnen zehn Monaten noch nicht lautstark über die Position von Sportchef Ricken diskutiert wird, spricht dafür, wie sehr sich der BVB nach Kontinuität und Ruhe sehnt. Wahrscheinlich ist deshalb, dass der 48-Jährige die Chance erhält, die Fehler zu korrigieren.
Der Beweis, dass Ricken „bereit für diese Verantwortung“ war, steht aus.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Marcel von Fehrn

