BVB-Krisenfigur Brandt offenbart seine emotionale Seite
VonLars Pollmann
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Der BVB feiert den Einzug ins Achtelfinale der Champions League still. Vor allem Julian Brandt wirkt durch die anhaltende Krise betroffen.
Dortmund – „Wir haben nicht mehr gemacht als nötig“, sagte Emre Can nach dem Einzug von Borussia Dortmund in das Achtelfinale der Champions League durch ein 0:0 im Playoff-Rückspiel gegen Sporting am Mittwochabend beim Streamingdienst DAZN.
Mancherorts macht sich Entrüstung über die Einschätzung des BVB-Kapitäns breit, der damit allerdings durchaus Selbstkritik am Team übte. „Wir müssen lernen, solche Spiele zu gewinnen. Diese Mentalität müssen wir reinbekommen“, forderte Can von sich und den Kollegen. Der Sturm der Entrüstung gehört damit also eher ins Wasserglas.
Julian Brandt ist der neue Sündenbock beim BVB
Die weitaus spannenderen Aussagen nach der langweiligen Nullnummer gegen den portugiesischen Meister, der das Achtelfinale schon vor dem Rückspiel in Dortmund abgeschenkt hatte und eine bessere B-Elf aufstellte, kamen von Julian Brandt.
Der Regisseur des BVB ist gewissermaßen in die Rolle gerückt, die Can selbst lange innehatte, durch gute Leistungen als Innenverteidiger jedoch ein Stück weit ablegen konnte: Brandt gilt als Symbol der Dortmund-Krise, bekommt viel persönliche Kritik ab und scheint an der Situation so stark zu knabbern zu haben, dass er sein enormes fußballerisches Potenzial nur noch in homöopathischen Dosen zeigen kann.
Dortmund gewann nur eins der letzten acht Heimspiele
Bei seinem Interview mit dem Streamingdienst schaute Brandt bedröppelt, fast schon bemitleidenswert daher, redete in ruhigen Tönen. Den 28-Jährigen munterte auch das Lob von Chefcoach Niko Kovač nicht auf, das Reporter Marco Hagemann ihm übermittelte. „Da ist wie in den vergangenen Wochen noch eine Menge Luft nach oben. Es war ein bisschen wie bei der ganzen Mannschaft, unsere Defensive hat es sehr gut gemacht, aber nach vorne war es nicht scharf genug. Ich bin froh, dass wir weitergekommen sind, aber gehe mit verschiedenen Gefühlen nach Hause“, erklärte Brandt zur eigenen und mannschaftlichen Leistung.
In die Freude und „Erleichterung“ über den erfolgreichen Einzug ins Achtelfinale mischte sich beim Nationalspieler auch „persönliche Enttäuschung“ über das nächste Heimspiel ohne Sieg. Schwer zu glauben, aber wahr: Der BVB gewann seit einem 4:0 gegen den SC Freiburg am 23. November mit dem 3:1 gegen Schachtar Donezk nur noch eine von acht Partien vor den eigenen Fans.
Brandt ist der dienstälteste BVB-Profi
Ihnen hätte Brandt gegen Sporting gerne „schöne Momente zurückgegeben“. Für ihn ganz persönlich wären sie nicht minder wichtig gewesen. An kaum einem BVB-Profi nagt die aktuelle Krisensituation so sehr wie am Mittelfeldmann. „Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Es trifft mich schon sehr, es ist eine Situation, die ich so in sechs Jahren noch nie hatte“, sagte der dienstälteste BVB-Spieler.
Persönliche Kritik, „ob gerechtfertigt oder nicht“, kriege er gar nicht zwingend mit. „Aber ich bin ja mittendrin, stehe auf dem Platz, weiß, wie wir spielen und kann das reflektieren“, so Brandt. Der 48-fache DFB-Internationale hat gewaltiges Spielverständnis, an guten Tagen sprüht die Kreativität nur so aus ihm heraus. Damit ist er aber auch empfindlich für negative Schwingungen in der Mannschaft insgesamt. Den Vorwurf der mangelnden Konstanz kann Brandt schon seit Jahren nicht ablegen.
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So offen wie sich Brandt nach dem 0:0 gegen Sporting äußerte, spricht er nur selten über sich. „Ich bin keiner, der Emotionen frei hinauslässt, ich mache sehr viel mit mir selbst aus. Aber es ist eine schwere Situation, das ist der Grund, warum das Selbstverständnis und die Leichtigkeit fehlen.“
Das Spiel gegen die Portugiesen sei insofern „ein Spiegelbild“ gewesen, was Brandt auf die Mannschaft, wohl aber auch sich selbst bezog: „Da ist Sand im Getriebe, den müssen wir rauskriegen, durch Tore, Leistungen, Siege. Alles andere bringt nichts. Da hilft kein Schamane mehr“, konnte Brandt in seinem Interview wenigstens einmal schmunzeln.
Zu einer echten Kampfansage reichte es nicht. „Das ist ein Kampf, da musst du raus, aber es gehört zum Leben dazu. Wir werden daraus lernen“, sagte Brandt zwar, erweckte dabei aber nicht den Eindruck, in der aktuellen Situation selbst daran zu glauben, dass die Wende für Borussia Dortmund bevorsteht.