Mehr als eine Aushilfe

Top-Star „abgekocht“: Kritisierter Profi mausert sich zum BVB-Abwehrchef

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Borussia Dortmund musste gegen Sporting auf Viktor Gyökeres aufpassen. Als Joker sah der Stürmer vor allem dank eines gescholtenen Stars kein Land.

Lissabon/Dortmund – Die Stimmung im Estádio José Alvalade XXI zu Lissabon war beim Heimspiel von Sporting in den Playoffs der Champions League gegen Borussia Dortmund am Dienstagabend (0:3) lange durchaus beeindruckend. Am lautesten wurden die Fans der Gastgeber, als Viktor Gyökeres kurz vor der Stundenmarke zur Einwechslung bereitstand.

Der Schwede ist in dieser Saison der überragende Mann bei Sporting, hat sich mit bereits 34 Pflichtspieltreffern auf die Notizzettel aller Top-Klubs geschossen. Unter anderem beim FC Bayern soll er auf der Liste stehen. Die Ausstiegsklausel, die in Portugal für alle Spieler gesetzlich vorgeschrieben ist, beträgt bei Gyökeres, der einst auf Leihbasis beim FC St. Pauli kickte, wohl schlappe 100 Millionen Euro. 75 bis 85 Millionen Euro reichen aber offenbar ‚schon‘, um den 26-Jährigen im Sommer loszueisen.

Emre Can ist beim BVB keine Abwehraushilfe mehr

Gut für den BVB, dass der Torjäger derzeit nicht ganz fit ist und deshalb am Dienstag von der Bank kam. Inklusive Nachspielzeit reichte es für knapp 35 Minuten, in denen Gyökeres kaum einen Stich landen konnte. Der klare Punktsieger im Privatduell mit dem Topstar von Sporting war mit Emre Can ausgerechnet ein Profi, der im Dortmunder Umfeld immer wieder sehr kritisch gesehen wird.

Der Kapitän musste in den vergangenen Wochen und Monaten oftmals als Innenverteidiger aushelfen, in Portugal hätten Trainer Niko Kovač aber auch andere Optionen offengestanden. Dass Waldemar Anton nach einer indisponierten Leistung gegen seinen Ex-Klub VfB Stuttgart auf die Bank rotierte, war durchaus ein Fingerzeig des neuen Trainers – der schon bei seiner Vorstellung in der vergangenen Woche bemerkt hatte, wie wohl sich Can auf der Position des Innenverteidigers fühlt.

Niko Kovač macht deutliche Aussage über die Abwehrhierarchie von Dortmund

„Er hat es gegen beide Stürmer, und das sind zwei richtig gute Kanten, außerordentlich gut gemacht“, sagte Kovač nach dem 3:0-Sieg des BVB am Dienstagabend. Jungstar Conrad Harder hatte Gyökeres in der Startelf ersetzt, war nur bei einem Distanzschuss gefährlich geworden. Gyökeres meldete Can nach dessen Einwechslung sogar regelrecht ab. „Er hat ihn im Laufduell zwei, dreimal abgekocht“, lobte auch Nebenmann Nico Schlotterbeck.

Viktor Gyökeres sah gegen Emre Can beim Champions-League-Spiel zwischen Sporting und dem BVB kaum Land.

Das Duo könnte bei Kovač nun die Chance erhalten, sich festzuspielen. Als linker Innenverteidiger ist Schlotterbeck gesetzt, für den Posten neben ihm sind neben Can auch Waldemar Anton und der wieder genesene Niklas Süle Alternativen. „Wenn Emre so weiterspielt, und davon bin ich überzeugt, ist mit Sicherheit derjenige, der diese Position im Moment am besten bekleidet“, machte Kovač in Portugal eine ziemlich deutliche Aussage.

Nico Schlotterbeck fühlt sich neben BVB-Kapitän Can wohl

Schlotterbeck ließ durchblicken, dass er sich im Zusammenspiel mit Can durchaus wohlfühlt. „Mit Emre kannst du eine hohe Kette spielen, weil er schnell ist. Ich finde, er macht das mit und gegen den Ball sehr gut“, so der Nationalspieler. „Es freut mich für ihn, er hat keine leichte Zeit, wird von euch und den Leuten viel kritisiert“, fügte Schlotterbeck in einer Medienrunde in der Mixed Zone hinzu.

Die Kritik an der Reizfigur Can ging in der Vergangenheit schon so weit, dass Sportchef Lars Ricken im Herbst mit rechtlichen Schritten drohte. In der Tat landete mancher Vorwurf gegenüber dem Kapitän unter der Gürtellinie, jedoch boten seine Leistungen auf der angestammten Position vor der Abwehr oft Anlass für Kritik. Auch in der Innenverteidigung agiert Can nicht völlig fehlerfrei, in Lissabon verschätzte er sich in der Anfangsphase einmal beinahe fatal.

Führt Kovač bald die Dreierkette beim BVB ein?

Trotzdem bringt der gebürtige Hesse in der letzten Kette seine Qualitäten in dieser Saison deutlich öfter gewinnbringend für das Team ein. „Er hat sich da richtig reingebissen und viele gute Spiele auf der Position gemacht, seinen Wert auch als Kapitän unter Beweis gestellt“, lobte Sportdirektor Sebastian Kehl nach dem Sieg bei Sporting.

Rund um den BVB gibt es dieser Tage viele Spekulationen, dass Kovač demnächst auf eine Dreierkette umstellen könnte. Mit dieser Anordnung war der Kroate einst bei Eintracht Frankfurt erfolgreich. Seinerzeit übernahm er ein Team im Abstiegskampf, sorgte für Stabilität, schaffte den Klassenerhalt in der Relegation und verabschiedete sich mit dem Triumph im DFB-Pokal gegen den FC Bayern nach München.

Sollte die Dreierkette auch in Dortmund Einzug halten, wäre nach derzeitigem Stand wohl nur die Frage offen, wer den dritten Platz neben Schlotterbeck und Can einnimmt. Die Tendenz: Kovač dürfte auf Süle vertrauen, der schon beim FC Bayern beim Chefcoach einen Stein im Brett hatte.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Henrique Casinhas / SOPA Images

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